53. Karlovy Vary Filmfestival

Highlights aus dem internationalen Wettbewerb

Diskussion

Ein rumänischer Film über den Umgang mit einem antisemitischen Exzess an der Ostfront während des Jahres 1941 gewinnt den Hauptpreis im tschechischen Kurort Karlsbad (29.6.-7.7. 2018). Der starke Wettbewerb beschäftigte sich auffällig intensiv mit der Brüchigkeit von Familien in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Zusammenhängen. Eine Auslese der wichtigsten Filme.


Es gibt wohl nur wenige Filmfestivals, die im Umgang mit ihren Preisen so viel Selbstironie und lakonischen Humor aufbringen wie das Karlovy Vary Filmfestival. Das gilt besonders für den „Crystal Globe“, der an Schauspieler und Regisseure vergeben wird. In kurzen Trailern, die vor den Filmen laufen, wird der „Crystal Globe“ auf seine Nützlichkeit, den (Geld-)Wert oder seine Alltagstauglichkeit hin abgeklopft. „Shit happens“, resümiert beispielsweise Harvey Keitel in einer New Yorker Kneipe, nachdem ihm die Trophäe auf den Fuß gefallen ist, der daraufhin eingegipst werden muss. Milos Forman zerkleinert mit dem schweren Ding seine Tabletten. John Malkovich reagiert auf die Mutmaßungen eines indischen Taxifahrers, dass so ein Preis für das Lebenswerk doch etwas Schönes sei, genervt. „Wie meinen Sie das? Dass er überfällig war? Wohlverdient? Dass meine verdammte Karriere vorbei ist?“

Aktueller Neuzugang der Reihe ist Casey Affleck, der den „Crystal Globe“ 2017 erhielt. In „seinem“ Kurzfilm versucht er, in einem Pfandhaus in Los Angeles mehrere Gegenstände zu verscherbeln, darunter den „Crystal Globe“. Die Pfandleiherin ist an einem Handbohrer interessiert, doch bei der Preisstatuette zeigt sie auf ein Regal, wo schon drei weitere stehen. „Ich werde sie einfach nicht los!“ Schließlich landet der Preis mit einem Knall auf der Ladefläche von Afflecks Pick-up. Dass die derart Geehrten trotzdem gerne nach Karlsbad kommen, bewiesen in diesem Jahr Tim Robbins, der sich mit einem Konzert im Karlstheater bedankte, und Barry Levinson, dem eine kleine Hommage gewidmet war.


Das Herzstück des Festivals ist der Wettbewerb, in dem zwölf Beiträge zu sehen waren. Ein roter Faden bildete das Private, die Familie, ihr oftmals erzwungener Zusammenhalt, ihre Brüchigkeit, die vergeblichen Versuche, sie zu kitten. Auffallend oft waren alleinerziehende Eltern zu sehen, die sich zwischen Arbeit, Alltag und der Sorge um ihre Kinder aufreiben. Ein schönes Beispiel dafür ist der israelische Film „Geula“ des Regie-Duos Joseph Madmony und Boaz Yehonatan Yacov, der mit dem „Ökumenischen Filmpreis“ ausgezeichnet wurde. Erzählt wird die Geschichte des streng orthodoxen Witwers Menachem, dessen siebenjährige Tochter Geula an Krebs erkrankt ist. Um die teuren Chemo-Therapien bezahlen zu können, belebt er jene Rockband wieder, mit der er vor 17 Jahren lokale Erfolge feierte. Doch nicht nur die Zeiten haben sich geändert, sondern auch die Beziehung zu den anderen Musikern. Fragen nach Integrität und Glauben treffen hier auf die bedingungslose Liebe eines Vaters zu seiner Tochter. Der Zwiespalt zwischen orthodoxem Judentum und lebensfreudiger Musik wird ebenfalls thematisiert. Die Regisseure sehen ihren Figuren genau zu. Sie zeichnen farbige Charaktere, die in ihrem Alltag und Umfeld gefangen sind. Hauptdarsteller Moshe Folkenflik erhielt dafür den Preis für den besten Hauptdarsteller.

"Geula"
"Geula"

Eine unvollständige Familie (oder genauer: eine Familie, die nie eine war) präsentiert „Podbrosy“ des russischen Regisseurs Ivan I. Tverdoskij. Eine Mutter hat ihr Neugeborenes vor 16 Jahren in einer Babyklappe abgegeben. Nun „entführt“ sie ihren fast erwachsenen Sohn aus dem Kinderheim, allerdings nicht aus Mutterliebe, sondern um sein Talent auszubeuten. Der Sohn empfindet nämlich keine Schmerzen; er kann sich vor Autos werfen, deren Fahrer dann vor Gericht verklagt werden. Ein wenig erinnern die Actionszenen an David Cronenbergs „Crash“, wo die Entfremdung der Figuren ebenfalls in eine beklemmende Todessehnsucht umschlug. Staatsanwalt, Rechtsanwältin, Richterin, Ärztin, Mutter, Zeugen und Polizei: alle sind in das finstere Komplott eingebunden.

