Der Regisseur Leo McCarey

Das Filmfestival in Locarno (1.-11.8.2018) widmet dem Hollywood-Regisseur eine Retrospektive

Diskussion

Sentimentalität und Humor, Drama und Komödie waren die Pole, zwischen denen sich die Karriere des Hollywood-Regisseurs Leo McCarey (1896-1969) bewegte. Er setzte u.a. die Komödien-Kolosse Laurel und Hardy in Szene und verhalf Stars wie Mae West, Cary Grant und Irene Dunne in mal heiteren, mal ernsten Romanzen zum Strahlen. Das Filmfestival in Locarno richtet ab 1. August eine Retrospektive mit seinen Werken aus.

Der Film ist noch keine 15 Minuten alt, da kommt es zu einer schönen Szene, in der sich Leidenschaft und Pathos, Hoffnung und Gewissheit wundervoll miteinander verbinden: Michael Marnay (Charles Boyer), der bald eine reiche Erbin heiraten soll, und Terry McKay (Irene Dunne), Geliebte eines Ölmagnaten, haben sich in Leo McCareys „Ruhelose Liebe“ („Love Affair“, 1939) auf einem Schiff nach New York kennen gelernt und heftig miteinander geflirtet. Auf der Zwischenstation in Madeira besuchen sie Michaels Großmutter Janou in einer hoch gelegenen Villa. „Hier ist es so friedvoll“, sagt Terry, „eine perfekte Welt“. Janou, lebensklüger als die beiden jungen Menschen, ahnt bereits ihre tiefe Zuneigung. Und dann gehen Michael und Terry in eine zum Haus gehörende Kapelle, die vom Sonnenlicht durchflutet wird. Für einen Moment entsteht so etwas wie Transzendenz, die nur an diesem stillen und freien, einsamen und heiligen Platz möglich ist. Fast hat man den Eindruck, als würde Gott seinen Segen zu dieser Beziehung geben. Plötzlich wissen Mann und Frau, dass sie für ihr Problem eine Lösung finden müssen, eben jenes berühmte Treffen in sechs Monaten auf dem Empire State Building, „so nah, wie man in New York dem Himmel nur kommen kann“, wie Terry bemerkt. Und weil McCarey noch einen Gärtner mit sieben Töchtern präsentiert, das Pathos also durch Humor unterläuft, funktioniert diese Szene so gut.

Beinahe möchte man bedauern, dass dieser Film nicht so berühmt ist wie sein Remake „Die große Liebe meines Lebens“ („An Affair to Remember“), das McCarey 1957 inszenierte. Er fügte dem Original 25 Minuten Lauflänge, Farbe und Cinemascope hinzu, statt Charles Boyer und Irene Dunne spielen Cary Grant und Deborah Kerr. Die tränenrührende Schönheit der Geschichte hat McCarey erhalten. Was komisch beginnt, ergreift den Zuschauer am Schluss. „Ein schwieriges Kunststück, aber ein Markenzeichen für McCarey“, so Peter Bogdanovich.

Vom gescheiterten Anwalt zum Meister-Regisseur

Sentimentalität und Humor, Drama und Komödie – das sind die Pole, zwischen denen sich die Karriere von Leo McCarey (1896-1969) bewegte, Genregrenzen lassen sich nicht auf seine Filme übertragen. Dabei hatte er zunächst etwas ganz anderes werden wollen, nämlich Rechtsanwalt. Allerdings war er so schlecht, dass er jeden Fall verlor. Gern erzählte McCarey jene Geschichte, in der ihn ein wütender Mandant aus dem Gerichtssaal jagte und er so weit weglief, bis er in Hollywood ankam. 1920 assistierte er Tod Browning bei „The Virgin of Stamboul“, drehte ein Jahr später mit dem vergessenen „Society Secrets“ seinen ersten Film und landete dann 1923 bei den Studios von Hal Roach. Hier war er zunächst Gag-Schreiber für die „Our Gang“-Komödien, in Deutschland besser bekannt als „Die kleinen Strolche“. Zwischen 1924 und 1929 inszenierte McCarey eine unbekannte Anzahl von „Two Reelers“, also 20-minütigen Kurzfilmen, mit dem Komiker Charley Chase.

Doch die eigentliche Bedeutung von McCarey für die Roach-Studios besteht darin, dass er Stan Laurel und Oliver Hardy alias „Dick und Doof“ zusammenbrachte. Fortan war er als Supervisor für fast alle ihre Kurzfilme zwischen 1927 und 1930 zuständig, die im August 2018 auch im Rahmen der Retrospektive in Locarno gezeigt werden. Im Gespräch mit Peter Bogdanovich erläuterte McCarey, was das bedeutete: „Die Ausarbeitung der Story, die Gags, das Sichten der Schnellkopien, den Schnitt, die Auslieferung der Kopien und gegebenenfalls den Film umschneiden, wenn die Vorführungen nicht positiv genug ausfielen. Zuweilen bedeutete es auch, einige Sequenzen nachzudrehen.“

