Ein Interview zu „Reise nach Jerusalem“

Montag, 12.11.2018

Ein Gespräch mit der Regisseurin Lucia Chiarla und mit der Hauptdarstellerin Eva Löbau

Diskussion

Die „Reise nach Jerusalem“ ist ein Spiel, bei dem man schnell sein muss, um einen der Sitzplätze zu ergattern. In dem gleichnamigen tragikomischen Spielfilm von Lucia Chiarla (Link zur FILMDIENST-Kritik) fungiert das Spiel als Bild für die demütigende Situation, in der sich Arbeitslose wie die 39-jährige Alice befinden. Diese gerät zwischen Schamgefühlen und dem Wunsch, bei Kursen des Arbeitsamts ihre Motivation zu zeigen, ins soziale Niemandsland. Ein Gespräch mit der Regisseurin Lucia Chiarla und mit der Hauptdarstellerin Eva Löbau.


Wie viel Autobiografisches steckt in der Figur der Alice?

Lucia Chiarla: Es fragt sich fast jeder, ob die Regisseurin selbst auch einmal beim Arbeitsamt war. Als Schauspielerin und Regisseurin lebt man immer mit einer gewissen sozialen Unsicherheit: Die Engagements sind unregelmäßig, und wenn man älter wird und ein Kind bekommt, wird es noch schwieriger. Ich habe aber schnell gesehen, dass sich diese Unsicherheit, die mit dem Künstlerberuf verbunden ist, inzwischen auf eine breite Mittelschicht ausgedehnt hat, auf Menschen meiner Generation, die ein Studium mit der festen Überzeugung begonnen haben, nach dem Abschluss auch eine Festanstellung zu finden. Aber das wird immer schwieriger. Man sagt ihnen, sie müssten flexibler werden. Der Arbeitsmarkt lebt davon, dass man jede Arbeit akzeptieren muss. Dazu kommt, dass das soziale Netz, so wie es in Deutschland, aber auch anderswo in Europa funktioniert, sehr viele Demütigungen mit sich bringt und den Leuten nicht sehr dabei hilft, sich beruflich umzuorientieren. Da wird sehr viel belehrt und verunsichert. Ausgangspunkt für meinen Film war eine gute Freundin, die nach der Geburt ihres Kindes wieder in den Beruf zurück wollte. Sie war eine emanzipierte und unglaublich energische, feministische Frau. Sie hat die Maßnahmen des Arbeitsamtes mitgemacht und sich beworben, war am Ende aber so verunsichert, dass sie kaum noch wiederzuerkennen war.

Eva Löbau: Ich war auch schon einmal arbeitslos. Am Anfang meiner Karriere kam ich aus einer Festanstellung und wollte freiberuflich sein. Ich hatte zwei Jahre fest in einem Engagement gearbeitet, hatte Anspruch auf Arbei

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