Ingmar Bergman und das Heilige

Mittwoch, 11.07.2018

Ein Essay zum Gottesbild im Werk des schwedischen Regisseurs

Diskussion

Ingmar Bergman, Sohn eines protestantischen Pfarrers, beschreibt in seiner Autobiografie den Auszug aus dem Haus des Vaters und dem Haus des christlichen Glaubens mit Vehemenz als Befreiungsbewegung. Wie muss man sich den Gott vorstellen, von dem er sich lösen wollte?


Ingmar Bergman, Sohn eines protestantischen Pfarrers, beschreibt in seiner Autobiografie den Auszug aus dem Haus des Vaters und dem Haus des christlichen Glaubens mit Vehemenz als Befreiungsbewegung. Wie muss man sich den Gott vorstellen, von dem er sich lösen wollte? Vielleicht als strengen und strafenden, unberechenbaren und launischen, als vorwiegend zornigen Gott – als Ebenbild der realen Vaterfigur. Ein zu fürchtender Gott aus Kinderperspektive... Als der junge Alexander in „Fanny und Alexander“ nach dem Tod des Bischofs, seines Stiefvaters, der ihn das Grauen gelehrt hat, endlich entlastet, wie er meint, durch die Räume seiner Großmutter streunt, legt sich ihm plötzlich eine schwere Hand auf die Schulter und stößt ihn nieder auf den Boden – es ist die Hand des toten Bischofs, ein Schreckgespenst, das ihm prophezeit: Du wirst mir nicht entgehen.

"Fanny und Alexander"
"Fanny und Alexander"

Nicht immer spiegeln die Figuren des Kunstwerks alle Empfindungen ihres Schöpfers; es wäre vorschnell zu behaupten, auch Bergman selbst hätte sein Leben lang die Prägung durch einen strengen Gottesbegriff nicht verwunden. Doch ist es auffällig, dass sich viele seiner Personen als Verlassene sehen und bekennen, sie hätten den Glauben verloren, existierten in einer gottlosen Welt – dann ist ihnen vermutlich die Vorstellung einer tröstlichen, einer sanften und halbwegs begreiflichen Ordnungsmacht abhandengekommen. Am provokantesten erhebt der Pastor in „Schreie und Flüstern“ seine Stimme zu einem Zorngebet, das, voller Misstrauen, keine Antwort mehr erhofft: Am Bett der sterbenden Agnes fügt er liturgische Verheißungen, die das Jenseits betreffen, in Konditionalsätze, als wolle er damit demonstrieren, dass vor der prüfenden Lebenserfahrung kein Heilsversprechen als erwiesen gelten darf: „Wenn es so ist, dass er sein Angesicht über Dir erhebt, wenn es so ist, dass Du dann die Sprache sprichst, die dieser Gott versteht, wenn es so ist, dass Du dann sprechen kannst zu diesem Gott. Wenn es so ist, bitte für uns, Agnes, liebes Kind (…) Bitte für uns alle auf dieser dunklen, schmutzigen Erde unter einem leeren, grausamen Himmel.“

Es gibt scheinbar Beispiele für das Gegenteil, den gefundenen oder wiedergefundenen Glauben: In der mittelalterlichen Legende „Die Jungfrauenquelle“ hängt der starke und reiche Bauer schon dem neuen Christenglauben an, wenngleich nicht so unbedingt

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