„Und dafür haben wir den Holocaust überlebt?“

Dienstag, 10.07.2018

Interview mit dem israelischen Regisseur Samuel Maoz über seinen Film „Foxtrot“

Diskussion

Der 1962 geborene israelische Regisseur Samuel Maoz hat als 20-Jähriger im Libanonkrieg gekämpft. Von seinen Erfahrungen handelte sein Debütfilm „Lebanon“ (2009). In „Foxtrot“ (läuft am 12. Juli in den deutschen Kinos an) erzählt er nun von Trauer und den kollektiven Traumata einer Gesellschaft, die in einem nie endenden Krieg lebt. In Israel ist der Film auf heftige Kritik gestoßen; die Kultusministerin attestierte ihm ein „anti-israelisches Narrativ“. Ein Gespräch über Angst und ihre Folgen, das Groteske und den Zensor in den Köpfen der Menschen.


Ihr Film „Lebanon“ beruhte auf Ihren eigenen traumatischen Erfahrungen als Panzerschütze im Libanonkrieg 1982. Gab es bei „Foxtrot“ auch autobiografische Motive?

Samuel Maoz: Ja, in gewisser Weise schon. Einen Moment, an dem ich extreme Angst um meine Tochter verspürt habe. Das ist schon einige Jahre her. Meine älteste Tochter trödelte morgens immer herum und verpasste regelmäßig den Schulbus. Ich musste dann ein Taxi rufen. Das war auf Dauer aber zu teuer und erschien mir auch pädagogisch verhängnisvoll. Also habe ich eines Morgens einfach gesagt: „Von jetzt ab fährst du mit dem Bus. Wenn du zu spät bist, musst du selbst sehen, wie du damit klarkommst.“ Sie stapfte wütend zur Haltestelle. 20 Minuten später hörte ich im Radio, dass sich im Bus der Linie 5 in Tel Aviv ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hatte und Dutzende dabei ums Leben kamen. Ich konnte meine Tochter nicht erreichen, das Mobilfunknetz war zusammengebrochen. Niemals in meinem Leben hatte ich eine so schreckliche Angst und solche Schuldgefühle. Das war schlimmer als der ganze Libanonkrieg. Doch meine Tochter hatte glücklicherweise den Bus verpasst. Ihr war nichts passiert. Mich aber hat das sehr beschäftigt. Ich dachte darüber nach, was wir eigentlich in unserem Leben kontrollieren können und was alles schiefgehen kann. Diese Überlegungen durchziehen „Foxtrot“. Können wir eigentlich irgendetwas selbst bestimmen, oder hängt unser Leben ausschließlich von mehr oder weniger chaotischen Zufällen ab?

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