Venedig #75: Kino & Umsturz

Eine Rückschau zum Abschluss der Filmfestspiele in Venedig

Diskussion

Historische Umbrüche und der Wille zu gesellschaftlicher Reform und Revolution waren ein thematischer Schwerpunkt des diesjährigen Festivals. Formal zeigte sich das eher weniger: da dominierte das klassische Genre.


Am letzten Festivaltag der 75. „Mostra internazionale dell'arte cinematografica“ feierte mit „Un peuple et son roi“ von Pierre Schoeller ein Film Premiere, der sich der französischen Revolution widmet. Schoeller skizziert darin die politischen Entwicklungen in Paris von der Erstürmung der Bastille im Juli 1789 bis zur Hinrichtung Ludwigs XVI. im Januar 1793, festgemacht an historischen Figuren wie Marat (Denis Lavant) oder Robespierre (Louis Garrel) sowie an fiktiven Gestalten aus dem Volk wie einer französischen Wäscherin (Adèle Haenel), die als eine Art „Marianne“ zur zentralen Identifikationsfigur wird. Den Terror, in den der Kampf um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit abdriftet, spart der Film aus. Oder deutet ihn nur an, da er mit großer Genauigkeit die Dynamik zwischen gewaltsamer Revolution und politischen Ringen in der Nationalversammlung beobachtet, die nach dem Umsturz zuerst die Hoffnung auf bürgerliche Freiheitsrechte und eine neue Ordnung entfacht, anfangs als konstitutionelle Monarchie, schließlich als Republik, dann aber, befeuert durch die Angst vor der aus dem Ausland gestützten Konterrevolution, das Potenzial zur Diktatur entfaltet. Ein eindrucksvolles Requiem für eine Utopie, in der aus dem Traum von einer gerechteren Gesellschaft ein Albtraum erwächst.

"Un peuple et son roi"
"Un peuple et son roi"

Fürs Finale des 75.  Festivals war „Un peuple et son roi“ (der sich auch gut im Wettbewerb gemacht hätte) äußerst passend: eine Rückschau auf die Mutter aller Revolutionen, nachdem es in während des Festivals immer wieder um historische Umbrüche, um Reform- und Revolutionsbewegungen ging. Etwa in Mike Leighs „Peterloo“ um gewaltsam unterdrückte Forderungen britischer Arbeiter im Jahr 1819, oder in Mario Martones „Capri-Revolution“, dem letzten italienischen Wettbewerbsbeitrag, der am 6.9. Premiere feierte und etwas langatmig um die Sehnsucht nach Erneuerung und alternativen Lebensentwürfen im Italien am Vorabend des Ersten Weltkriegs kreist: Martone konfrontiert auf der Insel im Golf von Neapel die nach archaisch-patriarchalischen Spielregeln lebenden „Ureinwohner“ mit einer Kommune esoterisch bewegter Freikörperkultur-Reformer und mit einem jungen Arzt, der an den Fortschritt durch Wissenschaft und Technik glaubt. Jacques Audiard ließ in seinem Western „The Sisters Brothers“, für den er am 8.9. mit dem „Silbernen Löwen“ als bester Regisseur geehrt wurde, zwei Killer durch die Begegnung mit einem Sozial-Idealisten im Stil der Saint-Simonisten auf utopische Abwege von ihrem blutigen Pfad locken. In Alfonso Cuaróns „Roma“, dem Gewinner des „Goldenen Löwen“, spielten wie auch in Luca Guadagninos „Suspiria“ die politischen Unruhen der 1970er-Jahre eine wichtige Rolle. Und Olivier Assayas verhandelte in seiner Komödie „Doubles vies“ vielschichtig den aktuellen „digital turn“.

"Peterloo"
"Peterloo"

Wobei letzterer in seiner heiteren Gelassenheit vielleicht nicht ganz in diese Reihe passt. Wo es um den Willen zur Veränderung ging, war in den anderen Filmen meist das Massaker nicht weit und die Utopie, die bestehenden Zustände zum Besseren wenden zu können, fragil wie Glas (ein Motiv, das Pierre Schoellers in „Un peuple et son roi“ sehr schön metaphorisch ausspielt, indem er die Figur eines Glasbläsers im Revolutionstreiben mitmischen lässt). Und es handelte sich großteils um Rückblicke in die Vergangenheit – Beschwörungen früherer Utopien in unsere Gegenwart hinein, in der die Sehnsucht nach Verbesserung und Erneuerung mehr eine Sache der Selbstoptimierung als der großen gesellschaftlichen Entwürfe zu sein scheint. Wobei in Venedig auch einige schauerliche Gegenbeispiele zeitgenössischer Revolutions-Fantasien zu sehen waren. Etwa die als „Krieg“ gegen die bestehende Gesellschaftsordnung in Norwegen verstandenen Attentate des Rechtsextremisten Anders Behring Breivik in Oslo und auf der Insel Utoya im Jahr 2011 in Paul Greengrass' „21 July“. Und wenn in Errol Morris' außer Konkurrenz gezeigtem Dokumentarfilm „American Dharma“ – einem der Filme, die in den letzten Tagen des Festivals am meisten diskutiert wurden – Rechtspopulist Steve Bannon die identitäre Revolution an die Wand malt, dann läuft es einem kalt den Rücken herunter.

