Die Liebe am Nachmittag

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Hier geht es zum Film "Die Liebe am Nachmittag".


In der Filmkritik aus dem Jahr 1972 heißt es:

Ihrer Liebe sicher fühlen sich die Helden in Eric Rohmers "contes moraux" (moralischen Geschichten) allemal. In dieser sechsten und letzten Variation seines Themas, die der ehemalige Chefredakteur der "Cahiers du Cinéma" nach vorgefaßtem Plan durchspielt, ist der Held bereits verheiratet. Im Prolog erläutert er seine Ansicht, der zufolge die Beziehungen zwischen ihm und seiner Frau definitiv geregelt und gefestigt sein sollen. Ganz gleichgültig läßt ihn freilich die übrige Weiblichkeit nicht. In ansatzweiser Selbstanalyse stellt er sogar fest, daß ihm seit seiner Heirat andere Frauen unterschiedslos interessant erscheinen. Er beschäftigt sich mit ihnen in der Imagination, wo er sich Unwiderstehlichkeit gegenüber beliebigen Passantinnen zudichtet. - Von der Sicherheit zur Verunsicherung: Letztere ist regelmäßig der eigentliche Anlaß von Rohmers Arbeiten und gibt ihm Gelegenheit, eine bestimmte Konzeption der Liebe kritisch zu betrachten. Für Frederic kommt diese Verunsicherung aus unerwarteter Richtung. Eine ehemalige Freundin eines Freundes taucht in seinem Büro auf. Sie ist ihm nicht sonderlich sympathisch, kehrt aber wieder und versteht es, sich durch lässig inszenierte Manöver interessant zu machen. Sie dringt allmählich in seine Gedankenwelt ein und fesselt ihn zunehmend. Schließlich rettet ihn nur noch eine überstürzte Flucht davor, die Ehe zu brechen. Die Schlußszene, in der Frederic seiner Frau gegenüber an einem Geständnis würgt, führt ins Zentrum des Films und seiner Kritik. Denn im Hintergrund des Abenteuers, das dem jungen Mann widerfährt, steht eine verengte, letztlich vom Eigennutz inspirierte Verzerrung des Partnerschafts-Gedankens in der Ehe: Jeder hat seinen Beruf, seine Hobbies, seine Freunde; jeder kann "sich umsehen", seinen Bedürfnissen nachgehen; keiner versucht, in den höchstpersönlichen Kreis des anderen einzudringen. Natürlich liebt man sich, versteht man sich, hat man die beiden Kinder gemeinsam zu pflegen. Wie kleinlich und spießig diese berechnend abgegrenzte Liebe aber im Grunde ist, entdeckt Frederic erst auf dem Umweg über das Verhältnis, das ihn persönlich in eine Krise stürzt und diejenige seiner Ehe aufdeckt. - Nach Rohmers früheren Filmen ("Die Sammlerin", "Meine Nacht bei Maud", "Claires Knie") ist man schon vorbereitet auf seine Art, um ausgefeilte Dialoge herum präzise zu inszenieren. Nicht zufällig legt der Autor seinem Helden die Äußerung in den Mund, er würde sich nie in eine Frau verlieben, mit der er nicht reden könnte. Die Verfangenheit gegenüber dem Wort, den Gedanken und dem Spiel mit beiden charakterisiert Rohmers Filme. Sie macht ihren Reiz aus, bringt aber auch die Gefahr mit sich, daß den gesuchten Konstellationen des Spiels das Leben der Inszenierung geopfert wird. Der Umweg etwa, den der vorliegende Film mit seinem Helden macht, um zur Sache zu kommen, wirkt verwirrend und gibt erst im Nachhinein seine eigentliche Bedeutung zu erkennen. Bequem sind Rohmers Filme nicht, sie verlangen vom Zuschauer einige Gedankenarbeit. Die Spannung, die es auch in "L`amour, l`après-midi" gibt, ist intellektueller Art. Sie mündet aber in Momente, in denen Abgründe aufgerissen werden, wie etwa in der schon erwähnten Schlußszene. Um dieser Momente willen sind Rohmer und sein Film zu schätzen und gegen den Vorwurf bloßer Sophisterei in Schutz zu nehmen.

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