King Charles III

Eine Theater-Adaption um eine nahe Zukunft, in der Königin Elizabeth II. gestorben ist und Prinz Charles die Regierungsgeschäfte übernimmt. In gebundener Sprache verfasst im Stil von Shakespeares Königsdramen.

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Es ist was faul im Staate Großbritannien – denn Queen Elizabeth II, seit 1952 Staatsoberhaupt des Commonwealth, hat das Zeitliche gesegnet! In einer Szene in „King Charles III“ findet eine Figur für diese Situation, die angesichts des hohen Alters der Königin in einer nicht allzu fernen Zukunft angesiedelt ist, die herrlich despektierliche Metapher eines Kebab-Spießes: Was, wenn das Commonwealth die aus unterschiedlichen Fleischstücken zusammengepresste Keule ist und die Monarchin der Spieß war, der alles zusammenhielt? Düstere Aussichten!

Zwar steht Charles, bisher Prince of Wales, prompt bereit, um die Regierungsgeschäfte zu übernehmen, jedoch manövriert der späte Thronfolger sich und seine Bürger unverzüglich in eine veritable Staatskrise. Der Premierminister legt dem noch nicht offiziell inthronisierten König einen von Unter- und Oberhaus ratifizierten Gesetzesentwurf vor, der ein Instrument zur Regulierung und Kontrolle der Presse sein soll; der angehende König hat die Pro-forma-Aufgabe, das neue Gesetz zu unterschreiben. Er verweigert dies jedoch, weil er darin einen mit Großbritanniens Werten unvereinbaren Eingriff in die Pressefreiheit sieht. Der Premierminister und die Abgeordneten im Parlament wiederum sehen in dieser Intervention des Königs einen Missbrauch seiner Position, die nur repräsentativ ist und keinen Eingriff in die Arbeit der demokratisch gewählten Volksvertreter erlaubt. Charles zeigt sich allerdings prinzipientreu und unbeugsam und löst, als die Abgeordneten sein Veto auszuhebeln drohen, das Parlament kurzerhand auf. Worauf überall im Land Unruhen ausbrechen.



Es ist also was faul im Staate: dass sich dabei Parallelen zu „Hamlet“ und anderen Shakespeare’schen Königsdramen ziehen lassen, kommt nicht von ungefähr. „King Charles III“, eine Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von Mike Bartlett aus dem Jahr 2014, ist sozusagen eine spielerische Fortsetzung von Shakespeares Dramen, die sich mit den Dilemmata der Macht befassen; wo Shakespeare in seinen „Histories“ von „Richard II“ bis „Richard III“ rückblickend die Geschichte der britischen Monarchie bis zur Machtergreifung des Hauses Tudor aufrollte, spinnt Bartlett vorausblickend die Geschichte der Windsors nach dem Tod der zweiten Elizabeth aus. Und das in kongenial an Shakespeare angelegten Blankversen, die das Stück und auch den Film zu einem Sprach-Genuss machen, der an Klang und Esprit seinesgleichen sucht – und das wohlgemerkt nicht nur in der englischen Originalfassung, sondern auch in der gelungenen deutschen Synchronisation. Inszeniert wurde die Verfilmung von Rupert Goold, der den Stoff auch auf der Bühne umsetzte und für den Film einen Großteil seines Ensembles, allen voran den hervorragenden Charles-Darsteller Tim Pigott-Smith, mitbrachte.



Dabei leugnet die Filmadaption ihre Theater-Herkunft nicht und beschränkt sich bis auf wenige Ausnahmen, wenn es um die öffentlichen Unruhen geht, auf kammerspielartige Dialogsequenzen. Diese wirken allerdings ganz und gar nicht „unfilmisch“, weil der Regisseur die prachtvollen Locations, die als Stellvertreter für Westminster Abbey, den Buckingham Palace etc. fungieren, atmosphärisch einzusetzen weiß (unter anderem Harewood House in Yorkshire, das auch schon in der Serie „Victoria“ ein fürstliches Double abgegeben hat) und zudem effektiv das Mittel der Großaufnahme nutzt, um die Leistung seiner Schauspieler umso besser in Szene zu setzen.

Neben dem schieren Vergnügen an der gebundenen Sprache und den Shakespeare-Referenzen – wenn etwa Lady Di als Geistererscheinung ominöse Prophezeiungen von sich gibt, Charles einige Monologe direkt in die Kamera ad publico spricht oder sich um Prinz Harry ein Seitenstrang spinnt, der ein bisschen an den jungen Prinzen Hal in „Heinrich IV“ erinnert) überzeugt der Stoff auch durch seinen in Brexit-Zeiten umso aktuelleren Biss: Das Gedankenspiel, das diese Tragikomödie um die Krone, das britische Volk, seine gewählten Vertreter und die Presse als „vierte Macht“ entfaltet, stellt nicht zuletzt brisante Fragen nach der Funktionstüchtigkeit der britischen Demokratie. Was wohl gewesen wäre, wenn Elizabeth angesichts der Brexit-Entscheidung das Gebot der politischen Neutralität aufgegeben und Stellung bezogen hätte hätte? Nicht auszudenken!

Anbieter/Fotos: Universum

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