Off-Festivals und Filmkultur

Freitag, 24.08.2018

Eine Liebeserklärung an Orte und Veranstaltungen, die sich den gängigen Verwertungs- und Relevanzkriterien des Kinos entziehen

Diskussion

Sie sind sozusagen die gallischen Dörfer purer Kinolust: die zahlreichen kleinen Festivals, die ohne staatliche Förderung neben den offiziellen Filmfestivals auf dem Boden von Filmclubs und der Leidenschaft Einzelner gedeihen und Filme zugänglich machen, die auf die Qualitäts- und Relevanzkriterien der anderen Festivals fröhlich pfeifen. Eine Liebeserklärung.


1. Filme, die im Allgemeinen keinerlei Qualitäten besitzen

„Und die Bibel hat doch recht“, heißt ein Sachbuch-Bestseller von Werner Sommer aus dem Jahr 1963, der die religiöse Schrift mit dem damals aktuellen Forschungsstand der Geschichtswissenschaft und der Archäologie abglich. Schon der Buchtitel verrät das Ergebnis der Unternehmung.„Und die Bibel hat doch recht“ wurde zu einem Bestseller und auch verfilmt – allerdings mit deutlicher Verspätung: 1976 bereiste der Unterhaltungskino-Routinier Dr. Harald Reinl auf den Spuren von Sommer zahlreiche biblische Städte im Nahen Osten; im Oktober 1977 kam sein Film dann in die Kinos, sorgte dort nicht gerade für helle Aufregung und verschwand anschließend in der Versenkung. Immerhin existiert eine Special-Interest-DVD-Veröffentlichung. Doch warum sollte jemand auf die Idee kommen, den Film nochmal im Kino zeigen zu wollen?

Tatsächlich aber wurde Harald Reinls „...und die Bibel hat doch recht“ in diesem Sommer beim „STUC - 4. Wochenende des stählernen Films“ im Nürnberger KommKino nicht nur gezeigt, sondern als Eröffnungsfilm sogar ziemlich prominent platziert. Die Veranstaltung ist Teil eines kleinen, informellen Festivalnetzwerks, das sich der (Wieder-)Entdeckung von Filmen verschrieben hat, die von der dominanten Filmgeschichtsschreibung vernachlässigt werden. Im Kreis dieser Off-Festivals ist das „STUC“ selbst ein Außenseiter, denn hier geht es nicht darum, zu Unrecht Vergessenes und Übersehenes auszugraben, sondern darum, eben jene Filme aus den hinteren, gammligen Regalen der Archiven zu bergen, die auf den ersten Blick durchaus zu Recht vergessen sind, beziehungsweise die möglicherweise überhaupt nie wirklich jemanden interessiert haben.

Denn tatsächlich, um die Frage noch einmal zu wiederholen: Warum würde jemand auf die Idee kommen, den Film „...und die Bibel hat doch recht“ noch einmal im Kino vor (zahlendem) Publikum aufzuführen? Eine naheliegende Rechtfertigung wäre: Vielleicht ist der Film ja ein bizarres Dokument der evangelikalen Gegenaufklärung? Nach der Sichtung kann die Antwort nur lauten: Nein, ist er nicht. Es geht dem Film keineswegs darum, bibeltreuen, kreationistischen Wunderglauben gegen die Naturwissenschaften auszuspielen. Die Bibel hat, folgt man dem Film, nicht deshalb recht, weil Gott die Welt in sieben Tagen erschuf, weil er die sündige Menschheit mit einer Sintflut bestrafte und weil Moses beim Auszug aus Ägypten das Rote Meer teilte. Sondern weil einige in der Bibel erwähnte Orte und Personen auch in nichtbiblischen Dokumenten auftauchen. Und weil Teile Mesopotamiens möglicherweise irgendwann einmal von sintflutartigen Überschwemmungen heimgesucht wurden. Die Sache mit dem geteilten Meer wiederum basiert, lernt man bei Reinl, auf einem Übersetzungsfehler. Und dann desavouiert der Film dieses wenig spektakuläre Programm auch noch mit plumpen rhetorischen Tricks: Die historische Existenz Batsebas, der Offiziersgattin, die mit König David zunächst eine außereheliche Affäre hatte und anschließend dessen achte Frau wurde, sei zwar nicht erwiesen, gesteht der Sprecher ein; sehr wohl aber wisse man, dass es im alten Ägypten Frauen gegeben habe, die Männer mithilfe ihrer körperlichen Reize und entsprechender Aufmachung verführten (der Sexismus dieser Argumentation, das merkt man schnell, unterläuft dem Film nicht nur so). Fragen des Glaubens behandelt der Film fast überhaupt nicht. Stattdessen wird mit viel Aufwand wieder und wieder nachgewiesen, woran eigentlich niemand ernsthaft zweifeln kann: Dass die Bibel auch als eine Art historischer Chronik verfasst wurde und sich deshalb zwangsläufig die eine oder andere Parallele zur historischen oder geographischen Realität einstellt.

Ist der Film wenigstens so schlecht, dass er schon wieder gut ist? Auch hier lautet die Antwort: Nein, ist er nicht. Selbst unter allgemein gefassten Trash- oder Camp-Aspekten macht „...und die Bibel hat doch recht“ nicht viel her. Als kompetenter Handwerker verleiht Reinl auch diesem eher sonderbaren Projekt eine glatte, professionelle, bruchlose Oberfläche. Geduldig arbeitet sich der weitgehend nüchterne Voice-Over-Kommentar vom Alten zum Neuen Testament vor; Originalaufnahmen aus Israel, Ägypten und anderen Ländern wechseln sich im besten Infotainment-Stil mit historischen Dokumenten und Bibelillustrationen ab. Die Musik von Eberhard Schoener ist teilweise sogar ziemlich gut. Es hilft alles nichts: Wir schauen uns im KommKino am Abend des 6. Juli 2018 eine gut abgehangene 90-minütige Bibelstunde an, die mit ein paar nichtssagenden historiografischen Fußnoten unterfüttert ist. Die 35mm-Kopie, die zur Aufführung kommt, ist überdies bereits reichlich rotstichig,

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