Ein Interview zu „Reise nach Jerusalem“

Ein Gespräch mit der Regisseurin Lucia Chiarla und mit der Hauptdarstellerin Eva Löbau

Diskussion

Die „Reise nach Jerusalem“ ist ein Spiel, bei dem man schnell sein muss, um einen der Sitzplätze zu ergattern. In dem gleichnamigen tragikomischen Spielfilm von Lucia Chiarla (Link zur FILMDIENST-Kritik) fungiert das Spiel als Bild für die demütigende Situation, in der sich Arbeitslose wie die 39-jährige Alice befinden. Diese gerät zwischen Schamgefühlen und dem Wunsch, bei Kursen des Arbeitsamts ihre Motivation zu zeigen, ins soziale Niemandsland. Ein Gespräch mit der Regisseurin Lucia Chiarla und mit der Hauptdarstellerin Eva Löbau.


Wie viel Autobiografisches steckt in der Figur der Alice?

Lucia Chiarla: Es fragt sich fast jeder, ob die Regisseurin selbst auch einmal beim Arbeitsamt war. Als Schauspielerin und Regisseurin lebt man immer mit einer gewissen sozialen Unsicherheit: Die Engagements sind unregelmäßig, und wenn man älter wird und ein Kind bekommt, wird es noch schwieriger. Ich habe aber schnell gesehen, dass sich diese Unsicherheit, die mit dem Künstlerberuf verbunden ist, inzwischen auf eine breite Mittelschicht ausgedehnt hat, auf Menschen meiner Generation, die ein Studium mit der festen Überzeugung begonnen haben, nach dem Abschluss auch eine Festanstellung zu finden. Aber das wird immer schwieriger. Man sagt ihnen, sie müssten flexibler werden. Der Arbeitsmarkt lebt davon, dass man jede Arbeit akzeptieren muss. Dazu kommt, dass das soziale Netz, so wie es in Deutschland, aber auch anderswo in Europa funktioniert, sehr viele Demütigungen mit sich bringt und den Leuten nicht sehr dabei hilft, sich beruflich umzuorientieren. Da wird sehr viel belehrt und verunsichert. Ausgangspunkt für meinen Film war eine gute Freundin, die nach der Geburt ihres Kindes wieder in den Beruf zurück wollte. Sie war eine emanzipierte und unglaublich energische, feministische Frau. Sie hat die Maßnahmen des Arbeitsamtes mitgemacht und sich beworben, war am Ende aber so verunsichert, dass sie kaum noch wiederzuerkennen war.

Eva Löbau: Ich war auch schon einmal arbeitslos. Am Anfang meiner Karriere kam ich aus einer Festanstellung und wollte freiberuflich sein. Ich hatte zwei Jahre fest in einem Engagement gearbeitet, hatte Anspruch auf Arbeitslosengeld, wollte aber nicht wieder in eine Festanstellung zurück, sondern freiberuflich ins Off-Theater. Diese Übergangsphase war schwer, weil ich mich in eine Grauzone begeben musste. Denn in Karlsruhe gab es diese Off-Theater nicht, zu denen ich wollte. Ich musste immer wieder Regeln übertreten, denn als Arbeitsloser hat man eine Anwesenheitspflicht vor Ort. Ich ging immer wieder weg, ohne mich abzumelden, um unbezahlte Theaterprojekte mit Studenten und Studentinnen zu machen, um dadurch vielleicht irgendwann einmal in der Künstlersozialkasse aufgenommen zu werden. Ich fand es wahnsinnig demütigend, wie man sich die Arbeitslosigkeit als persönliche Charakterschwäche ankreidet, sich geringgeschätzt und nicht ausreichend anerkannt fühlt. Karlsruhe war auch eine kleinere Stadt. Ich habe gemerkt, dass die mich gar nicht vermitteln können; die hatten ganz andere Vorstellungen. Ich wollte raus aus diesem System und mich nicht mehr in solchen Räumen aufhalten oder diesen Menschen Auskunft über meine weiteren Berufsziele geben müssen. Diese grotesken Situationen auf den Ämtern vermittelt auch der Film. Menschen wie Alice hoffen auf Kontinuität. Sie denken: Ich bin gut ausgebildet, habe ein Anrecht auf diesen Beruf und werde den jetzt ausüben. Das ist heute aber überhaupt nicht mehr gewährleistet.

