Bilanz des 66. Filmfestivals in San Sebastián

Ein Rückblick auf einen bewegten Jahrgang, in dem das Festival in San Sebastián viel Mut zu Neuerungen bewies

Diskussion

„Uns interessiert die Vielfalt. In diesem Jahr hatten wir sehr viele Genrefilme im Wettbewerb, Action, Horror und Science-Fiction“, brachte Festivalchef José Luis Rebordinos die große Spannbreite des 66. Festivals in San Sebastián auf den Punkt. „Wir schätzen Filme, die soziale Fragen aufwerfen, aber wir lieben auch das Unterhaltungskino.“ Ein Rückblick auf einen bewegten Jahrgang.


Das 66. Filmfestival in San Sebastián endete mit einer einhelligen Juryentscheidung. Die „Goldene Muschel“ ging in „voller Einstimmigkeit“, so Jurypräsident Alexander Payne, an den spanischen Film „Entre dos Aguas“ von Isaki Lacuesta. Vor zwölf Jahren drehte Lacuesta mit „La Leyenda del Tiempo“ (2006) schon einmal einen Film mit jungen Gitanos (spanische Roma) aus den Vorstädten der Stadt Cadíz. Jetzt ist der spanische Regisseur nach Cadíz zurückgekehrt, um mit den gleichen Protagonisten eine andere Geschichte zu erzählen. Darin kommt ein junger Gitano aus dem Gefängnis und findet sich nicht mehr zurecht. Er freut sich auf seine drei Töchter, doch seine Frau lässt ihn nicht ins Haus, solange er keine Arbeit gefunden hat. Jobs sind rar, weshalb er mit dem Gedanken spielt, wieder Drogen zu verkaufen.

Fast dokumentarisch und mit bewegter Kamera seziert Lacuesta einen agilen Mikrokosmos zwischen Perspektivlosigkeit und tiefer Lebensfreude. Die im Schwemmland zwischen Fluss und Meer angesiedelte Geschichte vom Leben und Überleben ist eine poetisch-realistische Betrachtung über das Vergehen der Zeit und besticht durch ihre authentische Atmosphäre, die gelungene Inszenierung eines Ensembles voller Laiendarsteller und dem Umgang mit Armut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Lacuesta gewann damit schon zum zweiten Mal den höchsten Preis in San Sebastián, 2011 wurde sein Film „Los pasos dobles“ mit der „Concha de oro“ ausgezeichnet.

Der zweite große Gewinner des Festivals ist das argentinische Drama „Rojo“ (vgl. dazu die Ausführungen zum Auftakt des Festivals), das gleich drei Silberne Muscheln für Regie, den besten Schauspieler und die beste Bildgestaltung gewann. Regisseur Benjamín Naishtat nutzte seine Dankesrede, um die Abschaffung des Kulturministeriums durch den neoliberalen Präsidenten Mauricio Macri anzuprangern; der Hauptdarsteller Dario Grandinetti betonte, dass die Erinnerung an die dunklen Stunden der argentinischen Vergangenheit gerade in einer Welt sehr hilfreich sei, in der Faschismus und Rechtsextremismus wieder an Einfluss gewinnen. Und der Kameramann Pedro Sotero widmete seinen Preis dem inhaftierten brasilianischen Ex-Präsidenten Lula da Silva, den er als „politischen Häftling“ bezeichnete.

Politische Botschaft: "Rojo"
Politische Botschaft: "Rojo"

Eine weitere dezidiert politische Danksagung stammte von Drehbuchautor Paul Laverty („Yuli“), der zum Kampf gegen das schon 58 Jahre andauernde Embargo der USA gegen Kuba aufforderte. Pia Tjelta erhielt für ihre Darstellung einer verzweifelten Mutter in dem als Plansequenz gedrehten norwegischen Familiendrama „Blind Spot“ die Auszeichnung als beste Schauspielerin. Eine besondere Erwähnung der Jury ging an den ungewöhnlichen Polizeifilm „Alpha, The Right to Kill“ von Brillante MendozaüberGewalt und Korruption im Drogenkrieg auf den Philippinen. Die kirchliche SIGNIS-Jury zeichnete in ungewohntem Gleichklang mit der offiziellen Jury ebenfalls „Entre dos Aguas“ aus; eine besondere Erwähnung gilt „Alpha, The Right to Kill“. Die Filmkritiker widmeten den FIPRESCI-Preis Claire Denis’ dystopischem Weltraumdrama „High Life“.


Komödien, Action und andere Genres

Mit zehn Jahren wurde Angelo Soliman (1721-1796) von Sklavenhändlern aus seiner afrikanischen Heimat nach Europa verschleppt. Seine Geschichte als Wiener „Hofmohr“ erzählt der österreichische Regisseur Markus Schleinzer in „Angelo“, die nach Solimans Tod im kaiserlichen Naturkundemuseum endete. Die Inszenierung wählt dafür nicht die Gestalt eines Kostümfilms, noch prangert sie plakativen Rassismus ab, sondern folgt einer weniger spektakulären Form der Abwertung, die darin besteht, Andersfarbige als etwas Besonderes oder Exotisches wahrzunehmen. Genau hierin liegt das Originelle des Films. „Angelo“ ist ein langsamer, nicht leicht zugänglicher Film, in dem wenig gesprochen wird. Das Unbequeme des Films vermittelt sich auch durch sein ästhetisches Format. Die klassische, fast quadratische Kadrierung fängt sehr bedrängend das Eingesperrtsein des Protagonisten auch auf visueller Ebene ein, wobei streckenweise großartige, gemäldeartige Bilder entstehen.

