Mel Brooks "The Producers"

1968 erntete Mel Brooks für seine Hitler-Satire "The Producers" viel Kritik, bekam aber auch einen "Oscar" fürs beste Drehbuch.

Diskussion

Zehn lange Jahre will Mel Brooks an einem Roman mit dem Titel „Springtime for Hitler“ gebastelt haben, bis er einsah, dass er trotz Dostojewski- und Tolstoi-Lektüre wohl nicht zum Romancier taugte. Für das Buch des Films „The Producers“ brauchte er dann nur noch neun Monate – und acht Wochen für die Dreharbeiten plus elf Monate für Montage und Mischung. Das war für einen „Jungfilmer“ – Brooks war immerhin schon 42, als „The Producers“ 1968 endlich in die amerikanischen Kinos kam – eine beachtliche Leistung. Zuvor aber galt es, erst einmal eine Million Dollar für das Projekt aufzutreiben.

Natürlich wollte sich an einem solchen Stoff zunächst niemand die Finger verbrennen – ein solches Sujet, und dazu noch von einem Nobody! Die großen Studios lehnten ab. Mel Brooks musste geraume Zeit hausieren gehen, bis er schließlich das Budget zusammenhatte. Er fand: Die Geschichte war irre, aber bei weitem nicht für alle irre gut. Sie war eigentlich fast so irre wie der ganze Coup, den sich da der größenwahnsinnige Broadway-Bankrotteur Max Bialystock zusammen mit seinem jungen Kompagnon Leo Bloom ausgeheckt hatte. Hier wurden Witze über alte reiche Frauen mit ausgeprägten sexuellen Bedürfnissen gemacht, über Schwule, Juden und Blondinen, über den ganzen Kunstbetrieb – und über die Nazis. Hitler und seine vielen Anhänger als Witzfiguren? Das war schon damals, in den verrückten „Sixties“, nicht nur politisch inkorrekt, das hätte auch für die, die das Geld für den Film geben sollten, durchaus ins Auge gehen können.

Ging es aber nicht. Mel Brooks’ Debüt war ganz gewiss nicht der große Überraschungserfolg, doch zumindest seine Produktionskosten von einer Million Dollar spielte es wieder ein. Der Film wurde erfolgreich in Cannes gezeigt – und das im denkwürdigen Jahr 1968. Auch in den amerikanischen Großstädten schlug er sich auf längere Sicht beachtlich. Hollywood ehrte den Newcomer sogar mit einem „Oscar“! Brooks’ Konkurrenten als Autoren waren immerhin Stanley Kubrick (für „2001: A Space Odyssey“) und John Cassavetes (für „Faces“); Gene Wilder, der den Buchprüfer Bloom spielte, war dazu noch für einen „Oscar“ als bester Nebendarsteller nominiert.

Doch bei allem Erfolg: Das Stirnrunzeln korrekter Bedenkenträger blieb. In die deutschen Kinos kam der Film zunächst nicht. Zumindest dies verband ihn mit Charles Chaplins „Der große Diktator“ und Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“. Für die Deutschen waren Hitler und seine Spießgesellen noch lange zu entsetzlich, und mit dem Entsetzen treibt man hierzulande nun mal keinen Spott. Chaplin und Lubitsch brauchten 18 Jahre, bis sich ihnen die deutschen Kinotüren öffneten, Brooks nur noch acht. Die Amerikaner sahen „The Producers“ 1968, die Deutschen erst 1976 (als „Frühling für Hitler“). Dass der Film überhaupt nach Deutschland kam, mag am Erfolg späterer Brooks-Filme wie „Blazing Saddles“, „Young Frankenstein“ und „Silent Movie“ gelegen haben, die auch in der Bundesrepublik Deutschland recht gut liefen. Maßlos überzogene Satire auf das Showbusiness und seine Mechanismen mit zahllosen geschmacklichen Ausrutschern – so urteilte ein Teil der bundesdeutschen Kritik. Mancher sah das freilich wohl schon 1976 etwas anders.