Unter McCareys Ägide entstanden so wundervolle „Laurel & Hardy“-Filme wie „Alles in Schlagsahne“ („The Battle of the Century“) mit der größten Tortenschlacht aller Zeiten und „Zwei Matrosen“ („Two Tars“), bei dem sich die Teilnehmer eines Verkehrsstaus gegenseitig die Autos zerlegen. Zwei zentrale Elemente von Laurel & Hardys Komik werden McCarey zugeschrieben, das berühmte „Tit for Tat“, die perfekt getimte Eskalation im komödiantischen Schlagabtausch, und Hardys „Slowburn“, die Steigerung eines Gags mittels Verzögerung.Mein persönlicher Lieblingsfilm von Laurel & Hardy ist „Eine Landpartie“ ("A Perfect Day"), den Leo McCarey zwar nicht selbst inszeniert hat, aber gemeinsam mit Hal Roach für das Drehbuch verantwortlich zeichnet. Stan und Ollie wollen darin mit ihren Frauen und einem Onkel zum Picknick ins Grüne fahren und versinken nach einigen Missgeschicken gleich nach der ersten Kurve in einem Schlammloch. Als Oberschüler habe ich (in der deutschen Fassung) herzlich über das ständige „Auf Wiedersehen!“-Gerufe gelacht, das den überschwänglichen, von heftigem Winken und Hüteschwenken begleiteten Anschied von den Nachbarn begleitet.

„Doch das herzliche Lachen mit Laurel & Hardy ist mehr als nur eine nostalgische Heraufbeschwörung sorgloser Momente, sondern es gemahnt uns an die unverbrüchliche visionäre und wohltuende Kraft der Komik“, so Carlo Chatrian, künstlerischer Leiter des Filmfest Locarno, über die Bedeutung dieser Kurzfilme. McCareys Kurzfilme machen zweierlei deutlich: zum einen die Liebe zu seinen Schauspielern und ihrer Darstellung. Häufig ließ er sie einfach nur machen und beobachtete sie in langen statischen Einstellungen. Zum anderen seine Vorliebe fürs Lockere, Hingeworfene, Improvisierte, das sich auch auf seine Langfilme übertragen lässt. Beweis dafür ist jene Anekdote, in der McCarey während des Drehs am Klavier sitzt, Ragtime spielt und sich etwas für die nächste Szene ausdenkt.

Karriere voller Widersprüche

Schweren Herzens – schließlich hatte er Laurel & Hardy seinen Erfolg und seine Erfahrung zu verdanken – verließ Leo McCarey schließlich die Roach-Studios, um endlich selbst abendfüllende Spielfilme zu inszenieren. Doch blieb er der undisziplinierten Komödie zunächst treu und arbeitete mit zahlreichen Stars des Genres zusammen. Er inszenierte Eddie Cantor in „Der falsche Torero“ („The Kid from Spain“, 1932), „Die Marx Brothers im Krieg“ („Duck Soup“, 1933), den wohl besten Film der Komiker-Brüder, und W.C. Fields in „Sechs von einer Sorte“ („Six of a Kind“, 1934) – köstlich dessen verrückte Billard-Nummer und der Satz: „Alles was Spaß macht, ist entweder illegal, unmoralisch oder macht dick!“ Außerdem setzte er Mae West in „Die Schöne der neunziger Jahre“ („Belle of the Nineties“, 1934) und Harold Lloyd in „Kalte Milch und heiße Fäuste“ („The Milky Way“, 1935) in Szene. Unter McCareys Regie konnte auch Charles Laughton ausgesprochen komisch sein: In „Ein Butler in Amerika“ („Ruggles of Red Gap“, 1935) spielt er einen englischen Butler, der von seinem Dienstherrn, einem britischen Aristokraten, beim Pokern an einen neureichen Amerikaner verloren wird und sich nun in dem Provinzkaff Red Gap ein neues Leben aufbaut. Berühmt ist jene Szene, in der Laughton, der Engländer in Amerika, in einer Gastwirtschaft Lincolns „Gettysburg Address“ rezitiert und im Wechselspiel mit Großaufnahmen seiner Zuhörer langsam selbst zum Amerikaner wird.

1937 dreht McCarey seinen vielleicht schönsten Film, „Kein Platz für Eltern“ („Make Way for Tomorrow“), ein Film, so schmerzhaft, ergreifend und thematisch unpopulär, dass einem das Zuschauen schwer wird. Es geht ums Alter, um zwei greise Menschen, deren Erspartes aufgebraucht ist, die ihr Haus an die Bank verloren haben, deren Kinder sie nicht aufnehmen wollen. In einer bewundernswerten Szene treffen sie sich noch einmal in jenem Hotel, wo sie vor 50 Jahren ihre Flitterwochen verbracht haben, und dann kommt es zum herzzerreißenden, unfassbaren Abschied. Der Zuschauer weiß: Sie werden sich nie wieder sehen. Schlimmer noch: Sie werden alleine sterben.

