Das Underdox-Filmfestival

Ein Leuchtturm der Filmkultur: Ein Besuch beim „Underdox“-Filmfestial in München, das im Oktober seine 13. Ausgabe feierte

Diskussion

Der Saal des Filmmuseums München ist rappelvoll. Alt und Jung, Freunde und Fremde, Gruppen und Einzelne treffen sich im ehrwürdigen Dunkel unter der Erde. Dunja Bialas und Bernd Brehmer, die beiden Leiter des Internationalen Filmfestivals Dokument und Experiment München, dessen Kurzname „Underdox“ nicht nur besser klingt, sondern auch präziser beschreibt, um was es geht, präsentierten in der ihnen eigenen Mischung aus kämpferischem Stolz und sympathisch verplanter Spontanität das 13. Festivalprogramm (11.-17.10.). Gleich zu Beginn gibt es den neuen Film von Jean-Luc Godard, „Le livre d’image“, der zusammen mit João César Monteiros wunderbarem Kurzporträt über die große Dichterin Sophia de Mello Breyner Andresen gezeigt wird. Letzterer ist Teil eines Portugal-Schwerpunkts.

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Es ist ein Statement, ein Festival mit Godard zu eröffnen. Der französische Altmeister ist zwar einer der bedeutendsten Namen des Kinos, doch seine Arbeiten der letzten Jahrzehnte gelten als schwer zugänglich und fristen nicht nur deshalb ein skandalöses Randdasein. Bereits ein Jahr zuvor hat „Underdox“ mit Godards „Grandeur et décadence d'un petit commerce de cinéma“eröffnet.

Während die beiden Leiter ihr Programm vorstellen, fällt ihnen immer wieder selbst auf, dass sich sehr viele Highlights im Programm überlappen. Neue Werke von Bruno Dumont, Lav Diaz oder Wang Bing werden bei „Underdox“ nicht nur gezeigt, sondern gefeiert, verteidigt, ins Licht gehoben. Dazu kommen Arbeiten spannender Filmemacher aus dem deutschsprachigen Raum, etwa von Philip Widman oder Johann Lurf, sowie radikalere Positionen des zeitgenössischen Kinos, etwa von Guillaume Cailleau oder Guy Maddin.

„Underdoxige“ Filme lassen sich nur schwer in eine Schublade drängen

Es geht um Filme, die den Rahmen sprengen, die sinnlich, politisch und formal bewegen, die man aber nur schwer in Schubladen zwängen kann. Das Festival hat für solche Werke den hauseigenen Begriff „underdoxig“ geprägt. Die Ursprungsidee war, Platz für Filme zu schaffen, die man heute mit dem Ausdruck „Hybrid“ umschreibt: Werke zwischen Dokument, Fiktion und Experiment. Dabei geht es nicht nur um intellektuelles Nischenkino, sondern auch um Spaß. Die Veranstalter betonen immer wieder, dass man inzwischen international gefeierte Filmemacher schon seit Jahren bei „Underdox“ hofiere. In der Präsentation spürt man einen Drang, sich abzuheben, nicht elitär zu wirken, aber auch eine Art von Rechtfertigung.

Das resultiert wohl daraus, dass sich „Underdox“ als Korrektiv zur Dokumentarfestival-Kultur in Deutschland versteht. Es ist in der Tat nur schwer erklärlich, weshalb die großen deutschen Dokumentarfilm-Festivals beispielsweise einen Bogen um einen Filmemacher wie Wang Bing machen. Seine Arbeiten dringen formal wie inhaltlich in die Narben der chinesischen Politik und Kultur vor. Er legt Zeugenschaft von verdrängten Ereignissen ab und porträtiert eine Welt, die man im Westen sonst nur als fehlgeleitetes Klischee kennt. Inzwischen hat Wang Bing durch wichtige Preise und eine Retrospektive im Rahmen der „documenta“ auch in Deutschland einen Namen. An seinem Wert für das Kino besteht also kein Zweifel mehr. Trotzdem sind seine Filme kaum zu sehen. Liegt das nur an ihrer überdurchschnittlichen Länge oder sind sie zu unbequem für das, was sich ein von Sponsoren co-finanziertes Dokumentarfilmfestival heute noch leisten kann und will?

Wang Bings "Dead Souls"
Wang Bings "Dead Souls"

Eine notwendige Gegenstimme

In den Nischen des Kinos gibt es – einer Matrjoschka gleich – unzählige Abstufungen; die Festivalwelt hat sich in diesem System vielerorts recht bequem eingerichtet, so dass man immer nur eine Matrjoschka sieht, selbst wenn es viele gibt. Es geht dabei nicht darum, dass im Rahmen größerer Festivals weniger bewusst kuratiert würde, sondern um die strukturellen Zwänge, die das Kino letztlich einsperren statt befreien. Nicht nur in dieser Hinsicht bildet „Underdox“ eine mehr als notwendige Gegenstimme. Im Süden Deutschlands ist das Festival einmalig. Da sich das Filmfest München auf Deutschlandpremieren fokussiert, bleiben viele Filme, die auf der „Berlinale“ liefen, in München ungesehen. Aus diesem Mangel entstand der Drang, ein eigenes Festival auf die Beine zu stellen.

