Venedig #75: Genre & Geschichte

Dienstag, 04.09.2018

Im Wettbewerb des 75. Filmfestivals in Venedig sorgt das Genrekino für Aufsehen

Diskussion

Im Wettbewerb am Lido sorgt das Genrekino für Aufsehen: Luca Guadagnino polarisierte mit seiner Version des Horrorklassikers „Suspiria“ und Jacques Audiard demonstrierte mit „The Sisters Brothers“ die Vitalität des Western-Genres. Mike Leigh und der ungarische Regisseur László Nemes arbeiten sich an historischen Umbrüchen ab.


Dass etwas so Banales wie eine Zahnbürste zum Signum der Zivilisation und zu einer Art Geheimcode eines gesellschaftlichen Ideals werden kann, hätte man sich nicht träumen lassen. In Jacques Audiards Western „The Sisters Brothers“ gibt es eine Szene, in der John C. Reilly und Jake Gyllenhaal als Cowboys morgens vor dem Zelt beim Zähneputzen aufeinandertreffen und sich verschwörerisch zunicken. Für Reillys Charakter war das neuartige Körperhygiene-Ritual zuvor als Zeichen einer Sehnsucht eingeführt worden, den „Wilden Westen“ hinter sich zu lassen.


„The Sisters Brothers“ von Jacques Audiard: Raum für Utopie

Wobei mit „Wilder Westen“ mehr eine Lebensart als ein Ort gemeint ist: eine rechtsfreie Zone für harte Männer, in dem das Gesetz des Stärkeren regiert. Zwar gehört der von John C. Reilly gespielte Charakter Eli Sister zweifellos zu den Stärkeren; zusammen mit seinem Bruder Charlie (Joaquin Phoenix) bildet er ein Auftragskiller-Duo, das landauf, landab berühmt-berüchtigt ist. Doch Eli würde dieses Leben gerne hinter sich lassen und bürgerlich-sesshaft werden. Sein jüngerer Bruder Charlie, der aggressivere und exzessivere der Brüder, hat dafür allerdings wenig Verständnis.

Die Jagd der beiden Killer und ihres Kontaktmanns Morris (Jake Gyllenhaal) im Auftrag eines mächtigen Geschäftsmanns nach einem jungen Chemiker, der über eine Formel verfügen soll, die das Goldwaschen zum Kinderspiel macht, wird zur Reise an eine innere „Frontier“, zum Ringen zwischen dem knallharten Ist-Zustand und der Utopie, dass ein anderes, friedlicheres, gerechteres Leben möglich sein könnte.

Man darf nicht zu viel vom Plot von Jacques Audiards erstem Ausflug ins Western-Genre verraten. Der Film nach einer Romanvorlage von Patrick de Witt unterhält nicht zuletzt dadurch, dass die Handlung allen Genrekonventionen zum Trotz ständig unvorhersehbare Haken schlägt. Das hat viel damit zu tun, dass die Entscheidungen und inneren Entwicklungen der Figuren für den Verlauf der Handlung wichtiger sind als äußere Ereignisse.

"The Sisters Brother" von Jacques Audiard
"The Sisters Brothers" von Jacques Audiard

Das Projekt wurde von John C. Reilly an Audiard herangetragen; tatsächlich ist der Film eine wunderbare Bühne für diesen sonst oft nur als Nebendarsteller bekan

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