Die schreckliche Wahrheit („The Awful Truth“, 1937), 1992 noch einmal in die deutschen Kinos gebracht, zeigt McCarey auf dem Höhepunkt seines Komödienschaffens und brachte ihm den „Oscar“ für die beste Regie ein. Cary Grant hat als Jerry Warriner Zweifel an der Treue seiner Frau Lucy, dargestellt von Irene Dunne. Viel zu leichtfertig reichen sie die Scheidung ein, die allerdings erst 90 Tage später in Kraft tritt. Zeit genug also, dem anderen das Leben schwer zu machen, die neuen Partner zu vergraulen und sich mit köstlichen, manchmal absurd-schwindelerregenden Dialogen wieder anzunähern. Eine „comedy of remarriage“, die heute noch so lustig ist wie damals.


In den 1940er- und 1950er-Jahren drehte McCarey nur noch wenig Spielfilme. Sein erfolgreichster, sowohl künstlerisch (sieben „Oscars“, davon zwei für McCarey als Story-Autor und Regisseur) als auch kommerziell, war „Der Weg zum Glück“ („Going My Way“) von 1944. Bing Crosby spielt darin einen bodenständigen, unkomplizierten und singenden Priester, der die Tantiemen für ein selbstkomponiertes Lied in die Kollekte tut, eine jugendliche Straßengang zum Chorsingen verführt, den mürrischen Pfarrer (Barry Fitzgerald) der Gemeinde irgendwann auf seine Seite zieht und von dem Geld für eine Konzerttournee seines Chores die abgebrannte Kirche wieder aufbaut. Die Sentimentalität des Films unterläuft McCarey immer wieder durch humorvolle Einschübe, die Chemie zwischen Crosby und Fitzgerald sorgt für kurze Momente für so etwas wie Magie. Da durfte ein Nachfolger nicht fehlen: „Die Glocken von St. Marien“ („The Bells of St. Mary’s“, 1945).

Zu den Widersprüchen in McCarey Karriere gehören auch gezielt tendenziöse Filme wie „My Son John“ (1952), in dem sich Robert Walker, eingeführt als liberaler Intellektueller, erst am Schluss als Kommunist entpuppt, und „China-Story“ („Satan Never Sleeps“, 1962), in dem im China des Jahres 1949 eine katholische Missionsstation von der Armee verwüstet wird. Das sind antikommunistische Filme, entstanden in der McCarthy-Ära, den „American Way of Life“ hochhaltend. „China-Story“ ist der letzte Film des Regisseurs. Eigentlich hätte man sich gewünscht, seine Karriere hätte anders geendet, vielleicht einige Jahre zuvor mit „Die große Liebe meines Lebens“, in dem am Schluss perfekt das Melodram mit der Komödie versöhnt wird. Es gibt nicht viele Hollywood-Regisseure, die dieses Kunststück so perfekt beherrschten wie Leo McCarey.




Literatur:

Zur Retrospektive erscheint im französischen Verlag Capricci eine Publikation auf Englisch und Französisch.

Weitere Buchhinweise:

Leland A. Poague: Billy Wilder and Leo McCarey, The Hollywood Professionals Volume 7, New York 1980.

Münchner Filmzentrum e.V. (Hg.): Leo McCarey, München 1984 (56-seitige Broschüre zu einer Retrospektive im Münchner Filmmuseum. Enthält u.a. den letzten Dialog des alten Ehepaares in „Kein Platz für Eltern“, den absurden Schluss-Dialog von Cary Grant und Irene Dunne in „Die schreckliche Wahrheit“ und die köstliche Geschichte, mit der McCarey Samuel Goldwyn einen Film anbietet – „The Cowboy and the Lady“ –, den er dann gar nicht inszeniert hat.).

Peter Bogdanovich: Wer hat denn den gedreht?, darin: Leo McCarey – Der verrückte Ire  (Seite 463-530, Haffmanns Verlag, Zürich 2000.

Jean-Pierre Coursodon: Leo McCarey, in: Jean-Pierre Coursodon, Pierre Sauvage (Hg.): American Directors (Vol. 1). New York, 1983.


Als deutschsprachige DVDs/BDs sind folgende Filme von Leo McCarey im Handel:


Keine Angst vor scharfen Sachen (DVD. Anbieter: HanseSound Musik und Film GmbH) 

Die große Liebe meines Lebens (DVD/BD. Anbieter: Alive) 

Die Glocken von St. Marien (DVD/BD. Anbieter: Alive) 

Der Weg zum Glück (DVD. Anbieter: Universal)

Die Marx Brothers im Krieg (DVD. Anbieter: Universal)

Die schreckliche Wahrheit (DVD. Anbieter: SZ Cinemathek)

Max Davidson Comedies (DVD. Anbieter: Edition Filmmuseum)

Weitere Filme sind in England und den USA erhältlich


Fotos: © Collection Cinémathèque Suisse

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