Das Vermächtnis des Weißwedelhirschjägers

Bei Netflix: Eine satirische Komödie um archaische Männerbilder und eine komplexe Vater-Sohn-Beziehung

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Josh Brolin ist im Kinojahr 2018 sozusagen das Alphamännchen Nummer Eins. In „Avengers: Infinity War“, „Deadpool 2“ und „Sicario 2“ mimt er den harten Hund, mit dem man sich tunlichst nicht anlegen sollte. Der Film mit dem auf Deutsch ziemlich lustig klingenden Titel „Das Vermächtnis des Weißwedelhirschjägers“ ist ein amüsanter Kontrapunkt zu Brolins Blockbuster-Trias. Fröhlich demaskiert der 1968 geborene Mime darin das Männlichkeitsgehabe seiner Figur als peinliche Performance eines Typen, dem längst die Felle davongeschwommen sind.

Regisseur und Drehbuchautor Jody Hill arbeitet sich mit der Geschichte um den von Brolin dargestellten Jäger Buck Ferguson an jenem Menschenschlag ab, der spätestens seit der Wahl von Donald Trump als US-„Problembär“ ausgemacht ist. Ferguson ist ein konservativer weißer Mann aus einfachen Verhältnissen, der sich latent bedroht fühlt von allem, was er als urban, liberal und unamerikanisch empfindet. Ein simpler Kerl, dem die moderne Realität zu komplex erscheint und der sich nach überschaubaren Verhältnissen sehnt. Ein Ventil für diese Sehnsucht findet er in dem Hobby, das er zum Beruf gemacht hat: der Jagd, die ihn in die Natur führt und ihm, wie er an einer Stelle des Films erzählt, im Akt des Tötens ein Gefühl der Macht vermittelt.

Wenn er im Tarnanzug auf die Pirsch geht, lässt er sich von seinem Kumpel Don filmen, wobei er Jagd- und Outdoor-Ausrüstung als „product placement“ in die Kamera hält und das Ganze dann unter dem Titel „Buck Fever“ als Reality-Show-Format vermarket. Allerdings hat er seit Längerem mit schwindendem Zuschauerinteresse zu kämpfen. Der Film setzt ein, als die beiden zu einem besonderen Trip nach North Carolina aufbrechen: Fergusons zwölfjähriger Sohn Jaden soll diesmal den Vater begleiten, um vor laufender Kamera in die Geheimnisse der Jagd eingeweiht und dabei „zum Mann“ zu werden. Was Ferguson nicht an die große Glocke hängt: Seine Frau hat sich vor zwei Jahren von ihm getrennt, weil sie es nicht mehr ertragen konnte, dass er entweder auf der Jagd oder betrunken war; seither lebt sie und Jaden mit einem anderen Mann zusammen. Mit dem Jagdausflug will Ferguson zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Der Trip soll zugkräftiges „Buck Fever“-Material liefern und zudem die Verbindung zwischen Buck und seinem Sohn stärken, der in den Augen seines Vaters ein viel zu positives Verhältnis zum neuen Freund der Mutter hat.



Doch es kommt anders, als Buck es sich vorgestellt hat. Jaden freut sich zwar auf das gemeinsame Abenteuer und nimmt auch die Dauerpräsenz der Kamera willig hin, fängt aber bald an, aus der für ihn vorgesehenen Rolle auszubrechen. Die pathetische Initiation in die Jagdtradition, die seinem Vater vorschwebt, kollidiert mit den Interessen des Jungen, was zu Spannungen führt, die der Kameramann Don nur so lange auffängt, bis Fergusons Rücksichtslosigkeit auch ihn verärgert. Anstatt den beeindruckenden Hirsch zu jagen, der zu Beginn der Reise gesichtet wurde, jagt bald eine Katastrophe die nächste.

Die Rolle des Kameramanns spielt Danny McBride, der auch am Drehbuch mitgewirkt hat und zusammen mit Jody Hill in den USA vor allem durch die HBO-Comedyserie „Eastbound and Down“ bekannt wurde. Wie in der Serie nehmen die beiden auch hier männliches Platzhirsch-Verhalten auf die Schippe. Mit der Schärfe der satirischen Spitzen gegen Waffenfetischismus, die Jagd als Sport und den „Make America Great Again“-Konservativismus halten sie sich allerdings zugunsten der Dynamik einer spannungsvollen Vater-Sohn-Beziehung eher zurück. Jaden, sympathisch dargestellt von Montana Jordan, entpuppt sich darin zwar als Widerpart seines Vaters, hat aber zugleich viel mit seinem Erzeuger gemeinsam: Beide neigen zu Selbstüberschätzung und spucken gerne große Töne, bekommen es aber nicht hin, über ihre Gefühle und Ängste zu sprechen.

Die Inszenierung macht daraus eine launige Mischung aus moderater Action, komischen Wortgefechten und emotionaleren Szenen, wenn hinter den Tarnanzügen allmählich doch Verletzlichkeiten ans Licht kommen. Überraschende Haken schlägt die Handlung nicht; dass Jody Hill und Danny McBride mitunter nicht etwas böser und politischer werden, ist ein bisschen schade. Als Familienkomödie um fragliche männliche Rollenbilder hat „Das Vermächtnis des Weißwedelhirschjägers“ aber durchaus seine Meriten.

Anbieter/Fotos: Netflix


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