Aufs Maul schauen

Ein Gespräch mit dem Regisseur zu seinem neuen Film „Das schönste Mädchen der Welt“

Diskussion

Mit „Das schönste Mädchen der Welt“ (hier geht es zur Filmkritik) ist Regisseur Aron Lehmann (Jahrgang 1981) ein Glücksgriff gelungen. Seine moderne Adaption von Edmond Rostands Klassiker „Cyrano de Bergerac“ aus dem Jahr 1897 macht aus dem Drama eine Komödie im Teenagermilieu. Mit WhatsApp und Battle-Rap geht es um die Kraft der Worte, aber auch um Mobbing, Schönheitsideale und die immer aktuellen Themen Romantik und erste Liebe. Die Angebetete ist hier kein Objekt, sondern ein selbstbewusstes Mädchen.


Was war der Auslöser, das mehr als 120 Jahre alte Theaterstück von Cyrano de Bergerac ins Milieu des Battle-Rap zu versetzen?

Lehmann: „Cyrano de Bergerac“ mit Gérard Depardieu gehört zu meinen Lieblingsfilmen. Der Pitch des Produzenten hieß „Cyrano de Bergerac meets Fack ju Göhte“. Das hat mich so erschreckt, dass ich zunächst das Buch gar nicht anzufassen traute. Aber mein Agent hat es mir ans Herz gelegt, und Lars Kraume, der die erste Fassung geschrieben hat, ist ein toller Autor und Handwerker. Als ich das Originalstück las, kam mir plötzlich eine Vision, wie ich es umsetzen könnte. Im Unterschied zum Drama wollte ich vor allem die weibliche Hauptfigur überarbeiten. Eine Frau, die nur als Objekt der Begierde dient, langweilt mich; das kann man heute nicht mehr erzählen.Da habe ich dann Hand angelegt. Auf dem Set hat die damals erst 17-jährige Luna Wedler als Roxanne daraus dann eine große Rolle gemacht. So ein Talent wie Wedler gibt es vielleicht nur alle zehn Jahre. Auch Aaron Hilmer und Damian Hardung sind zwei Wahnsinnstalente, von denen man noch viel hören wird.


Könnte man Ihren Film als eine Art „intelligentes“ Pendant zu „Fack ju Göhte“ beschreiben? Wie unterscheiden sich die beiden Filme?

Lehmann: „Fack ju Göhte“ ist eine Satire über das Bildungssystem und macht sich über die Dummheit der Menschen lustig, feiert das richtig. Unser Film sagt hingegen, dass Dummheit nicht sexy ist. Was die Jugendsprache betrifft, ist Bora Dagtekin allerdings unser absolutes Vorbild gewesen, weil er den Kids aufs Maul geschaut hat. Wir hoffentlich auch. Judy Horney hat als Dialogautorin einen tollen Job gemacht. Gefreut habe ich mich auch über das Feedback unserer jungen Schauspieler, die uns gelobt haben, weil das Drehbuch das erste Skript gewesen sei, in dem die Figuren so sprechen, wie sie normalerweise auch sprechen. Daran kranken viele Jugendfilme.


Sind Sie mit dieser Horde Jugendlicher nicht verrückt geworden? Allein schon die Busfahrt zu drehen, war sicherlich eine enorme Herausforderung.

Lehmann: Ich hatte das Gefühl, meine eigene Klassenfahrt nachzuholen. Das habe ich aber genossen. Man wird dabei selbst wieder zum Teenager. Na, zumindest fast. Mein Spitzname am Set war Papa Bär. Ich bin doppelt so alt wie die jugendlichen Darsteller und trotzdem noch jung als Regisseur. Die Schauspieler waren sehr diszipliniert; sie spielten mit offenem Visier und hatten keine Angst, sich preiszugeben. Das hat wirklich Spaß gemacht. Besonders beeindruckend fand ich, wie sich alle als Ensemble gegenseitig angenommen und den anderen ihre Talente gegönnt haben. Sie haben sich gegeben, was sie konnten, und genommen, was sie brauchten. Einfach vorbildlich.


Durften die Darsteller eigene Vorstellungen und Vorschläge einbringen?