Die japanische Regisseurin Naomi Kawase entführt in „Vision“ hingegen in atemberaubende Waldlandschaften. Eine französische Reisejournalistin, dargestellt von Juliette Binoche, reist auf der Suche nach einer magischen Pflanze, die nur alle 400 Jahre blüht, durch Japan. Ihre Tour wandelt sich immer mehr zu einer existenzialistischen Selbsterfahrung, auch, weil sich die Protagonistin auf eine Begegnung mit ihrer eigenen Vergangenheit einlässt. Die dichte Waldlandschaft entpuppt sich dabei als geradezu eigenständiger Protagonist, der die Menschen auf ganz unterschiedliche Weise vereinnahmt.

"Vision" von Naomi Kawase
"Vision" von Naomi Kawase

Mit einer comic-artigen Ästhetik und vielen Special Effects bebildert „Illang – Die Wolfsbrigade“ des koreanischen Regisseurs Kim Jee-Woon einen brutalen Machtkampf zwischen Spezialeinheiten und regulären Sicherheitskräften. Der Film spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft vor dem Hintergrund der baldigen Vereinigung von Nord- und Südkorea; mit einem Showdown in den Katakomben der Kanalisation.

Genrefilme waren in diesem Jahr im Wettbewerb von San Sebastián stark vertreten. Das Spektrum reichte von handwerklich spektakulären Action-Choreographien aus Korea wie in „Illang - Die Wolfsbrigade“ bis zu dem bewusst spartanisch ausgestattetem Raumschiff-Drama „High Life“ der französischen Regisseurin Claire Denis. Hier erinnert nichts mehr an die Verherrlichung von Technologien à la „Star Trek“; in der Geschichte bar aller Hoffnung sind es vielmehr Schwerverbrecher, die in einem technisch maroden Raumschiff als Versuchskaninchen für wissenschaftliche Experimente eingesetzt werden.

Wo Claire Denis die Ausstattung bewusst gegen die Anmutung des Genres einsetzt, nutzt der britische Regisseur Peter Strickland in der Horrorkomödie „In Fabric“ Dekor und Kostüm als grotesken Fetisch. FestivalchefJosé Luis Rebordinos begründete die Lust an den Gegensätzen im Festivalprogramm wie folgt: „Uns interessiert die Vielfalt. In diesem Jahr haben wir sehr viele Genrefilme im Wettbewerb, Action, Horror und Science-Fiction. Wir schätzen Filme, die soziale Fragen aufwerfen, aber wir lieben auch das Unterhaltungskino.“


Familiendramen & der baskische Film

Ein beklemmendes, mitreißendes Familiendrama stammte von der schwedischen Schauspielerin Tuva Novotny, die damit ihr Debüt als Spielfilm-Regisseurin gab. In „Blind Spot“ scheint alles so vertraut, normal und friedlich. Zwei Mädchen gehen in der Winterdämmerung in Oslo nach Hause. In den Wohnblocks aus den 1960er-Jahren bringt eine Mutter einen kleinen Jungen ins Bett, der Vater kommt bald von der Arbeit. Doch dann gibt es einen Moment tiefer Stille, als eines der Mädchen aus dem Fenster gesprungen ist. „Blind Spot“ ist ein Kammerspiel im Krankenhaus, mit bewegter Kamera und sich überstürzenden Emotionen angesichts des Unausweichlichen.

"Blind Spot" von Tuva Novotny
"Blind Spot" von Tuva Novotny

Auch der chinesische Film „Bao Bei Er“ von Liu Jie wirft einen ungewöhnlichen Blick auf das Schicksal verlassener Kinder. Er erzählt von einer jungen Frau, die als Pflegekind aufgewachsen ist, weil ihre Eltern sie wegen eines Herzfehlers nicht akzeptierten. Jetzt kämpft sie verzweifelt um das Leben eines todkranken Babys, das von seinen Angehörigen ebenfalls aufgegeben wurde. Liu Jie erzählt diese Geschichte leise, fast melancholisch und doch mit großem Nachdruck. Der neue Film von Felix Van Groeningen, „Beautiful Boy“, enttäuschte dagegen. Das Drama um einen Vater und seinen drogenabhängigen Sohn inmitten eines sommerlichen Kaliforniens steckt voller Klischees; Bildgestaltung und Filmmusik entstammen ebenfalls einem Fernsehdrama.

Der baskische Film hat sich in den letzten Jahren sehr stark entwickelt. Die Reihe „Zinemira“, die dem baskischen Kino gewidmet ist, präsentierte ein breites Angebot vom sehr persönlichen Dokumentarfilm bis hin zum politischen Animationsfilm oder der existenzialistischen Tanzchoreografie „Dantza“ von Telmo Esnal. Mit „Oreina“ präsentierte Koldo Almandoz einen faszinierenden Mikrokosmos voller archaischer Traditionen und moderner Einflüsse. Khalil, der Sohn von Immigranten aus dem Maghreb, lebt am Rande von San Sebastián in einem ländlichen Gebiet zwischen Fluss, Schwemmland-Dörfern und Industrieanlagen. Er hält sich mit kleinen Drogengeschäften über Wasser und hilft einem alten Fischer, der sein baufälliges Haus am Fluss mit seinem Bruder teilt, obwohl er seit Jahren kein Wort mehr mit ihm gesprochen hat. „Oreina“ ist ein subtiler Film über Liebe und Entfremdung, Rache und Wut, Heimat und die Sehnsucht, alles hinter sich zu lassen.


Fotos: Filmfestival San Sebastián

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