Filmklassiker: Die Strategie der Spinne

Bernardo Bertoluccis Frühwerk auf DVD/BD

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„Bertolucci ist mit allen Wassern und Essenzen der Moderne gewaschen. Er hat Marx’ Lehre von der Gesellschaft studiert, er hat Freuds Lehre vom Individuum in sich aufgesogen, und beide kann er mit den Opern Verdis in einen ästhetischen Rahmen spannen. Er lebt im Paradox und baut aus ihm die Formen seiner Filme.“ Was einst Karsten Witte zu Beginn der 1980er-Jahre über den damals „größten italienischen Filmregisseur der Gegenwart“ schrieb, hat auch über drei Jahrzehnte später nichts von seiner Bedeutung verloren, wenn man sich erneut mit den ersten Filmerfolgen des damaligen Mittzwanzigers Bertolucci eingehender beschäftigt.

Speziell im ersten Teil seines noch in Italien realisierten Oeuvres, das von „Vor der Revolution (1963/64) bis zu Der große Irrtum (1969/70) reicht, jonglierte der Frühbegabte beständig mit verschiedenen Genres, Stilen und Theorien: Durchgängig mit intellektueller Frische und unbändiger Freude an den formal-ästhetischen Mitteln der Kinematografie. Quasi zu jedem neuen Film, egal ob für das italienische Fernsehen oder für das Kino, mischte er wie ein Pokerspieler auf dem Regiestuhl die filmischen Karten aufs Neue.

Und so entstanden in dieser Zeit neben räuberischen Straßen- („La commare secca“) auch opulente Schaustücke („Vor der Revolution“), wodurch viele italienische Intellektuelle im jungen Bertolucci zeitweise einen legitimen Nachfolger Viscontis und Pasolinis in ein und derselben Person sahen, ehe er schließlich dem Ruf Hollywoods und weiterer großeuropäischer Co-Produktionen folgte: mit teilweise sehr differenten Ergebnissen.

Geboren 1941 in Bachanelli bei Parma als Spross einer ebenso reichen wie angesehenen Künstlerfamilie und baldiger Eleve von Pier Paolo Pasolini, hat sich Bertolucci frühzeitig mit Philosophie, Jura, Politik, Medien und Literatur beschäftigt. Parallel hat er sich, fast analog zum überaus vermögenden Filmgrafen Luchino Visconti, über mehrere Dekaden hinweg für die Belange der Kommunisten eingesetzt und sich als junger Mann und gleichzeitiger „homme de lettre“ mehrfach in den öffentlichen Diskurs seines Heimatlandes eingeschaltet, was ebenso in seinem heute leider fast schon vergessenen Frühwerk gewaltige Spuren hinterlassen hat.

Eines dieser ersten Meisterwerke (im Original: „Strategia del ragno“), zugleich Bertoluccis Beginn seiner kongenialen Zusammenarbeit mit dem Kamera-Maestro Vittorio Storaro, ist „Die Strategie der Spinne“, das jüngst in hervorragender Bildqualität digital restauriert sowie mit einem lesenswerten Booklet zum ersten Mal als Blu-ray und DVD erschienen ist.



In diesem hochgradig artifiziell angelegten Fernsehfilm der RAI, den Bertolucci 1968 erdacht hatte, als die Welt draußen kurzzeitig brannte und sich der damals 27-Jährige, innerlich verunsichert, parallel zu regelmäßigen Sprechstunden mit seinem Psychotherapeuten traf, vereinigen sich zahlreiche Ingredienzien seines Frühwerks. Im Mittelpunkt stehen eine komplexe Vater-Sohn-Geschichte ödipalen Zuschnitts, dazu ein faszinierendes Arsenal filmischer Gestaltungsmittel sowie ein besonders reflexiver Umgang mit der komplizierten Landesgeschichte zwischen 1910 bis etwa 1960, die in erster Linie von Mussolinis Faschismus und dessen Nachwirkungen auf die italienische Nachkriegsgesellschaft geprägt war.

