Kampf dem Einheitsbrei

Eigenwillige Handschriften suchte man beim "Cartoon Forum" in Toulouse mehr oder minder vergebens

Diskussion

Das „Cartoon Forum“ in Toulouse ist eine der wichtigen europäischen Plattformen für Animationsfilme und -serien. Die Veranstaltung (10.-13.9.) bietet eine gute Gelegenheit, sich über den augenblicklichen Stand dieser Kunstform zu informieren. Um den ist es allerdings nicht gut bestellt: Eigenwillige Handschriften tun sich schwer gegenüber einem globalen CGI-Look.


Er glaube, schreibt Marc Vandeweyer, der rührige Generaldirektor von Cartoon Brüssel, dass die Vielfalt grafischer Designs, Konzepte und Zielgruppen einen Pluspunkt europäischer Animationskunst darstelle. Betrachtet man jedoch die künstlerische Seite, die Designs und den Stand der Animation, dann findet die beschworene Vielfalt meist nur in den Köpfen der Initiatoren statt.

Die Kunst des Animationsfilms ist, filmhistorisch betrachtet, in den meisten Ländern ein Produkt der bewegten Zeichnung. In den USA hat Walt Disney ihren Stil bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs geprägt; Disneys Fassung von „Bambi“ ist extrem naturalistisch, der Malerei des frühen 19. Jahrhunderts verwandt. Später folgten Serien, die man „illustriertes Rado“ nannte, etwa von der UPA (United Productions of America), etwa mit „Mister Magoo“, oder der Hanna Barbera Productions mit der „Familie Feuerstein“ sowie die ökonomisch limitierten Animationen des Fernsehens. Diese zwei so widersprüchlichen Seiten der Animation werden als amerikanischer Stil identifiziert. In Japan hingegen hatte man sich mit den Animes sehr bald freigeschwommen, da dort der Limitation eine vorher unbekannte zeichnerische Ästhetik abgewonnen wurde.

Einen europäischen Stil aber, den man überall wiedererkennen würde, ob „disneyfiziert“ oder limitiert, gibt es nicht. Wohl existiert der Stil der franco-belgischen Comics, von „Tintin“ über „Lucky Luke“ bis „Asterix“. Aber der stellt in seiner animierten Form nur ein Teilgebiet europäischer Animation dar und kommt auf den Foren von Cartoon Brüssel in Bordeaux oder Cartoon Forum in Toulouse so gut wie nicht vor, denn er ist unvereinbar mit CGI.

Individueller Stilwille? Von wegen! Der Look des deutsch-russischen 3D-CGI-Serienprojekts "Liry & Taya"
Individueller Stilwille? Von wegen! Der Plastikbarbie-Look des deutsch-russischen 3D-CGI-Serienprojekts "Liry & Taya" (siehe auch Bild oben)


Zu viel globales Einerlei

Seit Einführung der 3D-Animation gibt es einen globalen Stil, und der ist in Produktion und Distribution digital. Das ist mehr als nur eine Technik, das ist mittlerweile ein Glaubensbekenntnis. Wenn es um kommerzielle Charakteranimationen geht, dann ist 3D immer einsame Spitze, sofern sie von Disneys Pixar oder anderen amerikanischen Blockbuster-Lieferanten stammt.

Geht es hingegen um die Masse der Animation weltweit (China allein produziert 260.000 Minuten pro Jahr), dann ist der Stil grafisch standardisiert, und in Bewegung und Animation oft limitierter als die schlimmsten Produkte der frühen Fernsehära. Vor allem die individuellen Details, die Animation im Kern eigentlich ausmachen, bleiben dabei auf der Strecke. Die Figuren wirken steif, übertrieben karikiert und gefühllos, es wird unendlich viel gesprochen und wenig gehandelt. Dutzendware, die bisweilen zwar originelle Ideen und Gags duldet, aber keine individuelle Handschrift kennt, schon gar keine europäische, die an die Gegenwartskunst anknüpfen könnte. Alles wirkt gleich, uniform und beliebig: in Strich, Formgebung, in Farben und Bewegungsführung. Sogar die Figuren mit ihren Rundköpfen und übergroßen Augen scheinen global austauschbar, so als wären sie von Werbegrafikern als Auftragsarbeiten konzipiert und nicht von Künstlern.

Wenig eigenen Charakter: Die Figuren des französischen Serienprojekts "Country Kids"
Wenig eigenen Charakter: Die Figuren des französischen Serienprojekts "Country Kids"

Ein neues Phänomen ist das nicht. Bernhard Klein, der animationserfahrene Bruder des expressionistischen Malers César Klein, kommentierte im August 1946 das Scheitern der von Goebbels persönlich initiierten Deutschen Zeichenfilm GmbH, die nach dem Wunsch der Nazis mit Disney konkurrieren sollte, mit den Worten, „dass die ganze Angelegenheit dieser so künstlerischen Aufgabe in die Hände von Werbefilmern und Gebrauchsgraphikern überging, was gleichbedeutend damit war, als würde man die Malerei den Plakatmalern überlassen“.