Noch aufwändiger: Das Musical

Der Stoff war gut, die Geschichte nicht totzukriegen, und so entsann sich Mel Brooks viele Jahre später, als es bei ihm mit dem Kino nicht mehr ganz so gut lief, der Story und machte daraus ein Musical. Dies lief seit 2001 am Broadway und in London – nicht aber in Hamburg, Bochum oder Berlin – dermaßen gut und lange, dass man daraus wieder einen Film machte. Das ewige Ballspiel zwischen Broadway und Hollywood. Brooks verkündete jetzt, dass nach dem Film vermutlich noch „Claymation“ käme. Der Reiz der „unsterblichen“ Geschichte beginnt schon beim Namen der Hauptfigur, den Brooks – eigentlich Melvin Kaminsky – ihr gab: Max Bialystock. Brooks’ leiblicher Vater hieß Max Kaminsky und soll als Deutscher in Danzig geboren worden sein (wie der Sohn 1979 in einem Gespräch mit Christa Maerker sagte; andere Quellen nennen das ukrainische Kiew als Geburtsort des Vaters). Bialystok (mit einem k!) war damals eine polnische Kleinstadt, die heute ganz dicht an der Grenze zu Russland liegt. Zero Mostel (1915–1977), zeitweise eine Broadway-Ikone, spielte im ersten Film jenen gerissenen Broadway-Bankrotteur, der von der Erinnerung an seine große Zeit und dem Wunsch lebt, ein für allemal für seine Zukunft aussorgen zu können. Mostel, Opfer von McCarthys Hexenjägern (1976 spielte er – neben Woody Allen – in Martin Ritts Evokationsfilm „The Front“ eine der Hauptrollen), brachte hier mehr noch als Nathan Lane, der Bialystock des Fast-Remakes, vor allem seine massige Körperlichkeit sowie die hervorstechenden Augen bravourös ein.

Neben ihm Gene Wilder in seiner zweiten Kinorolle als Steuerprüfer mit Ambitionen zum Musical-Produzent. Brooks hält dieses herrlich ungleiche Paar – gewissermaßen Vater und Sohn beziehungsweise Laurel & Hardy im New Yorker Showbiz – für ein wesentliches Wirkungselement der ganzen Geschichte. Was unterscheidet die erste Filmfassung von der zweiten? Der größere Unterschied springt bereits zu Beginn der neuen Version ins Auge: Vor 38 Jahren wollte kein Studio den Film machen, jetzt aber beteiligen sich gleich zwei Major Studios an der Produktion. Für seinen neuen Film soll Brooks 45 Mio. Dollar zur Verfügung gehabt haben, und das darf kein Zuschauer auch nur für einen Moment vergessen! Während die neue Produktion mit der aufwändig-bombastischen Nummer eines verrückten „Hamlet“-Musicals beginnt, fing die alte Version ganz bescheiden, gewissermaßen „kammerspielartig“ an. Man erlebt Bialystock beim Finanzieren einer Show: Er verabschiedet eine alte Dame, wechselt das Foto auf dem Schrank und empfängt mit umwerfendem Augenkullern Richtung Publikum eine neue, in die Jahre gekommene Lady, Mrs. Hold Me, Touch Me. Dazu rollt der Vorspann ab.


Aufwand schlägt Spaß

Was die beiden Filme vor allem unterscheidet, ist das Geld, und damit verbunden der Aufwand. 1968 brauchte Brooks ganze 88 Minuten, um seine Geschichte zu erzählen. Heute müssen es 46 Minuten mehr sein. Damals genügten ganze zwei Lieder – das umwerfende „Springtime for Hitler, Winter for Poland and France“ sowie der Gefangenenchor „We’re the Prisoners of Love“. Heute müssen es fast schon ein Dutzend Songs sein. 134 Filmminuten wollen schließlich genutzt werden. Dabei haben die neuen Nummern bei weitem nicht alle die Brisanz von „Along Came Bialy“, wo 50 alte Damen die New Yorker 5th Avenue mit ihren Gehhilfen entlang marschieren. Nahezu alles andere war aber bereits in der alten Fassung enthalten. Dem Zeitgeist entsprechend, wurde lediglich noch aufwändiger, bombastischer, „aufgeblasener“ produziert.

