Toulouse

Ein satirisches Ehe- und Beziehungsdrama aus der Feder von David Schalko

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Mal wieder fernsehen wie in den 1960er- und 1970er-Jahren. Im damaligen Programmangebot fanden sich häufig Fernsehbearbeitungen von Stoffen, die ursprünglich fürs Theater verfasst worden waren. Repertoire-Klassiker, Zeitgenössisches. Auch Genre-Fans wurden bedient, mit Boulevardkomödien und Kriminalstücken.

Der Fernsehfilm „Toulouse“ ist der damaligen Fernsehästhetik frappierend nahe. Er basiert auf einem Theaterstück des Autors und Filmemachers David Schalko, der im österreichischen Fernsehen und über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus mit Satiresendungen und Erzählserien wie „Braunschlag“ oder „Altes Geld“ für Furore sorgte. Der 45-jährige Schalko, der als Seiteneinsteiger begann, beherrscht diverse Genres vom Werbefilm bis hin zur Mockumentary und ersann unter anderem die ganz auf visuelle Assoziationen aufgebaute ORF-Unterhaltungsshow „Sendung ohne Namen“. Schalko ist die heutige Bildsprache nicht nur geläufig – er hat sie um eigene Errungenschaften bereichert.

„Toulouse“ muss für diesen Tausendsassa also so etwas wie eine Stilübung gewesen sein. Nach Art der (nicht unbedingt guten) alten Zeit. Ein hochverdichtetes Zwei-Personen-Stück, 90 Minuten im Leben von Silvia und Gustav, als Einheit von Raum und Zeit. Schalko selbst schrieb das Skript für die Fernsehadaption seines Bühnenstücks, Jörg Kunzer bearbeitete die Dialoge, Michael Sturminger übernahm die Regie.

Silvia (Catrin Striebeck) bezieht eine Zimmerflucht in einem gehobenen Hotel in Frankreich, in dem die Pagen noch betresste Livreen und weiße Handschuhe tragen. Sie geht durch die Räumlichkeiten, eignet sie sich an, genießt den Blick aufs Meer. Eben hat sie sich auf dem Doppelbett ausgestreckt, da klingelt es. Gustav (Matthias Brandt) tritt ein, höflich zögernd. Sie hat ihn erwartet. Gustav ist ihr Ex-Mann, der sie gegen eine Jüngere getauscht hat. Sie hat ihn hergebeten.


Der Umgang miteinander ist vertraut und partnerschaftlich. Gustav gibt sich lausbübisch, verschmitzt, er flirtet unverhohlen. Mit lachenden Augen gibt er an, dass seine neue Frau ihn bei einem Geschäftstermin in Toulouse wähnt. Gustav hat Spaß an der Situation. Silvia verhält sich nicht unfreundlich, spielt auf frühere gemeinsame Erfahrungen an. Ihr Ton ist eher sarkastisch, bisweilen kühl-analytisch. Auch mal widersprüchlich. „Ich bin nicht deine Mutter“, gibt sie Gustav wiederholt zu verstehen. Um ihn im nächsten Moment mütterlich strafend anzuherrschen: „Du rauchst wieder?!“

Ein verbales Jo-Jo-Spiel nimmt seinen Lauf. Sie nähern sich an, ergeben sich beinahe der noch immer bestehenden erotischen Anziehung, stoßen sich im nächsten Moment wieder ab. Das Geschehen gewinnt an Dramatik, als sie gewahr werden, dass sich in Toulouse ein Terroranschlag mit vielen Toten ereignet hat. Genau in dem Kongresszentrum, in dem Gustav angeblich gerade über den Verkauf seines Unternehmens verhandelt. Eben noch hatte Gustav mit seiner Frau telefoniert und arglos über das Wetter und andere Nichtigkeiten parliert. Er muss damit rechnen, dass die Belogene bereits von den Vorgängen in Toulouse wusste. Damit bringt er sich in Erklärungsnot. Und nun hat Silvia ihren Spaß.

„Toulouse“ ist ein klassisches Konversationsstück, das von Schalko mit Elementen des Krimidramas versetzt wurde. Noch allein im Hotelzimmer, hatte Silvia einen in Stoff eingeschlagenen Gegenstand im Safe deponiert. Wer darin eine Waffe erkennen wollte, lag nicht ganz falsch. Wie mit einem Schieberegler erhöht Schalko Strich um Strich die Dramatik des Geschehens. Vorwürfe und Schuldzuweisungen. Kontrollverluste und Drohungen.

Das Drehbuch ist versiert geschrieben, aber mit einer erkennbaren Mechanik, die die Künstlichkeit der Situation eher hervorhebt als vertuscht. Die gerade noch akzeptable Exposition verliert durch die theatralisch gestelzten Dialoge an Glaubwürdigkeit. So spricht Silvia hörbar zum Publikum, wenn sie, ihrem früheren Gatten zugewandt, großartig erklärt: „Du hast immer darunter gelitten, dass du nie richtig Französisch gelernt hast.“


Wie sich zeigt, hegt Silvia einen abgefeimten Plan. Die geschiedene Frau ist tiefer verletzt, als sie anfangs hatte erkennen lassen, und sie sinnt auf Revanche. Aber selbst wenn ihr, wie unterstellt, aus totaler Verzweiflung heraus jegliche Ratio abhandengekommen wäre, gerät das Geschehen doch zu abwegig. Zumal sie mit dem Terroranschlag, der ihr in die Hände spielt, keinesfalls hatte rechnen können.

Die Regie von Michael Sturminger trägt nicht dazu bei, die dramaturgischen Unebenheiten zu glätten. Vielmehr unterstreichen deutliche Anschlussfehler, die unnatürliche Lichtgebung und eine erkennbar künstliche Kulisse den artifiziellen Charakter des Stücks. Zieht man wohlwollend eine entsprechende Intention in Erwägung, bliebe die Inszenierung innerhalb der gewählten Form dennoch hinter früheren Errungenschaften zurück. Man vergleiche „Toulouse“ mit Günter Gräwerts aus dem Jahr 1962 stammender Fernsehinszenierung von Martin Walsers inhaltlich verwandtem Bühnenstück „Der Abstecher“. Die nach damaligen Maßstäben sehr moderne Aufführung – Walser verfasste auch das Fernsehskript – baute, obwohl bewusst ersichtlich im Studio und wie „Toulouse“ auf engstem Raum aufgezeichnet, weit mehr auf die Bewegung von Schauspielern und Kamera. Und bedurfte nicht der Krücke, derer sich Schalko mehrfach bedient: des Telefons, mit dessen Hilfe weitere, unsichtbar bleibende Personen Einfluss auf das Geschehen nehmen.

Nachdenklich muss stimmen, dass eine damals von Walsers Bühnenfigur Frieda gegenüber dem Ehemann und dem Ex-Geliebten getroffene Aussage an Gültigkeit nicht verloren hat, ja, wortgleich von Schalkos Silvia stammen könnte: „Als Frau zahlst du drauf. Es ist ein System zu eurem Vorteil.“

Matthias Brandt, Catrin Striebeck
Matthias Brandt, Catrin Striebeck


Die Kritik „Toulouse“ ist eine Übernahme aus der Medienkorrespondenz.

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