Lehmann: Ich mag die Bezeichnung „Director“ gerne, das klingt nach „Richtungsgeber“. Als Regisseur sollte man nicht regieren, sondern eher helfen und dazu inspirieren, den eigenen Weg zu gehen. Ich unterscheide auch nicht zwischen jungen und erfahrenen Schauspielern. Ich mag es, wenn meine Darsteller die Figuren an sich reißen, und ich quasi als Berater zur Seite stehe.

Luna Wedler und Aaron Hilmer in "Das schönste Mädchen der Welt"
Luna Wedler und Aaron Hilmer in "Das schönste Mädchen der Welt"

Wie erklären Sie sich, dass Jugendliche in den Medien oft aufs Handywischen, Tindern und WhatsApp reduziert werden?

Lehmann: Meine 15-jährige Cousine war mein Testpublikum. Die fügte zu allen Figuren sofort Beispiele aus ihrer eigenen Schule an. Das Handy spielt schon eine riesige Rolle bei den Kids. Die Einbindung des Telefons für diese Briefe, die knackigen WhatsApp-Nachrichten und die Musik waren die Basis. Wer Jugendliche aber aufs Handy reduziert, hat sich nicht wirklich mit ihnen auseinandergesetzt. Wenn wir uns nur auf das Klischee gestürzt hätten, hätten wir das wichtigste Publikum für den Film verloren. Die Jugendlichen merken, wenn man sie nicht ernst nimmt. Wir wussten auch, dass wir richtig gute Leute brauchen, wenn wir uns für Hip Hop entscheiden, sonst hätten wir uns auf einem Minenfeld bewegt. Wir haben also nach Hip-Hop-Tauglichkeit gecastet.


Ist das der Zielgruppe geschuldet?

Lehmann: In einer ersten Fassung gab es noch Lagerfeuermusik mit Gitarre. Das fand ich aber nicht Cyrano de Bergerac entsprechend. Er zählt zu den großen Poeten seiner Zeit, war ein Wortkünstler. Die Wortkünstler des 21. Jahrhunderts sind die Hip-Hopper, die Rapper und die Poetry Slammer. Hip Hop und Rap sind die attraktivere Variante für ein breiteres Publikum. Ein Balladensänger hätte jedenfalls nicht gepasst. Dann haben wir uns Jungs geholt, die wirklich in dieser Szene drin sind, den Songwriter Robin Haefs und den Musikproduzent Konstantin Scherer.


Haben Sie beim musikalischen Konzept mitgemischt?

Lehmann: Kreativ muss ich überall meinen Haken setzen und mitmischen. Aber ich bin kein Hip-Hopper und wusste, dass ich Profis brauche, die wissen, was die Jugendlichen hören. Aber wir wollten auch keinen ausschließen. Über das junge Zielpublikum hinaus soll der Film auch ältere Menschen berühren und erreichen. Mit dem Song, den Cyril auf dem Dach für Roxanne übt, das Liebeslied für das schönste Mädchen der Welt, haben Haefs und Scherer mich sofort überzeugt. Cyril spricht zwar an Ricks Stelle, singt aber eigentlich über sich selbst. Das war die Meisterprüfung. Ich habe den Produzenten angerufen und gesagt, dass wir die Richtigen gefunden haben.


Wer nicht der Norm entspricht, muss mit Mobbing rechnen. Wie haben Sie die Figur des Cyril entwickelt?

Lehmann: Mit Mobbing kennen sich die Jugendlichen aus. Aber ich wollte Cyril nicht zum Opfer machen. Für mich war entscheidender, dass er selbst sein größter Feind ist. Trotz Mobbing darf er sich nicht klein oder kaputt machen lassen. Es ist schon brutal, wenn erzählt wird, wie er in der 5. Klasse in den Spind gesperrt wurde, bis er sich in die Hosen geschissen hat. Das ist massive Gewalt. Doch man spürt seine Kraft, auch wenn er sich zurückzieht. Er hat einen Weg gefunden, damit umzugehen. Dochwegen all seiner Erfahrungen versteckt er sich bei den Rap-Battles hinter einer goldenen Maske. Statt Degen sind Intelligenz und Humor seine Waffen, das Wort. Er muss lernen, welche Kämpfe sich lohnen, geschlagen zu werden.