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Wie stark verändert die Arbeitslosigkeit das persönliche Umfeld?

Chiarla: Viele denken, dass Menschen, die keine Arbeit haben, zu Hause faul auf dem Sofa sitzen. In dem Film wollte ich zeigen, wie anstrengend diese ganze Arbeitssuche ist, und dass jeder das Bedürfnis hat, nützlich zu sein. Das ist nicht nur eine Frage des Geldverdienens, sondern auch eine von Identität und Würde. In einer Gesellschaft, die ihr Selbstwertgefühl in erster Linie aus der Arbeit gewinnt, will jeder etwas tun. Keiner braucht ein Arbeitsamt, das einem ständig sagt, was man zu tun und zu lassen habe. Dazu kommt, dass wir den größten Teil unserer Zeit mit der Arbeit verbringen. Besonders in den Städten sind soziale Beziehungen oft über die Arbeit verbunden. Viele Kollegen werden zu Freunden. Wenn man seine Arbeit verliert, verliert man oft auch sein Netzwerk. Deswegen wird auch die Einsamkeit oft so stark und auch das Schamgefühl.


Ist das der Grund, warum Alice ihre Umgebung über ihre Arbeitslosigkeit täuscht?

Löbau: Selbst wenn man eine Arbeit hat, versucht man den Job immer schönzumachen und auch ein nicht so gutes Projekt besser darzustellen, als es ist. Man fühlt sich selbst besser dabei und man verkauft sich natürlich auch besser. Wenn man keinen Job und kein Projekt mehr hat, versucht man trotzdem weiterhin alles positiv darzustellen, damit man im Gespräch bleibt und um auf keinen Fall als Problemfall aufzufallen. Denn wer möchte einen Auftrag schon an jemanden geben, der arbeitslos ist? Die Leute fragen sich ja: Warum ist die jetzt arbeitslos? Wahrscheinlich, weil sie nicht so gut ist. Vielleicht gibt es auch einfach eine Urangst, sich am Pech von anderen anzustecken. Deswegen muss man sich sehr positiv darstellen. Oft fragen die Zuschauer nach dem Film, warum Alice keine Hilfe sucht oder niemanden um Rat fragt. Ich glaube, wir machen das, wenn überhaupt, nur bei wirklich sehr vertrauten Personen. Aber an sich versuchen wir uns selbst und die anderen so lange wie möglich darüber hinwegzutäuschen, dass es uns nicht mehr gut geht. Wir müssen immer interessant und erfolgreich wirken, um weitere Aufträge an Land ziehen zu können.

Ein Interview im Arbeitsamt: Szene aus "Reise nach Jerusalem"
Ein Interview im Arbeitsamt: Szene aus "Reise nach Jerusalem"

Aber Alice belügt ja nicht nur ihr Umfeld, das mit ihrer Arbeit zu tun hat, sondern auch die eigene Familie.

Löbau: Das ist ganz typisch. Die Schwester meines Freundes hat die ganze Familie darüber getäuscht, dass sie noch als Lehrerin arbeite; dabei war sie schon zehn Jahre aus dem Beruf draußen. Dann ist sie plötzlich gestorben. Dadurch hat die Familie das erst mitbekommen. Auch gegenüber der Familie will man eben nicht der Problemfall sein.

Chiarla: Wenn ich erzähle, dass es nicht gut läuft, hat keiner Lust, das zu hören, weil das auch die eigenen Ängste anspricht. Dann denke ich, dass jemand anderer mich wahrscheinlich einfach stehen lässt, wenn ich ihm von meinen Problemen erzähle. Vielleicht ist es jemand, der mir einen Job geben könnte, aber das wird er nicht machen, wenn ich ihm den Eindruck vermittle, dass ich beruflich scheitere. Das ist ein Teufelskreis; das Schamgefühl spielt dabei eine unheimlich große Rolle. Die Standardfrage ist heute nicht mehr, „Wie geht’s dir?“, sondern „Was machst du?“.


Man hat nach dem Film den Eindruck, dass es keinem wirklich gut geht, dass niemand wirklich erfolgreich ist.

