Der Auftakt des 66. Filmfestivals in San Sebastián

Die ungewöhnlich erzählte Lebensgeschichte des kubanischen Tänzers Carlos Acosta mit dem Titel "Yuli" von Icíar Bollaín ist bislang der klare Favorit in San Sebastián

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Heiter bis wolkig präsentierte sich der Wettbewerb in den ersten Festivaltagen im baskischen Seebad San Sebastián. Die Filme tauchten tief in soziale und politische Umbrüche in Spanien, Kuba, Argentinien und den Philippinen ein und entfalten packende Geschichten über Gewalt und Korruption. Als Favorit für die „Goldene Muschel“ behauptet sich bislang vor allem die unkonventionell erzählte Lebensgeschichte des Tänzers Carlos Acosta mit dem Titel „Yuli“.


Der Eröffnungsfilm des 66. Festival de San Sebastián (21.-28.9.2018) entsprach ganz der sommerlichen Stimmung im baskischen Seebad. Ein Ehepaar, Marcos (Ricardo Darín) und Ana (Mercedes Morán), die seit 25 Jahre miteinander verheiratet sind, zieht Bilanz, nachdem ihr einziger Sohn ausgezogen ist. „El amor menos pensado“ handelt von einem Mann und einer Frau, die sich trennen, dabei allerdings entdecken, dass sich die Lebenslust der Jugendjahre auch mit wechselnden Partnern nicht wiederfinden lässt; umso mehr aber staunen sie, als sich das in den langen Ehejahren entstandene Vertrauen als prickelndes Gefühl erweist.

Mercedes Morán und Ricardo Darín in "El amor menos pensado"
Mercedes Morán und Ricardo Darín in "El amor menos pensado"

Die leichtfüßige Komödie mit ihren witzig-gefühlvollen Dialogen ist das Regiedebüt des argentinischen Produzenten Juan Vera, der durch Filme von Pablo Trapero und Lucrecia Martel bekannt wurde; vor allem aber bietet „El amor menso pensado“ zwei der größten Stars des spanischsprachigen Films dankbare Rollen.


Unterschwellige Atmosphäre aus Gewalt und Korruption

Damit konnte auch „Rojo“ von Benjamín Naishtat aufwarten. Dario Grandinetti, der als poetischer Galan in den Filmen von Eliseo Subiela bekannt wurde, spielt hier einen Anwalt in der Provinz, und Alfredo Castro einen privaten Ermittler in einer Mordsache. „Rojo“ führt in das Jahr 1975 zurück, in die argentinische Provinz kurz vor dem Militärputsch. Die Farben sind gedämpft; es herrschen Grau- und Brauntöne vor, das tiefe Rot kommt erst mit der Sonnenfinsternis ins Bild. Vom ersten Moment an breitet sich eine Aura unterschwelliger Gewalt und Korruption aus, die jederzeit explodieren kann.

"Rojo" von Benjamin Naishtat
"Rojo" von Benjamín Naishtat

Vom ersten Zusammenstoß eines cholerischen Mannes mit dem Anwalt und seiner Frau bis zur Ankunft des geheimnisvollen Ermittlers zeigt der Film mit kafkaesker Spannung und lakonischem Humor die Verrohung der Mittelschicht: „Es gibt viele Filme über die argentinische Militärdiktatur“, erklärte Hauptdarsteller Dario Grandinetti, „fast immer sind Panzer und Soldaten zu sehen. Es gibt aber kaum Filme, die sich mit der stillen Komplizenschaft der schweigenden Mehrheit auseinandersetzen, mit dem Schlangenei, aus dem der Faschismus kriecht.“ Ohne explizit auf die Diktatur einzugehen, vermittelt „Rojo“ eine dichte, bedrohliche Atmosphäre voller Gewalt und kollektivem Schweigen.


Ein Spiegel grotesker Mittelmäßigkeit

In einen Mikrokosmos aus Korruption und Abhängigkeit führt auch „El reino“. Rodrigo Sorogoyen verarbeitet hier die endlosen Korruptionsskandale, die jüngst zum Sturz der konservativen spanischen Regierung geführt haben, aber schon seit Jahren die iberische Gesellschaft bewegen. „El reino“ skizziert eine korrupte Kaste in der Provinz in ihrer ganzen grotesken Mittelmäßigkeit, wobei die Anspielungen auf die ehemalige Regierungspartei eindeutig sind, ohne konkret benannt zu werden.

