Das Verbrechen des Herrn Lange

Ein frühes Meisterwerk des französischen Regisseurs Jean Renoir

Diskussion

Der französische Regisseur Jean Renoir ließ sich 1936 vom Wahlsieg der „Volksfront“ zu einem klassenkämpferischen Drama anstiften, in dem die Angestellten eines Verlags sich gegen den kapitalistischen Besitzer verbünden. Ein frühes Meisterwerk aus dem französischen Arbeiter- und Kleinbürgermilieu.


„Es war ein Moment, in dem die Franzosen wirklich glaubten, dass sie einander lieben würden“, charakterisierte Jean Renoir rückblickend das Jahr 1936. Nach der Katastrophe der Weltwirtschaftskrise und der bereits gefühlten Bedrohung durch die faschistischen Nachbarländer Deutschland und Italien gab es für die Franzosen zum ersten Mal seit Jahren wieder Grund zur Zuversicht. Der Wahlsieg der „Volksfront“, einem Zusammenschluss sozialistischer Parteien unter Duldung der Kommunisten, war ein grundlegender Einschnitt, an den besonders Arbeiterklasse und Kleinbürger außergewöhnliche Hoffnungen knüpften.

Der Zeitgeist ließ einen beinahe grenzenlosen Optimismus zu, der auch einen Abkömmling des Großbürgertums wie Jean Renoir ansteckte. Der Regisseur hatte schon Anfang der 1930er-Jahre in Filmen wie „Boudu – Aus den Wassern gerettet“ seine eigene Klasse satirisch hinterfragt und offen Sympathien für die Unterprivilegierten bekundet. Ab 1935 bekannte er sich offen zum Sozialismus. Vor allem die drei Werke, die der fleißige Filmemacher 1936 in die Kinos brachte, künden von dieser politischen Ausrichtung, allerdings in höchst unterschiedlichen Tonarten. Der von der Kommunistischen Partei finanzierte Doku-Spielfilm „Das Leben gehört uns“ feiert diese auf sehr unmittelbare Weise, während die Maxim-Gorki-Adaption „Nachtasyl“ ein vielschichtiger, wenn auch eindeutig solidarischer Schulterschluss mit den Ausgestoßenen ist.

Der interessanteste der drei Filme ist jedoch „Das Verbrechen des Herrn Lange“, der die euphorische Stimmung der Zeit wie kein zweites Kinowerk vermittelt. Und das, obwohl es sich der Form nach um eine Tragikomödie mit düsteren Passagen handelt, in der den Arbeiterfiguren streckenweise durchaus übel mitgespielt wird.

In seiner finalen Gestalt ist der Film, der im Juni 2018 in Deutschland erstmals auf DVD und Blu-ray erschienen ist (zusammen mit einer sehr informativen Dokumentation zur „Volksfront-Ära“), das Produkt einer produktiven Reibung zwischen dem Regisseur Jean Renoir und seinem Drehbuchautor Jacques Prévert. Während Renoir noch völlig vom Sozialismus beseelt war, zweifelte der exzellente Dialog- und Figurenerfinder Prévert zu diesem Zeitpunkt bereits am sozialistischen Paradiesversprechen, nachdem er die stalinistische Sowjetunion besucht hatte.

Dennoch ist der Einstieg in „Das Verbrechen des Herrn Lange“ eine Szene, wie man sie vordergründig auch in Bertolt Brechts kommunistischen Lehrstücken vermuten könnte. In einem Gasthaus mit Café nahe der Grenze taucht ein Mann auf, der genau der Beschreibung eines gesuchten Mörders entspricht; die Gäste, allesamt Angehörige der arbeitenden Bevölkerung, sind daher mit einer Gewissensfrage konfrontiert. Sofort die Polizei zu holen, erscheint einigen voreilig, schließlich könnte der Besucher ja jemand umgebracht haben, der es vollauf verdient hätte. Ein Mord also, aber kein Verbrechen?

Das moralische Dilemma der Gäste
Das moralische Dilemma der Gäste

Prévert und Renoir sparen sich im Folgenden allerdings die Brecht’sche Didaktik und heben zu einer langen, klärenden Rückblende an. Inmitten des erzählerischen Mikrokosmos der Mietshäuser rund um einen Hinterhof manifestiert sich die Hauptfigur Amédée Lange (René Lefèvre), in der man auch ein ironisches Selbstporträt des Autors erkennen darf. Liebenswert weltentrückt schreibt Lange – der Gleichklang des Namens mit l’ange (Engel) ist durchaus Absicht – nachts Geschichten über den unbezwingbaren Cowboy Arizona Jim, während er nicht mitbekommt, wie sehr er selbst und seine Arbeiterkollegen in ihrem Verlag ausgenutzt werden. Der wird von dem durchtriebenen Batala (Jules Berry) geleitet, der sich mit unerhörter Dreistigkeit, Taschenspielertricks und einem niemals stillstehenden Mundwerk durchs Leben gaunert, bei Geldanfragen seine Gläubiger und Angestellten routiniert vertröstet und jede Frau zu verführen versucht, die ihm über den Weg läuft.

Als Lange sich von einer Freundin, der Wäscherin Valentine (Odette Florelle), überreden lässt, Batala die Western-Storys anzutragen, erntet er zunächst Spott, bis der Verleger ein einträgliches Geschäft wittert: die billigen Geschichten des Einfaltspinsels Lange als Rahmen für bereits bezahlte, aber noch nicht umgesetzte Werbeabsprachen. Und so greift Arizona Jim von da an öfter mal zur Pille statt zur Pistole.