Dabei blieb so mancher Witz auf der Strecke. Aufwand schlägt Spaß. Kurios, dass Brooks im neuen Film ausgerechnet uns, die Kritiker, ungeschoren lässt. Damals bekam der Rezensent der „New York Times“ noch sein Premieren-Ticket in einen Hundert-Dollarschein eingewickelt – worüber er sich natürlich furchtbar entrüstete und daraufhin seine – erhoffte – vernichtende Kritik schrieb. In der neuen Fassung wurde der Herr ersatzlos gestrichen. Andere Figuren sind dagegen „aufgewertet“, etwa Ulla, die schwedische Sekretärin. Im alten Film hatte Lee Meredith als blonde Tippse ohne Schreibmaschinen-Kenntnisse bei der Aufforderung „An die Arbeit!“ nichts weiter zu tun, als aufzuspringen und mit Po und Busen zu wackeln. In der neuen Version übernimmt Uma Thurman diese Rolle, die natürlich einen großen, eindrucksvollen Auftritt auf der Musical-Bühne erhält. Franz Liebkind aber, der verrückte Nazi-Schriftsteller und Taubenzüchter im New Yorker Exil, der mit seinem Motorrad samt Beiwagen im langen Ledermantel zur Premiere seines eigenen miesen Stücks erscheint – auch er ist im ersten Film genauso als lächerliches Klischee enthalten wie all die anderen Schießbudenfiguren.

„Meine Filme sind ja ziemlich vulgär“, behauptete Brooks. „Ich kann alles über jeden sagen. Ich kann jeden Schwarzen, jeden Juden, einfach jeden auslachen.“ 1968 war offensichtlich eine ganz andere Zeit. Mel Brooks, der erfolgreiche Gagschreiber für populäre Fernseh-Entertainer – vor allem Sid Caesar –, debütierte fast zur selben Zeit wie ein anderer erfolgreicher Gagschreiber: Woody Allen. 1968 kam „The Producers“ in die amerikanischen Kinos, ein Jahr später Allens Debüt „Take the Money and Run“. Doch damals wie heute lag das Filmmusical in der Agonie. „Cabaret“ war noch nicht gedreht, „Sweet Charity“ wurde vorbereitet. Bei der „Oscar“-Verleihung ging 1968 William Wyler mit „Funny Girl“ ins Rennen. Wenn Mel Brooks heute vollmundig glaubt, sein Film löse eine Renaissance des guten alten Musicals aus, dann kommt das einem wie lautes Pfeifen im Wald vor. Fred Astaire, Busby Berkeley und „Singin’ in the Rain“ sind auch nach „The Producers“ nichts weiter als Sweet Memories. Das weiß nicht zuletzt Mel Brooks. Man darf eben nicht alles so ernst nehmen, was der Meister verkündet, der sich einst selbst als „der Max Reinhardt und Fritz Lang der Komödie“ bezeichnete.


"The Producers - Frühling für Hitler" (1968) ist am 20. September 2018 beim Label StudioCanal als "50th Anniversary Collection" erschienen. Sie umfasst diverse Bonusmaterialien: ein "Q&A" mit Mel Brooks beim TCM Festival 2018; ein Making Of; Paul Mazursky liest Peter Sellers' Liebesbrief an "The Producers"; Zero Mostel zu Gast bei der TV-Show "Tempo" (1966); geschnittene Szenen; eine Soundtrack-Parodie.

Die Neuverfilmung "The Producers" (2005) von Susan Stroman ist als DVD bei Sony Pictures Home Ent. erschienen.


(Der Text von Michael Hanisch erschien erstmal in Filmdienst 5/2006 aus Anlass des deutschen Kinostarts der Neuverfilmung.)

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