Tau

Bei Netflix: Ein Science-Fiction-Thriller darüber, wie künstliche Intelligenz zu menscheln beginnt.

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Julia ist eine hübsche junge Frau in einer nicht weiter bestimmbaren Großstadt. Nachts zieht sie sich eine Perücke auf – wie Prostituierte das in Filmen seit „Pretty Woman“ tun –, hat mit Typen auf Clubtoiletten Sex und liefert das Verdiente anschließend bei wem auch immer ab. Doch eines nachts wird sie auf dem Heimweg entführt – und in die High-Tech-Wohnfestung des besessenen Tüftlers Alex gebracht. Er implantiert ihr einen Chip, will ihre Gedanken nutzen für ein Projekt, das er seinen Investoren schon lange versprochen hat. Organisiert wird dort alles von Alex' Schöpfung, der Künstlichen Intelligenz Tau (Gary Oldman) – er erscheint als bunt leuchtendes Auge im Dreieck an der Wand wie das modernisierte Signum eines vorchristlichen Kultes.

Regisseur Federico D'Alessandro hat für Netflix eine Anordnung geschaffen, die ebenso künstlich wirkt wie ihre Titelfigur und sich bei bekannten Genre-Versatzstücken bedient: ein so besessener wie entrückter Wissenschaftler ohne moralische Hemmungen, ein Computersystem, das Gefühle entwickelt, und ein Opfer von ganz unten, das eh niemand vermisst. All das ist zunächst so lieblos herunterinszeniert, dass selbst die originelleren Ideen wie die bienenhaft ferngesteuerten Nano-Drohnen-Helferlein (auch sie sind ein Teil von Tau) hilflos wirken.



Mit Maika Monroe und Ed Skrein hat der Film in den Hauptrollen keine namhaften Stars – was nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen sein muss; D'Alessandro fehlt aber nicht nur das große Budget für „Production Values“, sondern auch jegliche annähernd weltbewegende Idee, was man mit dem Science-Fiction-Genre anstellen könnte. Alex‘ gefühllose Entrücktheit wird unterstrichen von gefälliger Klaviermusik, die zu unbestimmbarem Designer-Essen ertönt. Um zu entkommen, muss Julia Tau manipulieren: Sie liest ihm vor, hört mit ihm Musik, verschwistert sich mit ihm. Bald sagt er: „I am a person.“ Julia schlägt immer wieder in diese Kerbe, um Tau dazu zu bringen, sich gegen seinen Schöpfer zu wenden. Doch Alex geht nicht sentimental mit seiner Kreation um – er bestraft ihn im schlimmsten Fall mit der Vernichtung aller Erinnerungen, wobei Tau höllische Schmerzen zu erleiden scheint. Gary Oldman verleiht Tau bei allem computerhaft Stockenden eine derartige Wärme und Sanftheit, sodass man als Zuschauer bei diesen Demütigungen mitfühlt, als würde ein Mensch gefoltert. Die Entfernung des Gedächtnisses als schlimmste denkbare Strafe verstärkt das Ganze noch. Dennoch behält Julia ihren Einfluss über die Kreation, die ihr einziger Verbündeter ist.

Am Ende ist „Tau“ einerseits erwartbare Science-Fiction-Action nach bewährtem Muster. Doch der bescheidene Rahmen lässt immerhin Raum für charmante Momente, wo es um die Solidarisierung von geknechtetem Menschen und abgerichteter Maschine geht. Wie die künstliche Intelligenz mit Julia interagiert und Tau schließlich zu menscheln beginnt, ist durchaus schön anzuschauen. Werden diese Wesen irgendwann als Menschen gelten?

Anbieter/Fotos: Netflix

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