Unsterbliche Verführerin: Rita Hayworth

Zum 100. Geburtstag der Hollywood-Ikone

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Ihr angedeuteter Striptease im Noir-Klassiker „Gilda“(1946), wenn sie lasziv einen Handschuh abstreift, gehört zu den mythischen Szenen der amerikanischen Filmgeschichte. Am 17. Oktober 2018 wäre die Schauspielerin Rita Hayworth 100 Jahre alt geworden. Ein Rückblick auf ihre Karriere.


Sie war keine „Leading Lady“ im Stile von Greta Garbo oder Marlene Dietrich, einer Bette Davis oder Katharine Hepburn. Dazu ließen ihr die angebotenen Filme und der Boss bei den Columbia-Studios, Harry Cohn, keine Chance. Rita Hayworths Stern ging während des Zweiten Weltkriegs auf – als die Welt nachdrücklich aus den Fugen geriet und überkommene Wertvorstellungen nicht mehr zu zählen schienen. Das schlug auch auf den Film durch. Stellte die Screwball-Komödie noch die Versöhnung der Geschlechter ans Ende ihrer Verwicklungen, so sah es in den klassischen Kriminalfilmen der 1940er-Jahre ganz anders aus. Mit dem gesellschaftlichen Umfeld wurde auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau undurchschaubarer und ruppiger.

Rita Hayworth wurde als „bad girl“ und Pin-up-Model zum Bindeglied zwischen Film-noir-Frauentypen wie Veronica Lake und Barbara Stanwyck auf der einen und den „Sexbomben“ Marilyn Monroe und Jayne Mansfield auf der anderen Seite. Als Schauspielerin, die jenseits ihrer Leinwand-Persona ein eigenes Leben führt, wurde sie zu Zeiten ihrer größten Erfolge kaum wahrgenommen. Das geschah erst, als Karriere und Privatleben ins Trudeln gerieten. Stattdessen erklärte man sie zur „Liebesgöttin“ („Love-Goddess“) und entrückte sie in schier mythische Höhen. Dort thronte sie, gleichermaßen vergöttert wie gefürchtet – für Studio-Boss Harry Cohn schlicht eine Goldgrube.

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Die Anfänge einer „Liebesgöttin“

Lange bevor Rita Hayworths Karriere begann, tanzte ein Mädchen namens Margarita Cansino in die Welt des Showbusiness hinein. Von mütterlicher Seite bestehen direkte verwandtschaftliche Beziehungen zur Familie von Ginger Rogers. Der Vater war spanischer Herkunft und arbeitete unter anderem als Tanzlehrer und Choreograf für Filmstudios. Mit ihm zusammen tritt die gerade 16-Jährige als die „tanzenden Cansinos“ in Clubs auf. Im mexikanischen Agua Caliente wird 1935 ein Verantwortlicher der Fox-Film auf den Teenager aufmerksam; noch im selben Jahr spielt Rita Cansino ihre erste kleine Rolle in „Dante’s Inferno“ an der Seite von Spencer Tracy. Doch bis zum Durchbruch ist es noch ein langer Weg.

Nach etlichen B-Movies für verschiedene Gesellschaften – Darryl F. Zanuck hatte nach der Zusammenlegung der Fox mit 20th Century Pictures keine Verwendung mehr für sie – landet Rita Cansino 1937 bei Columbia Pictures; Edward C. Judson, ihr erster Mann, zieht im Hintergrund die Fäden, die Harry Cohn aufnimmt. Um ihr eine klassische Stirn zu verpassen, wird per Elektrolyse ihr Haaransatz nach oben verschoben, und „Hayworth“ ersetzt ihren alten Namen: schließlich will man keine weitere exotisch anmutende Tänzerin einkaufen. Neben ihrem häufigen Filmpartner Charles Quigley erhält Rita Hayworth in „The Shadow“ (1937) ihre erste Hauptrolle. Die erste Großproduktion für Columbia erlebt sie unter der Regie von Howard Hawks neben Cary Grant und Jean Arthur: schon in „Only Angels Have Wings“ (1939) spielt sie die „andere Frau“, die sich zwischen das Paar Grant/Arthur drängt.