Und das Kino? Was das Medium selbst angeht, gab sich die Jubiläums-Festivalausgabe konservativ. Zwar gab es zum zweiten Mal einen Virtual-Reality-Wettbewerb, der, ausgelagert auf eine kleine Insel vor dem Lido, jedoch eher stiefmütterlich behandelt wurde. Die Präsentation neuer Serien – bei der „Berlinale“ mittlerweile eine eigene „Specials“-Untersektion – beschränkte sich in Venedig einmal mehr auf ein einziges Highlight: Saverio Costanzos Adaption von Elena Ferrantes Roman „Meine geniale Freundin“ für Rai/HBO. Vertriebsformen mögen sich ändern und an Akteuren wie Netflix und Amazon, die beide groß mit ihren Produktionen bei der „mostra“ vertreten waren, kein Vorbeikommen mehr sein: aber was das filmische Erzählen selbst angeht, regierte am Lido die klassische Form.

"The Ballad of Buster Scruggs"
"The Ballad of Buster Scruggs"


Im Wettbewerb zeigte sich das gute, alte Genrekino in schönster Vitalität und lieferte durch die Bank sehenswerte Beiträge: Die Coen-Brüder („The Ballad of Buster Scruggs“, ausgezeichnet mit einem „Silbernen Löwen“ fürs beste Drehbuch) und der Franzose Jacques Audiard („The Sisters Brothers“) brillierten mit mustergültigen Western, und auch den Beitrag der Australierin Jennifer Kent, der einzigen Regisseurin im Wettbewerb, kann man diesem Genre zuschlagen: „The Nightingale“ entfaltet eine düstere Rache-Geschichte um eine junge Frau, die im Australien des 19. Jahrhunderts nach traumatischen Gewalterfahrungen zusammen mit einem Aboriginie auf die Jagd nach ihren Peinigern geht. Ein in grimmiger No-Nonsense-Manier aufgerollter Feldzug gegen die Vertreter einer von Misogynie und Rassismus verseuchten Kolonialmacht, der der Kälte der geschilderten Zustände die zaghaft angefachte Wärme einer interkulturellen Freundschaft entgegenhält und mit einem Spezialpreis der Jury geehrt wurde. Der Japaner Shinya Tsukamoto lieferte mit „Zan“ („Killing“) einen Samurai-Film, der sich nur in der ersten Hälfte des Films an der geschmeidigen Kampfkunst seiner Protagonisten erfreut, wenn diese noch mit hölzernen Schwertern zu Trainingszwecken aufeinander losgehen. In der zweiten Hälfte aber, als das wirkliche Töten beginnt, verfällt er sozusagen zusammen mit seinem jungen Protagonisten, der diese grausame Wirklichkeit nicht ertragen kann, in pure Agonie. Und David Oelhoffen lieferte mit „Frères ennemis“ einen von zwei starken Hauptdarstellern – Reda Kateb und Matthias Schoenaerts – getragenen Cop/Gangster-Thriller, in dem es um widerstreitende kulturelle Identitäten und Loyalitäten geht.

Experimentelle Brüche mit dem klassischen Erzählkino waren rarer gesät. Überragend darunter war vor allem Brady Corbets furioses Popstar-Porträt und Popkultur-Requiem „Vox Lux“, einer der stärksten Beiträge der diesjährigen „Mostra“, der Corbet nach seinem Debüt „Childhood of a Leader“ endgültig als „next big thing“ des US-Autorenkinos etabliert. Und natürlich, außer Konkurrenz, der „weiße Wal“ unter den in Venedig als Premiere gezeigten Filmen: der fast ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung dank Unterstützung von Netflix von Cutter Bob Murawski in eine präsentierbare Version gebrachte unvollendete letzte Film von Regie-Legende Orson Welles, „The Other Side of the Wind“. Ein nach endlosen rechtlichen Querelen zu einem Abschluss gebrachtes „work in progress“ rund um die Reibung des „Citizen Kane“-Regisseurs am „New Hollywood“ und an den anderen „Neuen Wellen“ der 1960er und 1970er: Ein Kaleidoskop, das als Pseudo-Found-Footage-Film inklusive Film-im-Film unterschiedliche Materialien in Farbe und Schwarz-Weiß mischt und die berühmte Welle'sche „mise en scène“, die Inszenierung in die Tiefe hinein, durch eine Montage szenischer Schnipseln ersetzt, die mit klassischer „continuity“ nur noch wenig am Hut hat. Wie furchtlos der alte Welles hier mit den filmischen Mitteln, mit dem 1970er-Jahre-Zeitgeist, aber auch mit dem eigenen Nimbus tanzen geht – dafür müsste es eigentlich einen posthumen Extra-Löwen geben.

"The Other Side of the Wind"
"The Other Side of the Wind"



Fotos: © Filmfestival Venedig

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