Tverdoskij zeichnet ein düsteres Bild der russischen Gesellschaft, in der Korruption und Gier das menschliche Miteinander bestimmen. Die Mutter-Sohn-Beziehung hingegen nimmt einen fast inzestuösen Charakter an. Irritierend, wie die Mutter halbnackt durch die Wohnung läuft, um mit ihrem Sohn zu flirten. Nebenbei ist dies auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden: Der Junge lernt, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, was den Bruch mit seiner neuen Umwelt nach sich zieht. In diese Gesellschaft will er sich nicht integrieren. Es bleibt ihm nur die Rückkehr ins Heim.

"Podbrosy"
"Podbrosy"

Eine versehrte Familie präsentierte auch die argentinische Regisseurin Ana Katz in „Sueno Florianópolis“. Obwohl die Eltern schon seit Monaten getrennt leben, fahren sie mit ihren heranwachsenden Kindern von Buenos Aires aus in den brasilianischen Küstenort Florianópolis, um während der Ferien sich noch einmal eine Chance zu geben. Doch ein Gemeinschaftsgefühl will sich fern von zu Hause nicht einstellen. Vater und Mutter erleben kleine Abenteurer mit anderen, die Kinder gehen ihre eigenen Wege. Die Loslösung vom Alltag bedingt auch eine Auflösung der Beziehungen – es geht um verlorene Liebe, erste Liebe, zufällige Begegnungen und flüchtige Urlaubsfreuden. „Sueno Florianópolis“ erhielt den Spezialpreis der Jury und den FIPRESCI-Preis der Internationalen Filmkritik; Mercedes Morán wurde für ihre Rolle der Mutter als beste Darstellerin ausgezeichnet. Wie sie den Balanceakt ihrer Figur umsetzt, die ihre Familie zusammenhalten, aber auch unabhängig werden will, ist außergewöhnlich und ragt aus den Leistungen des durchweg guten Ensembles hervor.

"Sueno Florianopolis"
"Sueno Florianopolis"

In dem türkischen Film „Kardesler“ von Ömür Atay ist der Gedanke der Familie von Anfang an pervertiert. Der 17-jährige Yusuf wird nach vier Jahren aus dem Jugendgefängnis entlassen. Erst später erfährt man, warum er verurteilt wurde: Sein älterer Bruder Ramazan hat einen Menschen getötet, doch Yusuf musste auf Geheiß des Vaters die Schuld übernehmen, da ihm als Jugendlichem eine geringere Strafe drohte. Nun versuchen die Brüder in einer staubigen Trucker-Tankstelle mit angeschlossenem Motel ein neues Leben zu beginnen. Doch die Vergangenheit lässt sich nicht ausschließen. Allerdings wirkt der Konflikt, in dem sich ein junger Mann zwischen Familienbande und Rechtsempfinden entscheiden muss, etwas zu ausgestellt, ähnlich wie die Bilder der tristen Tankstelle, in der jeder auf der Durchreise ist, während die Protagonisten hier gefangen sind.

"Kardesler"
"Kardesler"

Überstrahlt wurde der Wettbewerb von einem ganz anderen Film, wuchtig und ungewöhnlich inszeniert, provokant und sarkastisch, intelligent und erschreckend, mit einem brisanten Thema und einem sperrigen Titel: „Imi este indiferent daca in istorie vom intra ca barbari“ („I Do Not Care If We Go Down in History as Barbarians“). Regisseur Radu Jude nimmt sich der rumänischen Vergangenheit an, eines Tabuthemas, über das öffentlich nicht gesprochen wird: Das Massaker an Zehntausenden Juden, das die rumänische Armee 1941 an der Ostfront nach dem Fall Odessas begangen hat. Im Mittelpunkt des Films steht eine junge Regisseurin, die die Ereignisse von damals nachinszenieren will – auf einem großen Platz mitten in Bukarest. Man sieht ihr bei den Vorbereitungen zu, der Auswahl der Kostüme, bei den Proben der Massenszenen, den Diskussionen mit den Laiendarstellern, bei Auseinandersetzungen mit dem staatlichen Zensor und beim Small Talk mit Politikern. Dabei geht sie keine Kompromisse ein. Wie wird Geschichte geschrieben? Was ist damals wirklich geschehen? Höhepunkt ist die abendliche Vorführung, bei der deutsche, russische und rumänische Armeen aufmarschieren. Am Schluss brennt eine Holzhütte ab, in der Juden eingepfercht sind. Das ist ein Bild, das man nicht so schnell vergisst. Hannah Arendts Ausspruch von der „Banalität des Bösen“ kommt einem in den Sinn. Zu Recht wurde der Film mit dem „Crystal Globe“ für das beste Werk ausgezeichnet.


Fotos: © Filmfestival Karlovy Vary. Bild oben/Startseite: aus „Imi este indiferent daca in istorie vom intra ca barbari“

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