Mir gefällt, wie Sie Prototypen herausfiltern, etwa den schüchternen und geistig schlichten Möchtegern-Songwriter Rick.

Lehmann: Damian Hardung spielt Rick mit aller Konsequenz, ohne seine Figur zu verraten. Hardung ist ein hochintelligenter junger Mann. Er stand vor einer der schwierigsten Aufgaben, weil man der Figur trotz ihrer unglaublichen Begrenztheit unheimlich nahe bleiben muss.

Luna Wedler und Jonas Ems
Luna Wedler und Jonas Ems

Ihre Darsteller Jonas Ems und Julia Beautx sind YouTuber. War das der Grund für ihre Besetzung?

Lehmann: Ich muss die beiden ganz klar verteidigen. Natürlich haben wir YouTuber gezielt zu Castings eingeladen, auch aus marketingtechnischen Gründen. Aber jeder musste sich mit den anderen Schauspielern messen. In dem Alter gibt es keine ausgebildeten Schauspieler, sondern Talente. Deshalb macht es durchaus Sinn, bei den YouTubern nachzuschauen. Sie sind nicht kamerascheu und haben Lust, sich darzustellen. Jonas Ems macht seine Sache gut. Auf YouTube ist er der charmante Sonnyboy, als Benno bricht er mit diesem Image und spielt ein richtiges Arschloch. Das finde ich mutig. Ems und Beautx wollten dabei sein, und sie haben sich ihre Rollen verdient.


Ob nun Cyrano aus der Ferne seinen Angebetete anhimmelt, die Youngsters über Handy kommunizieren oder tindern: im Prinzip hat sich nichts geändert, oder?

Lehmann: Ich hatte lange Lust, einen Film über die erste große Liebe zu erzählen. Die Sache mit der Liebe wird immer die gleiche sein, Gefühle werden in aller Konsequenz ausgelebt, es geht immer um Romeo und Julia. Die erste und letzte große Liebe. An diese hochschießenden Emotionen können wir uns alle erinnern. Das macht den Film auch über die junge Zielgruppe hinaus stark.


Welche „Botschaft“ können junge Zuschauer mit nach Hause nehmen?

Lehmann: Sei du selbst. Das ist total klar. Während der Dreharbeiten begann die #MeToo- Debatte. Ich habe mich über Luna Wedlers ganz klare Haltung zu dem Thema gefreut. Sie ist nicht nur als Roxanne so modern und selbstbewusst, sondern für viele auch ein Vorbild, mit all ihren Fehlern. Interessant ist ja auch, dass in Filmen häufig nur den männlichen Helden Fehler zugestanden werden, nicht den weiblichen. Deshalb erzählen wir in unserem Film, dass auch Heldinnen Fehler haben – und trotzdem die große Liebe finden können.

Luna Wedler und Damian Hardung
Luna Wedler und Damian Hardung

Am Ende Ihrer Filme steht immer ein Dank an Andreas Kleinert, bei dem Sie an der HFF „Konrad Wolf“ Regie studiert haben. Was haben Sie von ihm gelernt?

Lehmann: Er ist mein Mentor und Förderer. Er war für mich der größte Glücksfall. Ich war damals Student in seiner ersten Klasse und ich werde nie den Satz vergessen, den er zu mir sagte: „Aron, du musst den Mut haben, auch dreckig zu sein. Die Liebe ist da. Trau dich, auch in die düsteren und schwarzen Dinge zu gucken. Die schönen werden deswegen nicht verschwinden.“ Das ist für mich heute immer noch mein größtes Aha-Erlebnis. Es nimmt mir die Angst, in Komödien tragödische Gefühle zuzulassen und andersherum. Andreas Kleinert hat auch eine sehr gesunde Haltung der Filmbranche gegenüber. Er besitzt die nötige Vorsicht und Distanz, die man mitbringen sollte, um von dieser Blase nicht geschluckt zu werden. Denn es besteht die Gefahr, dass wir in unseren Blasen irgendwann ganz vergessen, von der Wirklichkeit zu erzählen und uns in der Komfortzone einrichten.


Foto: Aron Lehmann mit den Darstellerinnen Julia Beautx und Sinje Irslinger © Tobis

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