"El reino" von Rodrigo Sorogoyen
"El reino" von Rodrigo Sorogoyen

Der Film porträtiert eine kleine Welt, in der sich Unternehmer und Politiker gegenseitig Gelder aus EU-Subventionen zuschanzen. Nachdem der einflussreiche Lokalpolitiker Manuel (Antonio de la Torre) von den Mächtigen seiner Partei als Bauernopfer in einem Korruptionsskandal ausersehen wird, beschließt er, die Parteispitzen zu demaskieren. Darüber verliert er aber nicht nur Frau, Tochter und alle politischen Ziehväter, sondern riskiert auch sein Leben.

In eine noch kleinere, aber nicht weniger beklemmende Welt führt der Schweizer Spielfilm „Der Unschuldige“ von Simon Jaquemet. Ruth (Judith Hofmann) arbeitet in einem Labor für Tierversuche, wo der Kopf eines Affen auf den Körper eines anderen Affen transplantiert wird. Ruth gehört mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern einer evangelikalen Religionsgemeinschaft an. Ihr Alltag ändert sich schlagartig, als ihre Jugendliebe nach einem langen Gefängnisaufenthalt wieder in ihr Leben tritt. Der Film streift viele moralische und politische Fragen, etwa die nach religiöser Bindung, der grausamen Absurdität medizinischer Forschung, dem Zerfall der Familie und der Suche nach dem eigenen Glück. Doch im Gegensatz zu „El reino“ gelingt es Simon Jaquemet in „Der Unschuldige“ nicht, die Handlungsfäden des Dramas zusammenzubringen, die immer mehr zerfasern.

Mit Rhythmus und Prägnanz stellt dagegen der philippinische Regisseur Brillante Mendoza eine Episode aus dem brutalen Drogenkrieg in seiner Heimat dar. „Alpha, The Right to Kill“ erzählt von paramilitärischen Drogen-Sondereinsatzkommandos und den Massakern in den Wellblechhütten. Menschenrechte würden nicht verletzt, erklärt der Polizeichef jovial den devoten Journalisten. Im Zentrum stehen ein korrupter Polizist, der selbst mit Drogen handelt und über Polizeieinsätze die Konkurrenz eliminiert, sowie seine Familie und die Familie eines kleinen Drogendealers, der als Spitzel arbeitet. Ein bewegendes Drama, in dem Mendoza insbesondere die klaustrophobische Atmosphäre von Armut und Überlebensängsten packend vermittelt.


Die Geschichte des kubanischen Tänzers Carlos Acosta

Von Ängsten und Existenznöten handelt auch der neue Film der spanischen Regisseurin Icíar Bollaín. Doch „Yuli“ umfasst weit mehr. Im Zentrum steht ein Mann: der weltbekannte kubanische Tänzer und Choreograf Carlos Acosta, genannt Yuli. Doch „Yuli“ will kein konventionelles Biopic sein. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Paul Laverty und Carlos Acosta gelingt es Icíar Bollaín, einen kunstvollen Bogen über drei Phasen der kubanischen Geschichte zu schlagen, von der Kindheit Acostas in den 1980er-Jahren, als der karibische Sozialismus noch in voller Blüte stand, über die Hungerjahre der „Sonderperiode“ nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bis in die Gegenwart.

„Yuli“ beginnt mit der Herkunft des Tänzers aus den Armenvierteln Havannas, wo es zum Konflikt mit seinem Vater kommt, einem LKW-Fahrer, der den Jungen gegen seinen Willen zur Ballettschule zwingt und ihn aus der Familie reißt. Yuli ist eine gebrochene Figur, die auch auf dem Gipfel des künstlerischen Triumphs noch von einer tiefen Sehnsucht nach seiner Familie und den kubanischen Wurzeln gequält wird.

"Yuli" von Icíar Bollain
"Yuli" von Icíar Bollain

Carlos Acosta tritt selbst als Protagonist auf, als eine Art Regisseur, der die Fragmente seines Lebens betrachtet: die Spielfilmszenen mit jüngeren Schauspielern und Tänzern, die Elemente experimentellen Tanztheaters, dazu Einlassungen zur Geschichte der Sklaverei auf Kuba sowie das Thema der zerrissenen Familien. Mit seiner faszinierenden Erzählstruktur, die an die besten Tanzfilme von Carlos Saura erinnert, der brillanten Bildgestaltung von Alex Catalán, einer sinfonischen Musik von Alberto Iglesias und den ausgezeichneten kubanischen Schauspielern ist „Yuli“ bislang der klare Favorit für die „Concha de Oro“, die goldene Muschel von San Sebastián.


Fotos: Filmfestival San Sebastián

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