Neil Simon (4.7.1927-26.8.2018)

Ein Nachruf auf den renommierten Bühnen- und Drehbuchautor

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Komik als Ausweg aus der bedrückenden Wirklichkeit – diese häufig überstrapazierte Erklärung für die Entstehung von Humor war für den Werdegang von Neil Simon tatsächlich der entscheidende Antrieb. 1927 in der Bronx geboren, erlebte er als Kind die Wirtschaftskrise und flüchtete sich davor und vor der zerrütteten Ehe seiner Eltern ins Kino, wo ihm Charlie Chaplin, Buster Keaton und Laurel & Hardy Trost spendeten und ihm sein Ziel im Leben vorzeichneten. „Ich wollte ein komplettes Publikum dazu bringen, sich auf dem Boden zu wälzen und zu lachen, bis es das Bewusstsein verlöre“, beschrieb Simon später diese frühen Einflüsse.

Seine ersten Sporen sammelte der New Yorker in den 1950er-Jahren beim Fernsehen zusammen mit begabten jungen Autoren-Kollegen wie Carl Reiner, Mel Brooks und Woody Allen, seine wahre Berufung fand Neil Simon jedoch als Bühnenautor am Broadway, wo er von seinem ersten Theaterstück „Come Blow Your Horn“ (1961) an für rund 40 Jahre einen Erfolg an den anderen reihte. Diese oft um Alltagssituationen kreisenden Bühnenwerke über meist frustrierte Hauptfiguren voller Neurosen und Selbstzweifel erregten durch ihre unkomplizierten Konstruktionen und einprägsamen Wortwitze von Anfang an auch die Aufmerksamkeit der Filmbranche, sodass etliche von Neil Simons Werken bald nach ihrer Theaterpremiere auch für die Leinwand bearbeitet wurden.

Dabei gelang es den Regisseuren und den oft von Simon selbst übernommenen Drehbüchern zwar nicht immer, die Theatralität der Vorlagen und die mitunter konventionellen Auflösungen kinogemäß aufzubereiten; nichtsdestotrotz konnte der emsige Schreiber auch im Kino Eindruck hinterlassen und Erfolge erzielen. Nicht zuletzt durch äußerst dankbare Rollen für komödiantisch versierte Darsteller: Mit der Jungehepaar-Komödie „Barfuß im Park“ (1967) gelang Robert Redford der filmische Durchbruch, „Ein seltsames Paar“ (1968) machte Walter Matthau und Jack Lemmon zum Komiker-Traumpaar und erwies sich auch in der Fernseh-Sitcomversion mit Jack Klugman und Tony Randall („Männerwirtschaft“, 1970-1975) als Hit, „Die Sunny-Boys“ (1975) um ein gealtertes ehemaliges Entertainer-Duo brachte dem Komiker George Burns nach fast 40-jähriger Kino-Abstinenz das Comeback und ebenso einen „Oscar“ ein wie Richard Dreyfuss für seinen aufstrebenden Schauspieler in „Der Untermieter“ (1977) und Maggie Smith für ihre kriselnde Aktrice in „Das verrückte California-Hotel“ (1978).

Während das Gros der Theaterkritiker Neil Simon erst ab Mitte der 1980er-Jahre für einige autobiographische, weniger gagbetonte Stücke als herausragenden Autor anerkannte, übersah auch die zeitgenössische Filmkritik geflissentlich ernstere Töne in Neil Simons Drehbüchern: Das wiederkehrende Motiv der Einsamkeit und mühsam kaschierten Unsicherheit etwa oder auch eine markante Tendenz seiner Figuren, selbst in scheinbar glücklichen Momenten das Dasein nicht genießen zu können. In „Nie wieder New York“ (1969) entwarf Neil Simon so beispielsweise das ironisch gebrochene Schreckbild einer Großstadt, die sich einem Ehepaar aus der Provinz (Jack Lemmon, Sandy Dennis) als Inbegriff der Menschenfeindlichkeit darstellt, in „Pferdewechsel in der Hochzeitsnacht“ (1972) lieferte er das Porträt eines jungen Ehemanns (Charles Grodin), dem unmittelbar nach der Hochzeit die Unzulänglichkeiten seiner Frau (Jeannie Berlin) unerträglich werden. In diesen ohne Bühnenvorlage entstandenen Filmen verriet Neil Simon auch Talent für originale Kinostoffe. Seine frühe Sozialisation im Kino bewies er zudem in zwei kenntnisreichen, starbesetzten Parodien: Während „Der Schmalspurschnüffler“ (1977) als Noir-Persiflage eher bemüht ausfiel, gelang Neil Simon und Regisseur Robert Moore mit „Eine Leiche zum Dessert“ (1975) eine intelligente Reflexion über das Wesen von Schein und Sein anhand eines Zusammentreffens von fiktiven Detektiven von Miss Marple bis Sam Spade und ein filmischer Evergreen, der sich durchaus mit seinen größten Bühnenerfolgen messen kann.


Foto: Playbill

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