Zum Tode des Regisseurs Ottokar Runze (19.8.1925-22.9.2018)

Ein Nachruf auf den Regisseur Ottokar Runze

Diskussion

Auseinandersetzungen mit Verbrechen, die Beschäftigung mit Rechtsprechung und Verurteilungen, aber auch die grundlegende Frage nach der Möglichkeit von Gerechtigkeit waren im deutschen Kino nie so gut aufgehoben wie in den 1970er-Jahren – ein Spiegel der politisch tief gespaltenen Bundesrepublik. Zwischen den auf den Zeitgeist abzielenden Filmen von Volker Schlöndorff („Die verlorene Ehre der Katharina Blum“) oder Reinhard Hauff („Die Verrohung des Franz Blum“) mit Sympathie für (politisch linke) Gesellschaftskritik und den ausgewogen argumentierenden Werken des filmenden Juristen Norbert Kückelmann („Die Sachverständigen“) wurde auch der Berliner Ottokar Runze in dieser Zeit eine feste Größe im bundesdeutschen Kino: Runze beschäftigte speziell die Frage nach Schuld und Sühne und den Unzulänglichkeiten der Rechtsprechung, wobei er darin den Blick oft auch auf die Vergangenheit richtete. So machte er erstmals mit dem Zeitbild „Der Lord von Barmbeck“ (1973) auf sich aufmerksam, bei dem er das Leben des Hamburger Einbrechers Julius Adolf Petersen (1882-1933) verfilmte und die autobiographischen Erinnerungen des Verbrechers mit einem Hang zur Selbststilisierung zum Edelgauner immer wieder als wörtliche Zitate von seinem Hauptdarsteller Martin Lüttge vortragen ließ.

Auf die hierin anklingende ironische Brechung verzichtete Runze in seinen nächsten historischen Filmen, die gerade durch ihre Ernsthaftigkeit zu seinen wohl eindringlichsten Werken wurden: „Verlorenes Leben“ (1975) beschrieb die fragwürdigen Methoden eines Kriminalkommissars in den 1920er-Jahren, mit Hilfe eines jungen Polen (Marius Müller-Westernhagen) einen ebenfalls aus Polen stammenden Gärtner (Gerhard Olschewski) des Mordes zu überführen, ohne dabei je Zweifel an der Schuld des Mannes zu hegen oder sich um die Gewissensbisse seines Spitzels Gedanken zu machen. Was hierin als Vorgriff auf den NS-Staat schon anklang, griff Runze 1980 in „Stern ohne Himmel“ erneut auf: In der Verfilmung eines Romans von Leonie Ossowski werden fünf Jugendliche mit der Entdeckung eines untergetauchten jüdischen Jungens konfrontiert; trotz aller Gefahr stellen sich vier von ihnen gegen den fünften, einen indoktrinierten Hitlerjungen. Zwischen den beiden Filmen inszenierte Runze mit „Die Standarte“ (1976) auch noch eine bittere Abrechnung mit einer Kriegslogik, in der die Unversehrtheit einer Fahne über die von Menschen gestellt wird.

Ansehen gewann der Regisseur in dieser Zeit auch mit seinen unmittelbar gegenwartsbezogenen Filmen, insbesondere mit dem mit dem „Silbernen Bär“ ausgezeichneten Dokudrama „Im Namen des Volkes“ (1974), in dem er verurteilte Häftlinge ihre originalen Gerichtsverhandlungen nachspielen ließ, und mit der psychologisch genauen Simenon-Verfilmung „Der Mörder“ (1978), in dem er das Zugrundegehen eines Mannes nach einer Eifersuchtstat ohne billig-moralisierende Attitüde abbildete.

In seiner auf Seriosität pochenden Arbeitsweise fanden die durchweg interessanten Filme von Ottokar Runze in dieser Zeit allerdings wenig Publikum und standen auch dem Neuen deutschen Film nur bedingt nahe, zu deren Vertretern sich der 1925 Geborene schon allein durch den Altersunterschied auch kaum zugehörig fühlen konnte. Als diese sich formierten, hatte sich Runze nach Anfängen als Schauspieler (u.a. die Titelrolle in „König Drosselbart“, 1954) bereits als Produzent, Fernseh- und Synchronregisseur fest im Filmgeschäft etabliert. Die Synchronbranche blieb auch nach seinem späten Kino-Regiedebüt mit der wenig überzeugenden modernen Shakespeare-Adaption „Viola und Sebastian“ (1971) ein von Runze gern genutzter Broterwerb, in dem er unter anderem die deutschen Fassungen von „2001: Odyssee im Weltraum“, der „Pate“-Trilogie und einer Neusynchronisation von „Im Westen nichts Neues“ (1930) in den 1980er-Jahren verantwortete.

In den 1980er- und 1990er-Jahren erweiterte Ottokar Runze seine Bandbreite um Hommagen an Altstars wie Elisabeth Bergner und Lilli Palmer („Feine Gesellschaft – beschränkte Haftung“, 1981) oder Ilse Werner („Die Hallo-Sisters“, 1990) sowie eine poesievolle Hamburg-Bildermontage im Walther-Ruttmann-Stil („Hamburg – Bilder einer großen Stadt“, 1986), konnte aber damit nur noch bedingt Aufmerksamkeit wecken. Nach der Dichter-Dokumentation „100 Jahre Brecht“ (1997) und der mäßigen Klaus-Mann-Verfilmung „Der Vulkan“ (1998) inszenierte er nicht mehr fürs Kino, blieb aber als Lehrender, Theaterregisseur und mit seinen Memoiren „Vom Glück zu Trauern: Eine deutsche Geschichte“ (2015) weiterhin präsent. Im Alter von 93 Jahren starb Ottokar Runze am 22. September 2018 im mecklenburgischen Neustrelitz.

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