René Lefèvre, Odette Florelle (r.)
René Lefèvre, Odette Florelle (r.)

Lange allerdings lebt durch die Publikation seiner Geschichten merklich auf. Der schüchterne Jedermann-Typ wird ein selbstsicherer Zeitgenosse und Nachbar in der mit vielen Details dargestellten Gemeinschaft der „kleinen Leute“, in der sich en passant weitere kleine Dramen und Konflikte abspielen, mit Batala als übergeordneter, übelwollender Instanz.

Die Stunde der Unterdrückten schlägt, als ihr Peiniger durch ein Missverständnis den Zugriff der Polizei fürchtet, das Weite sucht, und sich bald darauf die Neuigkeit verbreitet, dass Batala zu den Todesopfern eines Zugunglücks gehören soll. Kurzerhand beschließen die Arbeiter, das Unternehmen als Kooperative weiterzuführen, und bald fährt der Verlag dank Lange und dem nun werbefreien Arizona Jim erstmals seit Langem wieder fette Gewinne ein.

Es sind solidarische Traumverhältnisse, die Renoir und Prévert hier entfalten - mit dem kleinen ironischen Einschub, dass der Erfolg sich aus Groschenheften speist, einem sinnfreien Zeitvertreib, von dem sich "ernsthafte" Proletarier an sich eher fernhalten sollten.

Einen Bruch mit strenger Klasseneinteilung vollzieht der Film auch dadurch, dass sich der Sohn von Batalas Hauptgläubiger Meunier bedingungslos dem Plan der Belegschaft anschließt, auch wenn ihm erklärt werden muss, was eine Kooperative überhaupt ist. Nicht der Kapitalist an sich erscheint in „Das Verbrechen des Herrn Lange“ als Übel, sondern seine parasitäre, die Arbeiter ausnutzende (und Arbeiterinnen belästigende) Form.

Die Arbeiter übernehmen den Betrieb
Die Arbeiter übernehmen den Verlag

Der befreiende Jubel, den Batalas Verschwinden auslöst, ist mitreißend, ohne aufdringlich agitatorisch zu wirken – die nachvollziehbare Reaktion einer von einem Tyrannen befreiten Gesellschaft. Mit dieser Sympathie spielt der Film auch dann noch, als Batala, der seinen Tod nur vorgetäuscht hat, wieder auftaucht, Lange im Büro überrascht und das florierende Geschäft an sich reißen will: „Das gehört alles mir... Ihr braucht doch jemanden, der euch führt.“ Und, zynisch wie eh und je, auf Langes Frage, was aus den Arbeitern werden solle: „Die sind mir doch völlig egal!“

Die Leichtigkeit der Inszenierung und die in den Film getragene euphorische Stimmung meistern freilich auch diese Situation. Von Batala höhnisch dazu angestachelt, erschießt Lange den Schurken mit dessen eigener Waffe und flieht zusammen mit Valentine und mit Hilfe von Meunier bis zu dem eingangs gezeigten Ort. In die filmische Gegenwart zurückgekehrt, fällen die Gäste ein eindeutiges Urteil: Das letzte Bild zeigt Lange und Valentine, die auf einem nebelverhangenen Strand ihrer glücklichen Zukunft entgegengehen.

Paradoxerweise wird der Nebel, der hier noch die Liebenden unterstützt, nur kurze Zeit später auf gänzlich andere Weise das grundlegend gewandelte französische Kino repräsentieren: Auf das Scheitern der „Volksfront“ ein Jahr nach ihrem Wahlsieg folgt eine Phase der Enttäuschung, in der die fatalistischen Filme der späten 1930er-Jahre entstehen. Wie rasch sich der Zeitgeist ändert, zeigt sich an nichts deutlicher als an der Karriere des Batala-Darstellers Jules Berry, der sich im Spiel so unnachahmlich widerlich und dabei doch seltsam charmant geben konnte. 1939 schreibt ihm Prévert mit der Rolle des Rivalen von Jean Gabin in Marcel Carnés „Der Tag bricht an“ eine weitere Gaunerrolle auf den Leib; auch hier wird Berrys Figur vom Protagonisten umgebracht, doch diesmal reißt sie den im Grunde aufrechten Mann aus dem Volk mit in den Tod.

Im Jahr 1942 schließlich bietet „Die Nacht mit dem Teufel“, erneut von Prévert geschrieben und von Carné inszeniert, eine weitere Steigerung in Berrys Leinwandschurken-Dasein: in der Rolle des leibhaftigen Teufels. Dies ist auch Préverts Abgesang auf die einstmaligen hohen Hoffnungen: An einen (endgültigen) Triumph der Gutherzigen über ihre Widersacher, wie er ihn sechs Jahre zuvor noch optimistisch beschrieben hatte, vermochte er während der deutschen Besatzung nicht mehr zu glauben. Jean Renoir lebte da bereits seit drei Jahren im amerikanischen Exil.


Eine frühere Kritik zu "Das Verbrechen des Herrn Lange" von P. F. Gallasch aus dem Jahr 1968 findet sich hier.


Foto: StudioCanal

Kommentar verfassen

Kommentieren