Venezia 75: Die Auswahl des Wettbewerbs

Netflix-Produktionen, ein deutscher Beitrag und zu wenig Regisseurinnen: Ein Überblick übers Line-up des Wettbewerbs beim 75. Filmfestival in Venedig

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Netflix darf mit auf den roten Teppich! Während das Filmfestival in Cannes dieses Frühjahr mit der Verbannung von Netflix-Produktionen für Furore sorgte, um den Kinos als Abspielstätten gegenüber der Konkurrenz der Streaming-Anbieter den Rücken zu stärken, fällt das 75. Filmfestival in Venedig (29.8.-8.9.) den französischen Festival-Kollegen sozusagen in selbigen, indem es gleich mehreren Netflix-Produktionen eine Plattform bietet. Im Wettbewerb ist mit „The Ballad of Buster Scruggs“ das vielerwartete erste Netflix-Projekt der Brüder Joel und Ethan Coen vertreten: Angelegt als Western-Anthologieserie aus sechs Episoden, wird die 132-minütige erste Episode um den „Goldenen Löwen“ konkurrieren. Außerdem kehrt Regisseur Alfonso Cuarón, dessen Film „Gravity“ 2013 das Festival in Venedig eröffnet hatte, mit einer Netflix-Produktion an den Lido zurück: sein Film „Roma“, ein Film über eine Mittelstands-Familie in Mexico City der 1970er-Jahre, nimmt ebenfalls am Wettbewerb teil. Die Loyalität und Wertschätzung gegenüber Filmemachern wie Cuarón scheinen für die Verantwortlichen in Venedig also schwerer zu wiegen als der Schutz des klassischen Kinos gegenüber Netflix und Co.

Was vielleicht auch dazu passt, dass Venedig im letzten Jahr bereits signalisiert hat, dass es neben dem Kino-Erlebnis andere Formen audiovisuellen Erzählens und Rezipierens als wichtig ansieht: 2017 hatte die „Mostra“ als erstes der A-Festivals neben dem traditionellen Wettbewerb einen Wettbewerb für Virtual Reality eingerichtet, der 2018 nun zum zweiten Mal stattfinden wird.

Die Konkurrenz um den „Goldenen Löwen“ dürfte es den Virtual-Reality-Beiträgen freilich nicht ganz leicht machen, ein Stück der kollektiven Aufmerksamkeit zu erobern, bietet sie doch ein imposantes „Who’s Who“ des internationalen Autorenfilms – wobei allerdings Regisseurinnen schmählich unterrepräsentiert sind; einzig Jennifer Kent, die 2014 mit ihrem Horrorfilm „Der Babadook“ auf sich aufmerksam gemacht hat, darf im männlich dominierten Wettbewerb mitspielen. Ansonsten liegt der Schwerpunkt auf renommierten europäischen Filmemachern wie Mike Leigh, Olivier Assayas, Jacques Audiard, Luca Guadagnino, Yorgos Lanthimos und László Nemes. Mit Spannung erwarten darf man im Wettbewerb die Arbeiten von David Oelhoffen, dessen Film „Den Menschen so fern“ 2014 im Wettbewerb in Venedig lief und dort den Preis der katholischen Jury gewann, und von Brady Corbet, dessen „Childhood of a Leader“ 2015 in Venedig lief (bei den „Orizzonti“) und einer der aufregendsten Filme des ganzen Jahrgangs war. Und ob Luca Guadagninos Neuverfilmung von Dario Argentos „Suspiria“ als Schocker des Wettbewerbs, als der der Film nach der Trailer-Veröffentlichung in den sozialen Netzwerken gehandelt wurde, nicht noch getoppt werden kann, könnte der neue Film des Japaners Shinya Tsukamoto zeigen: Der Genre-Kultregisseur kehrt mit dem Historien-Drama „Zan“ („Killing“) um einen Ronin im Japan des 19. Jahrhunderts in den Wettbewerb am Lido zurück, wo er 2014 mit seinem niederschmetternden Kriegsfilm „Nobi“ für Würgereflexe gesorgt hatte.

Mit Florian Henckel von Donnersmarks neuem Film „Werk ohne Autor“ ist diesmal auch wieder ein deutscher Beitrag im Wettbewerb vertreten. Außerdem darf man hierzulande ein bisschen stolz darauf sein, dass ein deutscher Klassiker als Vorab-Premiere in der Sektion „Classici“ noch einen Tag vor dem offiziellen Eröffnungsfilm „The First Man“ von Damien Chazelle auf das Festival einstimmt: Paul Wegeners „Der Golem – Wie er in die Welt kam“ wird am 28. August in einer restaurierten Fassung präsentiert.

Die komplette Auswahl des Wettbewerbs und der anderen Sektionen des 75. Festival-Jahrgangs in Venedig finden sich hier.

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