In dieser relativ frei gestalteten Literaturverfilmung nach Jorge Luis Borges’ Kurzgeschichte „Tema del traidor y del héroe“ (1944) wird eine der simpelsten (Meta-)Geschichten des Kinos erzählt: Ein Mann namens Athos Magnani (Giulio Brogi) kommt in eine fremde Stadt. Denn er ist auf der Suche nach der Wahrheit – oder um dort zumindest etwas mehr Klarheit in seine eigene Biografie zu bringen. Denn der Vater des elegant gekleideten Mannes, der zuerst wie ein Tourist über die prächtigen Plätze der Altstadt von Tara streift (so heißt diese verwunschene Stadt, die auf deutsch übersetzt so viel wie „bloß nicht alles für bare Münzen nehmen“ bedeutet), wird hier als linker Volksheld verehrt: Sozusagen als linker Märtyrer, der einst ein Attentat auf den Duce höchstpersönlich geplant hatte, das zwar misslang, ihm allerdings auf ewig den Status eines aufrichtigen Helden eingebracht hat, der sich unter Lebensbedrohung für die richtige Sache engagiert hatte.



Spätestens als er jedoch immer mehr zwielichtige „alte Kameraden“ seines ermordeten Vaters trifft und obendrein auch noch in die spinnenhaften Fänge Draifas, der Ex-Geliebten des Vaters (Alida Valli), gerät, transformiert sich Bertoluccis Recherchereise in die (Un-)Tiefen des italienischen Faschismus in ein regelrechtes Traumspiel, das seine Referenzen an Bergman, Welles und Strindberg keineswegs verbirgt.

In einer offen an den Gemälden von René Magritte und Giorgio de Chirico angelehnten Fantasiewelt, die Vittorio Storaros glänzende Kamera mit der Weite und den Kulturschätzen der Emilia Romagna einprägsam kombiniert, ist bald alles – oder doch überhaupt nichts mehr? – so, wie es zur Zeit des Vaters unter Mussolinis Herrschaft war. Vergangenheit und Gegenwart beginnen sich regelrecht zu überlappen, und ähnlich wie bei Fassbinders „Despair – Eine Reise ins Licht“ oder wie bei Dostojewskijs berühmter Erzählung „Der Doppelgänger“ ist sehr schnell nicht mehr so klar, wer gerade mit wem in welcher Zeitebene spricht, wo die Vergangenheit wirklich final zu Ende ist und ob es sich bei dem Schicksal des galanten Protagonisten am Ende vielleicht doch um einen Fall von Schizophrenie handelt.

Denn Bertoluccis „Die Strategie der Spinne“ hantiert von Beginn an mit einem gewichtigen Konvolut an Zeichen, Chiffren und Querverweisen, die von Artaud zu Freud und von Bataille zu Verdi reichen, was diesem facettenreichen Vexierspiel in der Traumspirale enorm viel intellektuellen Spielraum verleiht, ohne sich je in ödem Manierismus zu verlieren. Wofür alleine schon Storaros fantastische Kreisfahrten und eine Reihe atemberaubender Plansequenzen sorgen, die nichts von ihrer Sogkraft verloren haben und bis zum selbstverständlich offenen Ende hin handwerklich auf allerhöchstem Niveau operieren.

Dazu herrscht an dieser Stelle Schnittlosigkeit als geradezu formal-ästhetisches Ideal. Daneben wechseln sich wunderbare innere Montage-Sequenzen mit einem brillanten Farbkonzept in dominanten Weiß-, Gelb- und Ockertönen ab, das auf vertikale Blickachsen und strenge Stilisierungen setzt. Und so verwandeln sich beispielsweise eben noch stark formierte Bildkadragen urplötzlich in enigmatische Bildlandschaften – und umgekehrt.

Vittorio Storaro sollte schlichtweg die „Erinnerung und die Fragwürdigkeit des Erinnerns“ in markante Bilder umsetzen, so lautete Bertoluccis einzige Regieanweisung während der Dreharbeiten in der Po-Ebene. Und das ist dem kongenialen Kreativduo in „Die Strategie der Spinne“ wirklich aufs Vortrefflichste gelungen. Das gemeinsame „Schreiben mit Licht“ (Storaro) ist den beiden später weltberühmten Italienern („Der letzte Kaiser“ / „Der letzte Tango in Paris“) selten besser gelungen als hier. Eine bessere, mit optischen Irritationen aufbereitete Vergangenheit-trifft-Gegenwart-Studie über den italienischen Faschismus und scheinbare (Anti-)Helden darin findet sich bis heute kaum in der Filmgeschichte.


Die Strategie der Spinne | Regie: Bernardo Bertolucci Italien 1969 | 98 Minuten

Jetzt neu auf BD und DVD erhältlich. Anbieter/Fotos: Filmjuwelen


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