Serie: Baron Noir - Staffel 2

Die französische Antwort auf "House of Cards" geht weiter

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Der zweite Teil ist immer der schwerste, nicht der überraschende Erstling, sondern die lang erwartete Fortsetzung. Wird der Autor nochmals überzeugen können, seinem Thema Innovationen und neue Wendungen abgewinnen…? Für zweite Serien-Staffeln gilt das natürlich auch: der Stoff von Staffel 1 soll sich über die Staffelgrenze hinweg interessant fortspinnen, möglichst auch noch irgendwie steigern, weil die Erwartungen eines stets neu begierigen und stoffhungrigen Publikums nach dem Erfolg der ersten naturgemäß hoch sind. Diesem Dilemma sahen sich auch die Macher von „Baron noir“ (Regie:Ziad Doueiri, Drehbuch: Eric Benzekri, Jean-Baptiste Delafon), der viel gepriesenen französischen Politserie, in ihrem zweiten Anlauf gegenüber. Und man muss sagen, dass sie sich redlich bemüht haben, auch wenn sie letztlich nicht vollständig überzeugen können.

Einen Großteil des Reizes der ersten Staffel machte die Rolle und die Darstellung der Hauptfigur Philippe Rickwaert (Kad Merad) aus: Er war als fiktiverBürgermeister des nordfranzösischen Dünkirchen und Parlamentsabgeordneter der „Parti socialiste“, der sich nach einem Karriere-Rückschlag an denen, die ihn übergangen haben, rächen will, das (hyper-)aktive Zentrum des Geschehens. Wenn er an einem Fädchen zog, tanzten die Puppen, und nicht zuletzt die Kamera liebte ihn und setzte ihn großartig in Szene. All dies ist durchaus auch in der zweiten Staffel noch erfahrbar, jedoch abgeschwächt – geschuldet der Tatsache, dass nun hauptsächlich in größeren Arenen und auf hauptstädtischem Pariser Parkett gefochten wird, nicht mehr so sehr im provinziellen Dünkirchen. Die Serie wird einerseits (noch) moderner: Es gibt den großzügigen Einsatz von WhatsApp-Protokollen, Rap-Videos zur Diskreditierung des politischen Gegners, Pop-Art-Wahlplakate etc. zu bestaunen.



Andererseits wird sie aber auch politischer in dem Sinne, dass die Dinge komplizierter, unsinnlicher, „technischer“ werden. Dies ist durchaus glaubwürdig und für die weitere Entwicklung des Plots wohl auch nötig, steht jedoch den Ansprüchen an eine auch dramatisch packende Handlung spürbar entgegen. Das war in Staffel 1 noch anders; dort waren mehr Alltagspartikel in den Politzirkus eingewoben (die Dünkirchener Arbeiter, Rickwaerts Tochter Salomé, das Piano), die wohltuende Ablenkung von den gefilmten Gremiensitzungen und den Palast-Intrigen drumherum verschafften. Nun hat man über weite Strecken den Eindruck, als könne man getrost nebenbei auch einmal anderes tun, so sehr trägt die Präsentation des Kammerspiels mitunter Züge eines Hörspiels, eines zwar dicht und stellenweise spannend inszenierten, aber doch eines solchen, das einer visuellen Dimension eigentlich kaum mehr bedarf. Das ist natürlich fatal.

In den ersten Folgen ist Philippe Rickwaert allzu sehr der Mann im Hintergrund, der auf seine Stunde und Gelegenheit lauert, nicht mehr vor allem der tatkräftige Macher und Entscheider. Er berät und coacht Amélie Dorendeu (Anna Mouglalis), die mittlerweile zur (ersten) Präsidentin der Republik aufgestiegen ist, mit mutmaßlich eigener verborgener Agenda, ist also eher „Spin Doctor“ als selbst politisch Handelnder. Seine Methoden sind noch die gleichen – psychologische Kriegsführung, Einflüsterungen, Intrigen mit schnellen Zielwechseln –, doch er (und mit ihm die Zuschauer) scheint ein wenig das Ziel seiner Anstrengungen aus den Augen zu verlieren. Die Fronten verschieben sich ständig, und Rickwaert ist dabei eher Getriebener als Gestalter der Entwicklungen. Bei vergleichbarer Ausgangslage meisterte etwa das US-amerikanische Pendant „House of Cards“ diese erzählerischen Herausforderungen souveräner, agierte Kevin Spacey in seiner Rolle des Frank Underwood auch dann noch bedrohlich und zielgerichtet, wenn er vorübergehend stillgestellt war. Das ist jedoch vor allem eine Schwierigkeit, die das Team im Writers’ Room von „Baron noir“ zu überwinden hat; die Leistungen der Darsteller bewegen sich weiterhin auf hohem Niveau.



Auf der Höhe der Zeit und ihrer Sorgen bereitenden Entwicklungen zeigt sich die Serie weiterhin thematisch. Es werden – etwas schematischer und weniger integriert als in Staffel 1 – viele Politikbereiche verhandelt, die auch international auf der Agenda stehen: Das reicht von der Gesundheitsversorgung („Und wenn wir die Freibeträge für Brillen und Zähne erhöhten?“) über islamistische Parallelgesellschaften in den Vorstädten bis hin zu der „Wut der Arbeiter“, die so manifest erscheint, dass das traditionelle Gefüge vom Volk, seiner demokratischen Vertretung und deren Führungsspitze ins Wanken zu geraten droht. Schließlich weht Philippe Rickwaert und den Seinen unter der neuen weiblichen Staatsspitze auch ein scharfer, kritischer Wind vonseiten selbstbewusster Politikerinnen entgegen, denn – man mache sich nichts vor – unser Held war und ist ein Macho: Vorwürfe von Übergriffigkeit und Aggressivität (wenn auch nicht sexueller Natur) werden laut, die Serie ist in Zeiten von #MeToo angelangt. Das von einer Vertrauten ausgesprochene, ernüchternde Fazit lautet: „Ihr seid immer noch dieselben: zynisch, grausam.“ Ein Lichtblick, sowohl dramaturgisch als auch darstellerisch, findet sich in der zweiten Staffel in der Person von Cyril Balsan (Hugo Becker), Rickwaerts ehemaligem parlamentarischem Assistenten, der sich hier neu erfindet und für einen völlig andersgearteten Politikstil steht. Die Hoffnung stirbt zuletzt…

Anbieter/Fotos: Sony Channel

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