Das Image der großen Verführerin

Es sind jedoch gerade Filme für fremde Studios, die ihre Karriere vorantreiben. Für MGM spielt sie unter George Cukor in „Susan and God“ (1940); neben James Cagney und Olivia de Havilland steht sie in „The Strawberry Blonde“ vor der Kamera (Regie: Raoul Walsh für Warner). Und plötzlich hat auch Fox-Chef Zanuck Interesse an ihr und leiht sie für „Blood and Sand“ (1941) von Harry Cohn aus. Als rothaarige Dona Sol bringt sie die Karriere des Stierkämpfers Gallardo (Tyrone Power) gehörig durcheinander, und obwohl sie erst nach der Hälfte des Films in Erscheinung tritt, dominiert sie ihn mit ihrer verführerischen Präsenz. Wenn sie dem nichtsahnenden Torero vor den Augen seiner Frau den Kopf verdreht („Komm’ her, Stier!“), stockt einem ob dieser mitleidslosen Selbstsicherheit und Arroganz der Atem. Zwei überzeugende Musicals an der Seite von Fred Astaire – „You'll Never Get Rich“ (1941) und „You Were Never Lovelier“ (1942) – bringen sie zu ihren Anfängen als Tänzerin und zur Columbia zurück.

Rita Hayworth mit Fred Astaire in "You'll Never Get Rich"
Rita Hayworth mit Fred Astaire in "You'll Never Get Rich"

Mit Charles Vidors „Gilda“, ihrem 40. Film, erreicht Rita Hayworth 1946 den Höhepunkt ihres Ruhms. Ihre Darstellung reißt besonders den männlichen Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle. Noch rätselhafter als die Vorgänge in dem Casino, in dem der Film spielt, ist das Verhältnis von Gilda und Johnny (Glenn Ford). Beide werden von ihrer gemeinsamen Vergangenheit überwältigt und schlittern in eine einzigartige Hassliebe. Johnnys hilfloser Zynismus bestimmt die Perspektive (manifest im Off-Kommentar, mit dem der Zuschauer geführt wird). Doch die Wirklichkeit ist komplizierter, als Johnny sie wahrhaben möchte. In Großaufnahmen von Gildas Gesicht in Momenten, wenn sie sich unbeobachtet fühlt, ahnt man etwas davon. Zweimal singt sie ihr berühmtes „Put the Blame on Mame“ (wie immer singt Rita Hayworth nicht selbst): zuerst fast privat und in resignativem Ton, dann zu ihrem angedeuteten Striptease vor großer Gesellschaft und voller Herausforderung. In welcher Szene sie die wahre Gilda ist, wird erst gegen Ende klar.

Und dann sollte der Albtraum von der gefährlichen Femme fatale des Film noir eigentlich vorbei gewesen sein. Doch Rita Hayworths Gilda spukte weiterhin als ebensolche in den Köpfen der meisten Männer herum. Wie sonst hätten ihr Bild und der Name „Gilda“ auf einer Atombombe erscheinen können? Später musste sie feststellen: „Die Männer, mit denen ich zusammen war, hatten sich in Gilda verliebt – und waren mit mir aufgewacht.“

Verführungs-Ikone: hayworth als "Gilda"
Verführungs-Ikone: Hayworth als "Gilda"

Das mag auch auf Orson Welles zutreffen, ihren zweiten Mann, der dem Bild der falsch verstandenen Gilda noch das der „Lady from Shanghai“ (1948) zufügte. Auch diesmal ist der Mann, von Welles selbst gespielt, der Trottel, doch so dumm, wie die Frau gefährlich ist, kann er gar nicht sein. Wohl wissend, wie leicht ein Star mit seinen Rollen identifiziert wird, setzte er seiner Noch-Ehefrau mit der Figur der Elsa Bannister ein wenig schmeichelhaftes Denkmal.

Danach dreht Rita Hayworth noch etwa 20 Filme, aber nicht zuletzt ihre Heirat mit Prinz Aly Khan ließ sie in Hollywood in Ungnade fallen. Manch einer konnte sich nicht damit abfinden, dass auch ein Pin-up-Girl älter wird. Dementsprechend schlecht wurden einige ihrer besseren Filme aus späteren Jahren gewürdigt, unter anderem „Separate Tables“ (1958). Dort tritt sie Burt Lancaster als Frau aus der Vergangenheit gegenüber – und das mit Stil. Mit zwei weiteren Ehemännern, der Flucht in den Alkohol und zuletzt mit ihrem Leiden an der Alzheimer-Krankheit sorgte sie noch für Schlagzeilen. Rita Hayworth starb 1987 in New York.


Mit Orson Welles in "Lady From Shanghai"
Mit Orson Welles in "Lady From Shanghai"

(Das Porträt erschien erstmals anlässlich Rita Hayworth' 75. Geburtstag in fd 21/1993)

Fotos:  © Sony Pictures Home Ent.

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