Zum Tode von Charles Aznavour (22.5.1924-1.10.2018)

Der weltweit angesehene französische Chansonnier reüssierte auch als Schauspieler, unter anderem in „Schießen Sie auf den Pianisten“ und „Die Blechtrommel“

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Auf den Bühnen der großen Konzerthallen der Welt schien Charles Aznavour stets in seinem Element zu sein: ein selbstbewusster Unterhaltungskünstler, der auf seine elegante, aber unprätentiöse Ausstrahlung vertraute und auf die Kraft seiner Chansons. Aznavour benötigte keine exaltierten Gesten und keine aufwändige Bühnenshow, um sein Publikum zu bannen, obwohl er über ein vielfältiges Arsenal an Ausdrucksmöglichkeiten verfügte. Das Selbstbewusstsein seiner Auftritte als Sänger hatte nichts Aufdringliches, sondern schien einfach die angemessene Art zu sein, das zu sagen, was er zu sagen hatte – und dies selbst bei gesellschaftlich umstrittenen Themen stets mit Charme und ruhigem Nachdruck zu tun.

Im Vergleich zu seiner Bühnen-Persona fiel bei den schauspielerischen Arbeiten von Charles Aznavour auf, wie sehr die Filme seine Sanftheit und Verletzlichkeit betonten. Vor der Kamera schien der 1,60 Meter große Franzose stets noch ein wenig kleiner zu werden, eingeschrumpft angesichts einer feindseligen Welt, wie sie sich vor allem in seinen früheren Filmen präsentierte. Herausgehoben wurde im Kino dagegen sein Gesicht, das in Großaufnahmen seine weichen Züge, freundlichen Hundeaugen und dichten Augenbrauen zur Geltung kommen ließ und ihm auf diese Weise die Sympathie und das Mitgefühl der Zuschauer einbrachte. Denn gut mitgespielt wurde seinen Figuren, zumindest in Charles Aznavours besten Filmen, selten, sodass ihnen oft eine Neigung zum Fatalismus zu eigen war. Das Schicksal nahmen sie nur noch mit stiller Resignation zur Kenntnis.

Dies zeichnete bereits die erste bedeutende Filmrolle von Charles Aznavour aus, mit dem sich der 1924 geborene, nach längerer Anlaufzeit bereits enorm erfolgreiche Sänger und Komponist 1959 hervortat. In „Mit dem Kopf gegen die Wände“ von Georges Franju, einer scharfen Kritik an den Institutionen der Nervenheilanstalten, spielte er den introvertierten, labilen Patienten Heurtevent, der durch seine Freundschaft mit einem jungen, zwangsweise ins „Irrenhaus“ eingewiesenen Straftäter (Jean-Pierre Mocky) Teil von dessen Fluchtplänen wird. Am Ende entscheidet sich Heurtevent für den Selbstmord; ein Leben außerhalb der Anstalt ist für ihn undenkbar; gleichzeitig kann er aber auch die unmenschlichen Methoden der Nervenärzte nicht länger ertragen.

Charles Aznavour (mit Marie Dubois) in "Schießen Sie auf den Pianisten"
Charles Aznavour (mit Marie Dubois) in "Schießen Sie auf den Pianisten"

Von diesem anrührenden Auftritt war es nicht weit bis zu Aznavours im kulturellen Gedächtnis am meisten verankertem Film: François Truffauts „Schießen Sie auf den Pianisten“ (1960). Der an US-amerikanischen Vorbildern orientierte Gangsterfilm eines Regisseurs, der Gangster verachtete und sie in keiner Weise glorifizieren wollte, ist perfekt auf Aznavour zugeschnitten. Der Klavierspieler Charlie Kohler, früher ein erfolgreicher Konzertpianist, wird durch seine kriminellen Brüder in eine tödliche Auseinandersetzung mit Berufsverbrechern hineingezogen, und Aznavour macht jede Nuance dieser verhängnisvollen Entwicklung spürbar: auch mit Wut, vor allem aber mit fast stummer Ergebenheit in den Lauf der Ereignisse, die ihn an seine schmerzvolle Vergangenheit erinnern und am Ende mehreren Menschen, darunter seiner neuen Freundin Léna (Marie Dubois), das Leben kosten.


Intensives Spiel und persönliches Engagement

Nach diesem fulminanten Einstieg in die Schauspielerei war Charles Aznavour für kurze Zeit einer der gefragtesten Darsteller des französischen Kinos. Allein 1959/60 spielte er Hauptrollen als schürzenjagender Student in „Die nach Liebe hungern“, als französischer Jude bei einem Gefangenentransport im Zweiten Weltkrieg in „Taxi nach Tobruk“ und als kriegsmüder Soldat in „Jenseits des Rheins“; zudem erschien er in Jean Cocteaus „Das Testament des Orpheus“. Diesen durchweg eindrücklichen Auftritten folgten in den nächsten Jahren noch manch weitere, die jedoch von seinem zwischenzeitlichen Weltruhm als Sänger überstrahlt wurden. Ab Ende der 1960er-Jahre wurden seine Filmrollen seltener und waren oft eher kurz, ohne dass sich an seiner Intensität etwas geändert hätte: Volker Schlöndorff besetzte ihn als jüdischen Spielwarenhändler in „Die Blechtrommel“ (1979), Hans W. Geissendörfer als streitlustigen Anti-Humanisten in seiner „Zauberberg“-Verfilmung (1982), Claude Chabrol nutzte bei „Die Fantome des Hutmachers“ (1982) noch einmal sehr effektvoll Aznavours Fähigkeit, mit wenigen Mitteln einen vom Unglück Verfolgten darzustellen. Als zum Mordzeugen werdender armenischer Schneider wird er zum wandelnden schlechten Gewissen des Serienmörders Labbé (Michel Serrault), der über den krankheitsbedingten Tod seines „Schattens“ schließlich nicht hinwegkommt.

Charles Aznavour in Atom Egoyans "Ararat"
Charles Aznavour in Atom Egoyans "Ararat"

Seine eigenen armenischen Wurzeln offenbarte Charles Aznavour auch noch in weiteren Filmen, wie es ihm generell zur Herzensangelegenheit wurde, Aufmerksamkeit für die leidvolle Geschichte seines Volkes im 20. Jahrhundert zu wecken. So wie er dies in seiner Funktion als populärer Star und offizieller politischer Repräsentant Armeniens nicht mit Polemik, sondern mit ruhiger, insistierender Sachlichkeit vermittelte, erschien er 2002 auch in dem komplexen Geschichtsdrama „Ararat“ von Atom Egoyan. Aznavour trat darin als erfolgreicher Regisseur auf, der den Völkermord an den Armeniern mit den Mitteln des publikumswirksamen Kinos unters Volk bringen will; nur um sich von einem türkischstämmigen Schauspieler eine Vorstellung in Beschwichtigung geben zu lassen. Aznavours unverändert ausdrucksstarkes Gesicht spricht Bände in dieser Szene, es enthält Trauer, Ermattung und Bitterkeit, dabei aber keine Zweifel an seiner Arbeit. Seine Haltung signalisiert, dass er trotz allem sagen wird, was gesagt werden muss, ganz so wie er noch mit über 90 Jahren Tourneen absolvierte und mit unveränderter Überzeugungskraft seine Chansons sang.


Fotos: Concorde, Kool

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