Filmklassiker: „Videodrome“ von David Cronenberg

David Cronenbergs revolutionärer Film greift das Video-Zeitalter mit den Mitteln des Horrorgenres auf

Diskussion

Mittlerweile sind die Arbeiten des kanadischen Regisseurs David Cronenberg recht kohärent geworden, ganz in Gegensatz zu seinem berauschenden Frühwerk „Videodrome“ (1983). Der revolutionäre Film, der gerade in einer vorzüglichen Heimkino-Edition erschienen ist, greift das Video-Zeitalter mit den Mitteln des Horrorgenres auf. Hier ist der Feuereifer eines prophetischen Bilderstürmers zu spüren.


David Cronenberg ist einer der wagemutigsten und anregendsten Filmemacher aller Zeiten. Seine Filme erkundeten Gewalt und sexuelle Grenzüberschreitungen. Sie stifteten Verwirrung zwischen dem, was real und was virtuell ist“. Mit diesen Worten ehrte der Festivaldirektor von Venedig, Alberto Barbera, den kanadischen Regisseur bei der Verleihung des „Goldenen Ehrenlöwen“. Ein Lob, das sich wie eine Laudatio auf Cronenbergs fulminantes Frühwerk „Videodrome“ (1983) ausnimmt, aus soeben in einer erstklassigen Heimkino-Edition erschienen ist.

„Long live the new flesh!“, schreit Max Renn (James Woods) am Ende von „Videodrome“ in die Kamera, bevor er zur Waffe greift und sich in den Kopf schießt. Peng. Ende. Wenige Momente zuvor hatte sich Max, der halbseidene Präsident einer trashigen Kabelfernsehgesellschaft, noch jenem halluzinogenen Fernsehsignal ausgesetzt, das Cronenbergs prophetischem Techno-Schocker auch den Titel gab: „Videodrome“. Dabei hatte er kurzzeitig seinen eigenen Selbstmord als Videoaufzeichnung auf einem Bildschirm gesehen, ehe das Fernseh- und Videogerät in einen blutigen Wust von Fleischbatzen explodierte.

Kein anderer Filmemacher hat mit irreversibleren Schockmomenten wie diesem die berühmte These von Jean Baudrillard umgesetzt, wonach die Aufzeichnung dem Ereignis vorausgehe. Scheinbar alles ist wie ein permanentes Paradoxon inszeniert. „Every-body is combining with every-body“, lautet ein hinterlistiges Bonmot Cronenbergs in Bezug auf „Videodrome“, das perspektivisch bereits die Tür zu hundert Gedankenräumen aufreißt.

Fernsehproduzent Max Renn (James Woods) verliert den Bezug zur Realität
Fernsehproduzent Max Renn (James Woods) verliert in "Videodrome" den Bezug zur Realität

In welcher Realität lebt(e) Max Renn? Er hatte eine Liaison zur Femme fatale Nicki Brand (Deborah Harry) – doch war diese physisch-real oder nur ein virtuelles Hirngespinst in Dauerschleife? Geradlinig erzähltes Kino hatte den 1943 geborenen Cronenberg nie sonderlich interessiert. Was er jedoch in diesem heterogenen Filmungeheuer namens „Videodrome“, geboren aus dem Geiste der Raubkopie-Ära und der hedonistischen Kälte der Reagan-Zeit, in albtraumhafte Miniaturszenen überführt, besitzt auch 35 Jahre nach seiner Uraufführung noch immer kinematografische Sprengkraft. Und erweist sich obendrein als geradezu prophetischer Blick in eine damals noch in den Kinderschuhen steckende „Virtuelle Realität“ (VR) sowie aufs Internet-Zeitalter, in dem wahrscheinlich die Hälfte aller Websites Hardcore-Pornos, Hasspredigten oder Gewaltvideos enthalten und Darknet wie Zensurmaßnahmen eine immer wichtigere Rolle spielen.

