Filmfest München 2018 #3: Großes Potential

Diskussion

Wie funktionieren Beziehungen unter sich ändernden Rahmenbedingungen und angesichts existenzieller Bedrohung? Diese ewigen Fragen (nicht nur) des Kinos zogen sich durch die Filme in der Reihe „Neues deutsches Kino“ beim Filmfest München 2018. Als bester Spielfilm dieser Sektion wurde am Ende ein Werk ausgezeichnet, das auf ungewöhnlich dichte Weise von den Folgen eines sexuellen Übergriffs erzählt.


Auf ihr Klassentreffen angesprochen, reagiert Janne ausweichend, die für ihre Umwelt deutlich sichtbaren Blutergüsse um ihr eines Auge erklärt sie mit einer Möbelkante. Nur ihrer Mutter gegenüber deutet sie unerfreuliche Avancen eines Mannes als Ursache ihrer sichtbaren Verletzung an: „Der wollte irgendwie und ich wollte nicht.“ Mehr verrät die etwa 30-jährige Frau, die mit ihrem Freund bis vor kurzem einen kleinen, insolventen Verlag führte, nicht und wehrt weitere Nachfragen entschieden ab. Ihr ahnungsloser Freund bekommt immer mehr den Frust zu spüren, für den sie nach dem Geschehenen keinen anderen Kanal findet.

„Alles ist gut“, der Diplomfilm der Regisseurin Eva Trobisch an der Hochschule für Fernsehen und Film München, stellt die Situation einer Frau dar, die nach einer Vergewaltigung in ein Stadium der Verunsicherung, unterdrückter Wut und trotzigem Behauptungswillen gerät. Hinzu kommt, dass sie dem Täter tagtäglich wiederbegegnet, weil er als Schwager ihres neuen Chefs und väterlichen Freundes im selben Büro wie sie arbeitet. Trobisch zeigt unverhüllt die Brutalität der Vergewaltigung, bricht in ihrem beachtlich dichten Debütfilm aber stereotype Darstellungen auf Opfer- wie Täterseite auf, indem sie beide konsequent als widersprüchliche Charaktere zeichnet: Janne erscheint in ihrem Bemühen, sich hinter einer Maskerade des vorgeblichen Gleichmuts zu schützen, ebenso glaubwürdig wie ihr von seiner Tat sichtlich beschämter Antagonist Martin. Sorgfältig in Aufbau wie Dialogen und mit überraschenden, gut dosierten Momenten des Humors, leuchtet der Film die Verdrängungsstrategien aus, den Konflikt zwischen äußerer Fassade und innerlicher Aufwühlung und die wachsende Erkenntnis, welche lebenslangen seelischen Folgen der sexuelle Übergriff haben wird. Unter den 16 Weltpremieren der Reihe „Neues deutsches Kino“ beim Filmfest München 2018 präsentierte sich „Alles ist gut“ als bezwingendes Debüt, das verdient den Preis für den besten deutschen Film gewann und für das vielschichtige Spiel von Aenne Schwarz – in ihrer zweiten großen Kinorolle nach „Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika“ – eine weitere Auszeichnung kassierte.

"Alles ist gut"
"Alles ist gut"

Ob und wie Beziehungen unter sich ändernden Rahmenbedingungen noch funktionieren können, sind ewige Fragen, denen sich auch das Kino mit nicht nachlassendem Interesse widmet. Die deutsche Reihe in München präsentierte sich 2018 alles andere als beziehungsmüde: Unter den Variationen zu diesem Thema stachen viele Filme durch originelle Ansätze heraus, auch wenn diese nicht in jedem Fall konsequent durchgezogen wurden. Waren es in „Liebesfilm“ (vgl. Blogeintrag #1) eher die verspielten Elemente, die im Gedächtnis blieben, als die am Ende recht konventionelle Reflexion von Beziehungsmustern, erwies sich auch der „German Mumblecore“-Regisseur Philipp Eichholtz mit „Kim hat einen Penis“ dem titelgebenden Einfall zum Trotz eher als Abbild vertrauter Dynamiken. Die Operation, die der Hauptfigur Kim zu männlichen Geschlechtsteilen verhilft, ohne ihr Frausein grundlegend zu verändern, beschwört zwar einige Irritationen und Streitsituationen mit ihrem Freund Andreas herauf. Letztlich handelt der Film jedoch im Rahmen einer recht gut besetzten, aber wenig aufregenden WG-Dramödie nur vom Ungleichgewicht einer Beziehung, in der ein Partner über den Kopf des anderen hinweg Entscheidungen trifft, die Auswirkungen auf beide haben – die Geschlechtsoperation erscheint wie ein reichlich überzogener Versuch, die bescheidene Geschichte künstlich aufzubauschen.

Wie sich auf der anderen Seite erzählerisch übersichtliche, bis zu einem gewissen Grad auch vorhersehbare Szenarios durch gekonnte Beherrschung von Spannungsprinzipien und Mut zur erzählerischen Lücke in den Griff bekommen lassen, war in München bei der Deutschlandpremiere von Ulrich Köhlers „In My Room“ (in der Reihe „Spotlight“) zu erleben. Köhlers Film über einen Mann, der eines Tages in einer Welt erwacht, in der alle Menschen verschwunden zu sein scheinen, und sich nach anfänglicher Verlorenheit daranmacht, sich mit Selbstversorgungsstrategien die Fortexistenz als vermeintlich letzter Mensch auf Erden aufzubauen, folgt gängigen Mustern, hält aber über die gesamte Länge das Interesse aufrecht. In der Begegnung mit einer Frau als einzigen sichtbaren weiteren menschlichen Überlebenden, handelt auch dieser Film von Beziehungsfragen, wobei der sich vom haltlosen Verlierer zum stolz seine Unabhängigkeit feiernden, aber verletzlichen Mann wandelnde Protagonist zur faszinierend gebrochenen Figur wird – die zweite dieser Art für den Schauspieler Hans Löw beim Filmfest München neben der des reuigen Vergewaltigers in „Alles ist gut“.

"In My Room"
"In My Room"

Wenig gebrochen sind hingegen die Figuren im durchgestylten Thriller „A Young Man with High Potential“ von Linus de Paoli. Der auf Englisch gedrehte, abgründige Film ignoriert in seiner Geschichte eines soziophobischen Informatikstudenten, der sich in seine Arbeitskollegin verliebt, unter ihrer Zurückweisung leidet und sich nach einer Kette unglücklicher bis gewaltsamer Entwicklungen mit nicht wieder rückgängig zu machenden Verbrechen auseinandersetzen muss, konsequent Empfindlichkeiten. Dabei ist der Film in seiner kühl beobachtenden, dezidiert unmoralischen Darstellung der Vorgänge problematisch, in seinem formalen Können jedoch fesselnd. Das unbequemste Werk der deutschen Reihe will verstören und schafft dies auch mit beachtlicher Konsistenz; für diesen „Mut zum Risiko“ gewann die Produzentin Anna de Paoli am Ende einen Förderpreis.


Fotos aus "Alles ist gut" und "A Young Man with High Potential": Filmfest München 2018

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