Filmklassiker: Narziss und Psyche

In restaurierter und rekonstruierter Fassung auf DVD/BD: Ein Film von Gábor Bódy aus dem Jahr 1980

Diskussion

Der Titel Narziss und Psyche ruft die antike Mythenwelt auf, doch die ersten Szenen des Films von Gábor Bódy spielen im östlichen Ungarn am Ende des 18. Jahrhunderts. Off-Stimmen heben an, die Vorgeschichte zu erzählen. Doch sie fallen sich gegenseitig ins Wort; nicht zuzuordnende „Talking Heads“ fangen zu berichten an, doch auch sie unterbrechen sich gegenseitig; die Zuschauer erhalten Informationen, die zuvor schon zu hören waren: Die uneheliche Tochter eines Zigeuner-Königs heiratete den Baron János Lónyay und bekam mit ihm die Tochter Erzsébet. Doch eines Tages floh sie, von Liebe zu einem Geiger entbrannt, in eine Zigeunersiedlung.

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Als die Mutter stirbt, beginnen für Erzsébet, die Psyche genannt wird, Jahre des Umherziehens quer durch Mittel- und Osteuropa. Eines Tages trifft sie auf den etwas älteren László Tóth, der ihr Lesen und Schreiben beibringt – und in ihr die Dichterin weckt. Doch sie werden getrennt; Erzsébet landet auf Geheiß des adeligen Zweigs ihrer Ahnen in einem Kloster und wird zur höheren Tochter erzogen. Jahre später sehen sich Erzsébet und László wieder; er ist ein enthaltsamer Hauslehrer, sie eine begehrte Baronin, die jeden Heiratsantrag nach vorheriger Verführung ihrerseits ablehnt.

Liebesgeschichte & vielschichtiges Zeitbild europäischer Geschichte seit der Aufklärung

Der ungarische Regisseur Gábor Bódy drehte die tragische Liebesgeschichte zwischen Erzsébet und László nach der Gedichtanthologie „Psyché“ seines Landsmanns Sándor Weöres im Jahr 1980. Die beiden Protagonisten kommen nicht zueinander, obwohl sich ihre Lebenswege immer wieder überschneiden. Erzsébet heiratet schließlich den Freiherr von Zedlitz und ökonomisiert ihre Beziehung zu dem darbenden Dichter, der an seinem Werk „Narziss“ sitzt – das in einer kolportagehaften Varieté-Show schließlich zur Aufführung kommt.


Doch Bódy erzählt nicht nur eine Liebesgeschichte. „Narziss und Psyche“ ist zugleich eine Abhandlung sowohl über die Philosophie als auch über die Medizin und die Geschichte Europas. In seiner Vision umfasst die Liebesgeschichte das übermenschliche Zeitmaß von nahezu 150 Jahren, Erzsébet wird 1795 geboren und stirbt am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Sie durchläuft nicht nur verschiedene Orte und Zeiten, sondern sieht sich auch in unterschiedliche Frauenrollen gepresst. Von einer Zigeunertochter wird sie zu einer Adeligen, sie muss Wien verlassen, schließt sich einem oppositionellen Pressburger Verein an, schleust sich als Mann verkleidet in den ungarischen Ständetag, verliert ihr Neugeborenes, lebt als arme Schneiderin in Kaschau und heiratet schließlich den Freiherrn von Zedlitz, von dessen Pferden sie am Ende überrannt wird.

Wider die Vermessungs-, Normierungs- und Rationalisierungsmanie

Ihr Lebensweg wird mit einer zunehmenden Verwissenschaftlichung der Welt verflochten, einer Rationalisierung des Menschen und auch der zwischenmenschlichen Beziehungen. Sowohl László als auch der Freiherr, die mit Blick auf Erzsébet eigentlich Rivalen sind, werden beide von der Suche nach dem „Normalmenschen“ umgetrieben. Als Narziss sieht sich László außerhalb des menschlichen „Vermehrungskreislaufs“, den er nach Vorgabe des Fortschritts modifizieren möchte. Die Poesie, so wenden sich die Männer schulmeisterlich an Erzsébet, bringe den Fortschritt nicht voran.


Auch der ungarische Regisseur Bódy weiß, dass der Film historisch immer auch auf der Seite der Vermessungs-, Normierungs- und Rationalisierungsmanie stand. Der aufbrechenden Arbeiterbewegung hält er Bewegungsstudien vor einem Rasterfeld entgegen, entlehnt seiner vorherigen Arbeit „Homage to Eadweard Muybridge“ (1980). Eine Tanzszene entwickelt sich unter der Führung von Professor Eberhard zu einem Lehrfilm über Körperausmessungen: Der Tanz der nackten Frauen wird eingefroren; Linien sollen symmetrische und asoziale Dynamiken, anatomische Bewegungspyramiden und „Kollektivindividualität“ evident machen. Als der den Idealen der Aufklärung verpflichtete Freiherr seine neugebauten, identisch aussehenden Arbeiterwohnungen präsentiert, leuchtet der Himmel rot – wie entzündet oder wie ein glühender Vorschimmer auf den „Weltenbrand“ des 20. Jahrhunderts.

Diesen wissenschaftlichen Verfahren, um die es in seinem Film geht, sagt Bódy mit ästhetischen Verfahren, die primär aus dem Bereich der Videokunst und des Experimentalfilms bekannt sind, den Kampf an – ein bildgewaltiger, staunenswerter Kampf, der dank einer enormen Rekonstruktionsleistung nun auf DVD vorliegt. Bódy ruft beide Traditionen auf, den Wissenschaftsfilm und den Spielfilm, durchbricht sie aber zugleich durch die Vermischung und Überzeichnung beider. Die komplexe Bildsemantik von „Narziss und Psyche“ soll dabei nicht nur berauschen. Die Poetik, die Erzsébet in der rationalisierten und auf technischen Fortschritt ausgerichteten Welt einfordert, ist kein Hort gegen das Hässliche und Gewalttätige.

Ästhetisch-avantgardistische Konzeption

„Narziss und Psyche“ zeigt keine schönen Bilder, die vor einem „bösen Fortschritt“ bewahren könnten. Durch die verschiedenen Verfahren wie Pseudo-Solarisation, Stanzen oder elektronisch verzerrte Stimmen werden die weiten Landschaften irrealisiert; der Welt wohnt plötzlich für alle sichtbar etwas Abstoßendes inne. Weder für Narziss noch für Psyche gibt es einen Ausweg.

Hinter der Durchbrechung der filmgeschichtlichen Tradition durch die Vermischung wissenschaftlicher und ästhetischer Verfahren steht eine ästhetisch-avantgardistische Konzeption, die dem technischen Fortschritt mit schockierend neuen, die Tradition durchbrechenden Bildern entgegentritt und die mit der nicht linearen Überlieferungsgeschichte passend einherzugehen scheint.

Auf DVD ist jetzt die rekonstruierte und restaurierte Fernsehfassung erschienen, die in drei Teilen die Jahrhundertgeschichte erzählt. Dass sich die Editoren für diese Version und dieses Format entschieden haben, hätte Bódy, der das individuelle Fernseh- und Video-Schauen dem Kino stets vorzog, sicher gefallen. Erst so kann der Zuschauer den sinnverwirrenden Bildrausch hinter sich lassen und die Bilder in ihrer Organisation ernst nehmen.


"Narziss und Psyche"
"Narziss und Psyche"

Narziss und Psyche. Ungarn 1980. Regie: Gábor Bódy. Mit Patricia Adriani, Udo Kier, György Cserhalmi. 136 Min. Anbieter: absolutMedien

Fotos: absolutMedien

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