Gerade in besonders einprägsamen Szenen wie jenem „Long live the new flesh!“-Augenblick schimmerte schon 1983 Cronenbergs unzähmbare Lust an der filmischen Provokation auf, die sein ebenso feurig inszeniertes wie nicht selten zensiertes Früh- und Mittelwerk wie ein roter Faden durchzieht und ihn zum Großmeister des intelligenten „Body-Horror“-Kinos machte. Diesen Ruf hatte er sich schon mit ähnlich schwer verdaulichen Szenen in „Parasiten-Mörder“ (1975) oder „Scanners“ (1980) erarbeitet; doch erst mit „Videodrome“, der in Deutschland bis zum März 2018 auf dem Index jugendgefährdender Schriften stand, erreichte Cronenberg eine neue Stufe der Transgression.

Im US-amerikanischen wie im kanadischen Kino war der im Februar 1983 erschienene Film kaum zu sehen. Als angeblich unzeigbares Machwerk des schlechten Geschmacks verschwand „Videodrome“ auch schnell aus den wenigen Lichtspielhäusern, die in am Startwochenende spielten. Allerdings irrlichterte er weiter durchs kulturelle Gedächtnis der David-Cronenberg-Fans, die es Ende der 1980er-Jahre auch in Europa gab, wohin seine Filme immer häufiger eingeladen wurden. Häufiger als viele andere Kinofilme jener Dekade zirkulierte „Videodrome“ über Jahrzehnte hinweg lediglich als 35-mm-Raubkopie oder als illegales VHS-Tape, was den Ruf eines Kultfilms über die Jahre hin zusätzlich steigerte.

Visuelle Grenzüberschreitungen prägen David Cronenbergs "Videodrome"
Visuelle Grenzüberschreitungen prägen David Cronenbergs "Videodrome"

Heute gilt „Videodrome“ zu Recht als der paradigmatische Film des VHS-Zeitalters, das zu Beginn der 1980er-Jahre mit anrüchig-harter Kost wie Porno- und Gewaltfilmen gerade florierte. Analog zum explodierenden VHS-Gewerbe und kongenial unterstützt durch die raffinierte Kameraführung von Mark Irwin bediente Cronenberg in „Videodrome“ besonders passioniert das Affektregister des Mediums Film, was bei ihm nahtlos vom Monströsen zum Psychedelischen, vom Virtuellen zum Schockartigen sowie vom Ekligen und wieder retour zum Unheimlichen übergeht.

Die krude Geschichte um den halluzinierenden Max Renn ist ein abgründiger „First-Person-Film“, im dem alles radikal aus der subjektiven Sichtweise der Hauptfigur erzählt wird, die in jeder Einstellung präsent ist. Mit ihm beginnt auch „Videodrome“ als Film mächtig zu wanken, wenn Max aufs Neue ins Halluzinieren gerät. Über diese Figur Max, das ist der narrative Coup, wird im Grunde gar nichts erzählt, doch entspricht ihr Erleben zu hundert Prozent der filmischen Realität. Und diese Realität ist brüchig, düster und von Beginn an mehr als halbseiden konstituiert. Eine vermeintlich auflösende Meta-Ebene sucht man in „Videodrome“ vergeblich.

Zusammen mit drastischen Spezialeffekten aus der Kreativschmiede von Rick Baker ist in diesem zutiefst aufrüttelnden Filmmonstrum das neue (virtuelle) Bild wirklich (reales) Fleisch geworden oder, wie es an anderer Stelle in „Videodrome“ so passend heißt: „You’ll have to learn to live in a very strange new world“. Genau in dieser brandgefährlichen Bilderflut leben wir heute. Wann fliegen uns hier die Bilder um die Ohren?


„Videodrome“ ist als dreiteilige Sonderedition (mit zwei DVDs, einer BD, zahlreichen Extras sowie einem lesenswerten Booklet) jetzt im Handel erhältlich.

Anbieter/Fotos: Koch Films

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