Dass man diese Filme vor großem Publikum zeigt, war nicht immer so gewesen, erinnern sich Bialas und Brehmer zwischen Kaffee, Wein und klingelnden Handys am nächsten Tag. Bei der ersten Ausgabe 2006, die im Werkstattkino stattfand, kamen nur Freunde. Das Anfangsbudget betrug 1200 Euro. Damals war die Idee, Filme zwischen Dokument, Fiktion und Experiment zu zeigen, noch originell. Man wollte das Publikum aufwecken und provozieren. Die Radikalität der Anfangsjahre ist nicht vergessen, doch inzwischen hat das Festival gelernt, bewusster damit umzugehen. Das Budget für „Underdox“ und dem parallel stattfindenden Videodox-Festival, das Videokunst aus Bayern präsentiert, liegt aktuell bei 22 000 Euro. Es setzt sich zusammen aus 15 000 Euro staatlicher Förderung und Zuwendungen durch Partner und Privatpersonen.

Das sei eine perverse Situation, unter derartigen Bedingungen arbeiten zu müssen, sagen die beiden Kuratoren mit Recht. Die CSU hatte in den Monaten ihres missglückten Wahlkampfes verstärkt auf Leuchtturmprojekte verwiesen, und tatsächlich funktioniert die bayerische Staatsförderung genau nach diesem Prinzip. Man kämpfe eigentlich nur darum, den Status Quo zu erhalten, obwohl man seit Jahren darauf hinarbeite, eine professionelle Basis zu schaffen. Man spürt Bialas den Windmühlenkampf an, wenn sie berichtet, wie schwer es ist, Geld für diese Arbeit aufzutreiben. Aus diesem Kampf resultiert auch ein gewisses Abgrenzungsverhalten gegenüber anderen Festivals. Es macht eben müde, sich für etwas zu rechtfertigen, was so offensichtlich scheint. Man würde gerne Mitarbeiter beschäftigen und die Ausbeutung der Helferinnen und Freunde sowie die Selbstausbeutung stoppen. Das Festival funktioniert nur, weil die freiwillig Gehetzten der Kulturbranche ihr Herzblut hineinstecken. Als Ziel strebt Bialas eine Verdopplung des Etats an, was für die Förderinstitutionen eigentlich gar nicht so viel wäre.



Betont subjektive Programmauswahl

Das Programm stellen Bialas und Brehmer mit einigen Helfenden handverlesen zusammen. Die Auswahl ist betont subjektiv. Man kann wunderbar darüber streiten. Sie verharrt zu großen Teilen auch im Modus einer internationalen Festivalkultur, was frei nach dem ehemaligen Viennale-Direktor und „Underdox“-Unterstützer Hans Hurch so etwas wie ein „Festival der Festivals“ bedeutet. Ein solcher Ansatz erlaubt größere kuratorische Freiheit, birgt aber auch die Gefahr des Aufspringens auf fahrende Züge. In der Regel umschifft „Underdox“ diese Fallen. Man verortet sich sehr stark in München, richtet sich an die Münchner Öffentlichkeit, was gleichzeitig die Stärke wie auch die Achillesferse des Festivals zu sein scheint. Man schafft ein Neuland und Gegenpole zu dem, was bei den anderen Festivals in München passiert, wird aber auch an den Rand gedrängt.

Die Kinos, in denen „Underdox“ läuft, sind allesamt versteckt, widerständig und bisweilen wunderschön. Sie spiegeln die Filme und die Haltung des Festivals. Es beginnt beim unauffällig zwischen Café und Stadtmuseum eingepferchten Filmmuseum, geht über das wunderbare Werkstattkino im Keller eines Hinterhofes bis zum in einer Passage versteckten altehrwürdigen „Theatiner“. Für Wang Bings „Dead Souls“kooperierte man mit dem Kunstverein in München, der ein kleines, pechschwarzes Kino zur Verfügung stellte, das sich wie ein Loch inmitten des hellen Weiß der Wände auftut. Für „Underdox“ geht man tatsächlich in den Underground. Dort, im Reich der Schatten, ist Platz für Licht. Alle diese Keller sind Leuchttürme.


Foto oben: Aus „Le livre d’image“ von Jean-Luc Godard, © Casa Azul Films. Andere Bilder: „Dead Souls“ © Arte France Cinema. Festivalplakat © Underdox Filmfestival

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