Barbara Harris (25.7.1935-21.8.2018)

Ein Nachruf auf die amerikanische Schauspielerin

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In den 1960er- und 1970er-Jahren gehörte die agile amerikanische Schauspielerin Barbara Harris mit ihren runden Wangen, großen Augen und dem zeitgemäßen Kurzhaarschnitt zu den erfrischendsten Komödiendarstellerinnen des US-Kinos. Ihre beruflichen Anfänge lagen im Improvisationstheater in Chicago, wo sie zu den Pionierinnen der Compass Players, der ersten dauerhaften Impro-Bühne der USA, und 1959 zum ersten Jahrgang der legendären Komiker-Schmiede The Second City zählte. Eine von deren Sketch-Revuen brachte Barbara Harris in New Yorks Theaterszene, wo sie im folgenden Jahrzehnt mit Brecht-Rollen und Musical-Auftritten Furore machte und als Folge davon auch im Kino ihren Einstand feierte. Ihr Filmdebüt gab sie 1965 in der mehrfach „Oscar“-nominierten Theater-Adaption „Tausend Clowns“ als mitfühlende Sozialarbeiterin, die einen Jungen (Barry Gordon) vor der eigenwilligen Lebensart seines kindsköpfigen Autoren-Onkels (Jason Robards) schützen will, sich aber dann in den Lebenskünstler verliebt.

Eine dezente Naivität, die nicht von mangelndem Intellekt, sondern vom Vertrauen in ihre Mitmenschen kündet, kennzeichnet diesen Auftritt von Barbara Harris ebenso wie mehrere folgende bemerkenswerte Filmrollen: Als sexuell erfahrene Kindsfrau nimmt sie in der makabren Farce „O Vater, armer Vater, Mutter hängt dich in den Schrank und ich bin ganz krank“ (1967) ihre mit dem „Obie Award“ für Off-Broadway-Inszenierungen prämierte Bühnenrolle wieder auf, in der grotesken Tragikomödie „Wer ist Harry Kellerman?“ (1971) hilft sie als verschüchterte Schauspielaspirantin einem von Dustin Hoffman gespielten Songwriter ein Stück weit aus einer schweren Lebenskrise und verschafft dem mäandernden Werk damit seine anrührendsten Momente.

Nach ihrer „Oscar“-Nominierung für diesen Film nutzt Robert Altman das Improvisations- und Gesangstalent von Barbara Harris für sein Countrymusik-Panorama „Nashville“ (1975), in dem ihr eine satirisch überspitzte Schlüsselrolle zukommt: Zu Beginn ihren älteren Ehemann verlassend, versucht sie sich unter dem Namen „Albuquerque“ mit überschaubarem Talent, aber unbegrenztem Optimismus als Sängerin, um wiederholt zu scheitern, zuletzt aber durch beherzten musikalischen Einsatz im Chaos nach dem Attentat auf den Country-Star Barbara Jean (Ronee Blakley) ihren Durchbruch zu feiern. Im folgenden Jahr bricht Barbara Harris in Alfred Hitchcocks letztem Film „Familiengrab“ das stereotype Bild von dessen verführerischen Blondinen mit einer vielschichtigen Leistung als betrügerisches Medium und smarte Partnerin eines eher unbedarften Taxifahrers (Bruce Dern), die einem skrupelloseren Verbrecher-Paar das Handwerk legen.

Nachdem Barbara Harris in „Ein ganz verrückter Freitag“ (1976) mit der 14-jährigen Jodie Foster als ihrer Filmtochter einen der originelleren Körpertausche der Filmgeschichte durchgemacht hatte, Stanley Donens liebevolle Hommage ans 1930er-Jahre-Hollywood-Kino „Movie Movie“ (1978) als unglücklich verliebte Tänzerin verstärkt hatte und in Jerry Schatzbergs Polit-Melodram „Die Verführung des Joe Tynan“ (1979) als selbstbewusste Ehefrau eines ehrgeizigen liberalen Senators (Alan Alda) mit Meryl Streep als dessen junger Geliebter in Konkurrenz getreten war, reduzierte sie ihre Filmarbeit in den 1980er-Jahren. Als für ihre allürenfreie Berufsauffassung geschätzte Darstellerin beendete sie nach der schwarzen Komödie „Ein Mann – ein Mord“ (1997) schließlich ohne Bedauern ihre Schauspielkarriere und gab ihre Erfahrungen noch für einige Jahre als Lehrerin weiter.


Foto aus „Familiengrab“: Universal

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