Berlin als Baustelle: Zur Wiederaufführung von „Berlin Babylon“

Ab 27. September läuft Hubertus Siegerts architektonische Langzeit-Studie über den Neubau der Hauptstadt Berlin wieder im Kino

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Nicht zu verwechseln mit der Krimiserie „Babylon Berlin“: Der Dokumentarfilm „Berlin Babylon“ von Hubertus Siegert stammt aus dem Jahr 2001 und porträtierte als dokumentarische Langzeitstudie das Nachwende-Berlin als große Baustelle, über und unter der Erde. Der außergewöhnliche Film, der ohne Kommentar aus Bildern, O-Tönen und Musik der „Einstürzenden Neubauten“ eine Art „Symphonie der Großstadt“ in einer Phase ihres Wandels entwarf, erlebt nun in einer digitalisierten 4k-Fassung eine Wiederaufführung im Kino: In Berlin wird er ab 27. September im Hackesche Höfe Kino (täglich um 15.00) und im Kino Filmkunst 66 (immer sonntags um 15.15) bis Jahresende auf dem Programm stehen.


Hier die Filmdienst-Kritik zu „Berlin Babylon“ von Cornelia Fleer:

Seit dem Fall der Mauer befindet sich Berlin in einem rasanten Umbau, bei dem die Repräsentationsfunktion zuweilen kuriose Baublüten in den Himmel treibt. Ist Berlin zum Inbegriff des architektonischen Fortschritts geworden? An architektonischen Superlativen wird jedenfalls nicht gespart. Beispielsweise beim neuen Kanzleramt mit seiner grandiosen Fassade klingen die Zahlen überwältigend: 465 Millionen Mark Baukosten, 36 Meter Höhe, 370 Büros und ein 335 Meter langer Südflügel.

Der opulente Bau, die „Villa zur Macht“, wie die Süddeutsche Zeitung spöttelte, ist das neue pompöse Symbol der Bundesrepublik Deutschland. Im Tiefflug über Berlin, langsam, wie in der Anfangssequenz von Ridley Scotts „Blade Runner“ (fd 23 689), schwebt die Kamera über die Stadt, Richtung Alexanderplatz. An den Blinklichtern des rot-weiß geringelten Sendemastes saugt sie sich fest. Da steigt ein Arbeiter über eine Leiter nach unten, und mit ihm schwenkt der Blick in die Tiefe. Die Stadt, ihre Straßen, Plätze, Häuser, liegen ausgebreitet wie auf einem Tablett. Die Modellbäume des Architekten Axel Schultes kommen ins Bild. Am Telefon jammert der Schöpfer des neuen Kanzleramtes über das Lamento wegen der überzogenen Bausumme. Dann sieht man Schultes, seine Bäume in der Hand, mit Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit vor einem Modell der Stadt über die Zukunft plaudern.

Hubertus Siegert hat Berlins Bauprozesse über mehrere Jahre begleitet. Von 1996 bis 1999 hat er beobachtend auf 35mm gedreht. Drei Blickwinkel sind dem Diplom-Landschaftsplaner und Dokumentarfilmer („Stravinsky in Berlin“, 1993) wichtig. Zuerst der rasante Wandel des innerstädtischen Ödlandes am Potsdamer Platz in die größte Baustelle der Republik, dann der „babylonische Charakter der ganzen Berliner Unternehmung“, der Wirrwarr von Bauherren und Bauarbeitern, die die Leere füllen, und schließlich die „Überschichtung“ der deutschen Geschichte über Nazi-Zeit und DDR-Ära. „Man muss sich beeilen, die Stadt noch ungeschminkt zu erleben, bevor sie ganz geliftet ist – und zugebaut“, sagt Siegert. Die Prominenz aus Politik und Gesellschaft tritt auf, beispielsweise beim Richtfest am Potsdamer Platz.

Wenn Architekt Helmut Jahn wie ein apokalyptischer Reiter aus Chicago einfällt und seinen gläsernen Rundbau mit Zeltdach als „Vision eines Stadtraumes an der Schwelle zum 21. Jahrhundert“ preist, wirkt das wie ein ironischer Kommentar. Einige Filmmeter weiter werden die nutzlosen Innenräume besichtigt, die der gläserne Bau in seiner bizarren Form vielfach übereinander stapelt. Wenn ein Mann in einem Ruderboot auf einem stillen Bausee das Weite sucht, fällt einem Bert Brechts Wort von der „Schwärmerei für die Natur“ und „der Unbewohnbarkeit der Städte“ ein. Siegert verzichtet auf einen Kommentar und lässt die Architektur, die Musik der Einstürzenden Neubauten und die Architekten und Bauherren sprechen.

All diejenigen, die über die steinerne Zukunft der Stadt mitreden, beispielsweise Meinhard von Gerkan, Hans Kollhoff, Renzo Piano und Rem Koolhaas, kommen zu Wort. Lediglich das Stimmengewirr der Bauarbeiter sorgt für Abwechslung. Unter- und Zwischentitel zeigen an, wer im Bild ist und spricht. Das Gespräch zwischen Bauherrn Wolfgang Nagel und Senatsbaudirektorin Jakubeit auf dem Ödland vor dem Tacheles über die Möglichkeiten eines „intelligenten Städtebaus“ wirkt fast kabarettistisch. Auch die „kommerzielle Seite“, meint Ex Bausenator Nagel, müsse sich an „kleinteiligen Strukturen“ orientieren. Da wird von „städtischem Humus“ gesprochen, von Strukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind, und die etwas bange Frage gestellt, ob das auch entstehen kann, wenn man etwas Neues nach diesem Vorbild errichtet.

Zwischen den Baustellen, den Heldenplätzen für die „Männer des schnellen Zugriffs“, schwebt die Kamera durch Ostberliner Straßen, die Optik oft frontal nach vorn gerichtet, mal fährt sie durch Hinterhöfe, mal seitlich an Baustellen und Gebäuden vorbei. Einmal zeigt sie, wie unter Wasser betoniert wird, dann wieder gewährt sie den Panorama-Blick leicht schräg von oben auf die Architektur. Da klirren die berstenden Fensterscheiben einstürzender Plattenbauten, dann kippen die Fassaden nach rechts aus dem Bildfeld. Den Filmbildern ist gelegentlich ein eigentümlicher Verfremdungseffekt zu eigen; die unvorstellbare Spannung, die die Plattenbauten zum Umkippen bringt, überträgt sich in geheimnisvoller Weise auf den ganzen Film. Die Ironie gilt dem Größenwahn des „Neuen Berlin“ zwischen formaler, räumlicher und technischer Ordnung, während die Walter-Benjamin-Miniatur vom „Engel der Geschichte“ am Schluss des formal bestechenden Films schließlich auf die Unaufhaltsamkeit des geschichtlichen Fortschritts verweist.

(erstmals erschienen in Filmdienst 19/2001)

Fotos: ©Sumofilm

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