Eigenwillige Produktionen werden vom „US-CGI-Look“ überschattet

Gerade die Qualität aktueller deutscher Produktionen bedauert auch Marc Vandewyer. Es ist für ihn unverständlich, dass das führende Land innerhalb der europäischen Wirtschaft immer noch eine so schwache Animationsindustrie habe, trotz aller Kompetenz und aller Talente. Dennoch, meint er, bedürfe es keiner europäischen Handschrift in der Animation: „Die US-Serien und -Filme sind ‚formatiert‘, was bedeutet, dass es weit mehr Kreativität und Kühnheit in Europa gibt.“ Europa könne stolz sein auf seine kulturelle Vielfalt und müsse diese Stärke auf dem globalen Markt bewahren. Allerdings, muss auch Vandeweyer einräumen, gibt es sehr wohl europäische Produktionen wie „Tad Stones - Der verlorene Jäger des Schatzes“ und „Die Dschungelhelden“, die einen „US-CGI-Look“ haben und künstlerisch-kreative Projekte wie „Ernest & Celestine“ oder „Loving Vincent“ an den Rand drängen. Es sei enttäuschend, dass „Another Day of Life“, ein animiertes Drama über den angolanischen Bürgerkrieg aus der Sicht des Kriegsreporters Ryszard Kapuściński, an dessen Herstellung die Hamburger Firmen Wüste Film und Animationsfabrik beteiligt waren, zwar in Cannes gezeigt wurde, aber nicht im Wettbewerb: „Wir brauchen diese Art von Promotion, um dem Publikum zu zeigen, dass es andere Arten von Bildern gibt, andere Arten von Animationsfilmen als nur die von Disney und Pixar.“

An US-Vorbildern orientiert: die TV-Serie "Luis und die Aliens"
An US-Vorbildern orientiert: die TV-Serie "Luis und die Aliens"

Das erste Gebot für einen Animationskünstler, formulierte Animator Richard Williams einmal, sei das Interesse an der Bewegung. Davon spürte man in Toulouse leider nur wenig. Die digitalen Figuren rudern hilflos mit den Armen, bewegen sich mechanisch wie Roboter. Künstlerisch wertlos, entfernen sie sich von europäischen Vorbildern und nähern sich US-amerikanischen Idealen an: Das Porträt des Jungen Luis und seiner Aliens (aus „Luis und die Aliens“), die Fernsehverwertung eines deutschen Animationsspielfilms, verbreitet den Geschmack von Plastik vor dem Environment von US-Suburbs. Die Produzentinnen durften sich über das Interesse von Disney-Einkäufern freuen: 52 Folgen zum Schätzpreis von 7,2 Millionen Euro.


Zwischen Vorschul-Pädagogik und bekannten Marken

Schon mancher Serientitel verrät die Einfallslosigkeit ihrer Hersteller. So wurden in Toulouse Projekte wie „Billy – The Cowboy Hamster“ (78 x 7 Min.), „Brave Bunnies“ und „Magic Molly“ angeboten.Was hat das noch mit Europa und seinen kulturellen Errungenschaften zu tun? Für einen Minutenpreis von etwa 12.000 Euro könnten sie es, allen digitalen Tools zum Trotz, eben nicht besser, entschuldigt sich ein deutscher Produzent. Ein Amerikaner, der in Europa arbeitet, schüttelt den Kopf: „They don’t care. They simply don’t care.“ Nicht Vielfalt, sondern universale Gleichmacherei und Gleichschaltung scheint einer der wesentlichen Effekte der Globalisierung zu sein.

Bei genauerer Betrachtung fallen vier Spielarten des animierten Serienfilms in Europa auf: Neben den amerikanisierten Produktionen ohne jeden Anflug einer europäischen Identität gibt es sogenannte pädagogisch wertvolle, auch vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen diktierte (aber unterfinanzierte) Beiträge, die nicht mehr als den Programmauftrag erfüllen sollen und unter die Kategorie „gewaltfrei“ fallen. Beliebte Preschool-Botschaft sind: die Protagonisten sollen lernen, im Team zu handeln, denn nur gemeinsam sind sie stark. Das Wort „Lernen“wird hierbei ganz groß geschrieben.

Außerdem gibt es eine Handvoll Kuriositäten und „Nischenprodukte“, etwa das absurde deutsche Projekt „Nicht lustig“, das von vornherein für Internet-Kanäle bestimmt ist, den „Galaktischen Postboten“ aus Griechenland, der Menschen der Gegenwart ökologische Warnungen ihrer Kinder und Kindeskinder aus der Zukunft bringt (die preiswerteste Serie insgesamt mit einem Budget von einer halben Million Euro), „Selfish“ (über Fische, die nichts anderes im Kopf haben, als Selfies zu machen) oder den von seinem Anbieter aus Edinburgh im Schottenrock präsentierten Beitrag um ein schwules Dachs-Pärchen: „Mustard & Ketchup“. Andere Hersteller, die sich den Rechteerweb leisten können, setzen auf bekannte Marken: die deutschen „Digedags“ oder „Die Borger“ der Autorin Mary Norton.

Angenehm anders: der polnisch-britische Animatinsfilm "A Bear Named Wojtek"
Angenehm anders: der polnisch-britische Animationsfilm "A Bear Named Wojtek"

Die Ausnahme von der Regel war ein 2D-animiertes Special über einen syrischen Braunbären, der während des Zweiten Weltkriegs einer polnischen Einheit zuläuft, zum festen Mitglied der Kompanie wird und vor Monte Cassino Munition für die Truppe transportiert. Darüber avancierte er zum polnischen Nationalhelden, bevor er seine letzten Jahre in einem schottischen Zoo verbrachte. Hier endlich entfaltete die einzigartige Sprache der Animation doch noch – trotz sparsamer ästhetischer Mittel – ihre wirkliche Stärke: eine wahrhaftig beseelte animierte Geschichte, die beim Zuschauer große Gefühle auslöst. In Deutschland hingegen scheint man Angst vor echten Gefühlen zu haben, wie sie das englisch-polnische Projekt „A Bear Named Wojtek“ ausdrückt. „Problem“-Phasen der deutschen Geschichte umgeht der heimische Animationsfilm geflissentlich.


Fotos: Cartoon Forum/Riki Group ("Liry & Taya")/La Station Animation ("Country Kids")/The Illuminated Film Company /"A Bear Named Wojtek)/Ulysses Filmproduktion ("Luis und die Aliens")

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