Konfetti 27: Che(y)ney

Ein kleines Detail macht in "Classical Period" von Ted Fendt den Unterschied aus

Diskussion

Es ist nur ein einziger Buchstabe, der den Namen des ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney von dem des britischen Bischofs Richard Cheyney unterscheidet. Doch genau das ist der springende Punkt in Ted Fendts faszinierendem Nerd-Drama „Classical Period“. Eine kleine Detailstudie im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Blogs von Lukas Foerster.


Richard Bruce Cheney, genannt Dick Cheney, war US-Vizepräsident während der George-W.-Bush-Ära. Richard Cheyney amtierte im 16. Jahrhundert als Bischof von Gloucester und war als solcher in die oft blutig ausgefochtenen Glaubensdifferenzen der Reformationszeit verwickelt. Möglich, dass sein Vorname gelegentlich ebenfalls als Dick abgekürzt wurde. Falls das so ist, trennt den alten und den neuen Dick Che(y)ney nur ein Buchstabe. Diese zufällige Namensähnlichkeit ist in „Classical Period“, dem neuen Film des US-amerikanischen Regisseurs Ted Fendt, Anlass für einen Witz. Oder vielleicht eher für einen verhinderten Witz. Wobei die Verhinderung des Witzes seine eigentliche Pointe ist.

Der Film besteht nahezu ausschließlich aus Monologen und Gesprächen, die durchweg von Persönlichem absehen. Diskutiert werden intellektuelle Themen, mit Vorliebe solche, die mit der Lebenswirklichkeit junger US-Amerikaner (alle Mitglieder des Lesekreises sind jung) im Philadelphia der Gegenwart (das ist der Schauplatz des Films) so wenig wie irgend möglich zu tun haben. Für die Monologe ist vor allem Cal (Calvin Engime) zuständig, die Hauptfigur des Films. Er redet ohne Pause über Literatur, Architektur und Geistesgeschichte, besonders gern über Dante. Cal ist Mitglied eines Lesekreises, der sich mit der „Göttlichen Komödie“ beschäftigt. Nicht nur mit dem Text selbst, sondern auch mit Sekundärliteratur und Fußnoten. Cal ist ein Spezialist für Fußnoten.

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Mehr noch als die anderen Figuren ist Cal ein Meister darin, von allem zu reden, nur nicht von sich selbst. Tatsächlich zimmert er sich aus den Dante-Fußnoten eine Lebensphilosophie zusammen, die auf einen eher faden, weil kategorisch weltabgewandten Konservativismus hinausläuft. So leitet er aus dem Umstand, dass einige Häuser des Architekten Frank Lloyd Wright sich als undicht erwiesen haben, die These ab, dass die Menschheit niemals damit hätte anfangen sollen, Flachdächer zu konstruieren.

Kurz vor Ende gibt es eine Szene (für mich die schwächste des Films), in der Evelyn (Evelyn Emile), ein anderes Mitglied des Dante-Lesekreises, Cal durch einen persönlichen Angriff aus der Reserve zu locken versucht. Er blockt das sofort ab und leitet das Gespräch, wenig elegant, auf eine Lyrikerin um, für die Evelyn sich interessiert. Evelyn kann Cals Schale nicht durchbrechen; doch früher im Film hat diese für einen Moment einen Sprung bekommen. Eben in dem Moment, in dem der doppelte Dick Che(y)ney seinen Auftritt hat.

Ausgangspunkt ist in diesem Fall nicht Dante, sondern Edmund Campion, ein jesuitischer Priester und Märtyrer, der sich, ebenfalls im England des 16. Jahrhunderts, gegen die anglikanische Staatskirche auflehnte. Und der dabei zeitweise in Dick Cheyney einen Unterstützer fand. Als Cals Erzählung bei diesem Namen angekommen ist, zögert er kurz; ein kleines, kaum merkliches Grinsen zieht über sein Gesicht, und er blickt seinen Gesprächspartner, einen anderen Dante-Experten, für einen Moment direkt an.

Das ist auch schon alles. Cal fährt ohne weitere Verzögerung mit seiner Erzählung fort (an deren Ende ist Edmund Campion tot, hat jedoch im theologischen Disput mit den Anglikanern Recht behalten). Die Dick-Che(y)ney-Szene hat keine narrativen Folgen für den weiteren Film, und trotzdem lässt sie etwas sichtbar werden. Denn in gewisser Weise wird Cal in diesem Moment von sich selbst ertappt. Beides sagt etwas über ihn aus: Dass er sich beim Aussprechen des Namens ein kleines Feixen nicht verkneifen kann, verrät ihn als jemanden, der intellektuellen Genuss nicht aus der Substanz von Literatur, Architektur, Geschichte und so weiter zieht, sondern aus der ornamentalen Oberflächenstruktur von Wissen (kurzum: es verrät ihn als Nerd). Wenn er dennoch gleich darauf seinen Monolog fortsetzt, als sei nichts gewesen, dann deshalb, weil er sich das eben nicht eingestehen kann.

Fendts faszinierender Film wiederum, der sich alle Mühe zu geben scheint, die Figuren aus sozialen und psychologischen Kontexten zu lösen, wird im Dick-Che(y)ney-Moment urplötzlich zum Charakterdrama.


Foto: Ted Fendt

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