Chiarla: Genau darum geht es. Es gibt immer mehr Leute, die überarbeitet sind. Die arbeiten für sehr wenig Geld und arbeiten auch am Wochenende durch, denn wenn sie einen Auftrag verlieren, bekommen sie auch den nächsten nicht mehr. Das ist die Reise nach Jerusalem: Es gibt eine Schlange von Leuten, die deine Arbeit machen würden, auch für viel weniger Geld. Deswegen musst du alles machen, sonst verlierst du die Kontakte. Die Selbstständigen bekommen immer weniger Aufträge, und die festen Anstellungen werden immer weniger. Da muss sich politisch etwas ändern, denn der Sozialstaat funktioniert nicht mehr, auch wenn offiziell immer weniger Leute arbeitslos sind. Hinter der „Quote“ stecken immer mehr Menschen, die in irgendwelchen „Maßnahmen“ des Arbeitsamts hängen, oder die versuchen, auf niedrigstem Niveau ihre Arbeitslosigkeit zu vertuschen und in ihrem Umfeld den Schein zu wahren.


Alice ist völlig resistent gegen jede Form der Systemkritik. Sowohl dem Vater, der dem Kommunismus nachtrauert, als auch dem Arbeitslosen in ihrer Gruppe, der den Sinn der Motivations- und Umschulungskurse beim Arbeitsamt in Frage stellt, verbietet sie sofort das Wort.

Löbau: Alice will nicht darüber sprechen, sie will einfach nur pünktlich in diesen Kurs gehen, und sie bekommt ja auch sofort die Quittung, als sie einmal nicht pünktlich erscheint. Sie hat das schon so oft erlebt und durchlitten, sie will keine grundlegende Diskussion mehr darüber führen. Sie muss damit umgehen, dass sich unsere Gesellschaft hauptsächlich über Arbeit und Einkommen definiert.

Chiarla: Aber der Film soll schon die Frage provozieren: Wie kann man das verändern? Natürlich sagen die Mitarbeiter beim Arbeitsamt zu Recht, dass in anderen Ländern die Menschen mit drei oder vier Jobs jonglieren müssen, um überhaupt auf die Höhe eines „Hartz IV“-Satzes zu kommen. Andererseits diskutiert man in anderen Ländern auch viel ernsthafter über das bedingungslose Grundeinkommen oder andere Modelle. Wir müssen unsere sozialen Systeme stärker hinterfragen. Man muss Filme machen, die beim Hinterfragen helfen. Das war mir schon bei meinem ersten Film „Bye, Bye Berlusconi“ klar.

Regisseurin Lucia Chiarla © Valentina Gaia Lops
Regisseurin Lucia Chiarla © Valentina Gaia Lops

„Reise nach Jerusalem“ vermeidet die klassischen privaten oder gesellschaftlichen Lösungen, und natürlich gibt es auch keine Revolution. Wie sind Sie zu diesem bittersüßen Ende gekommen, bei dem man vielleicht am Ende des Tunnels ein kleines Licht sieht?

Chiarla: Ich wollte kein plakatives Ende, kein Ende, bei dem der Zuschauer denkt, die Filmemacherin will ihre Antwort vermitteln. Ich wollte die Wirklichkeit meiner Hauptfigur zeigen und sie durchaus spielerisch Charme entwickeln lassen. Am Ende wollte ich dann auch ein Märchen erzählen, das Märchen der neoliberalen Gesellschaft, das sagt: Du wirst eines Tages das erreichen, was du willst, und Königin werden. Ich dachte mir, dass es so enden soll. Sie gewinnt nicht alles, aber doch etwas. Der Film endet mit einem Lächeln. Einem bitteren Lächeln, aber dennoch einem Lächeln.


Überwindet Alice am Ende ihre Existenzangst?

Löbau: Ja, aber vielleicht tritt sie nur einen Moment raus aus dem Laufrad, um später vielleicht wieder einzusteigen. So surreal wie die Träume von Alice, die immer wieder aufblitzen, ist diese letzte Szene auch wie ein Traum, der aber nichts an der Gesellschaftsstruktur ändert, wie sie gerade ist.

Chiarla: An einem gewissen Punkt bricht sie mit dem System. Das unterscheidet sie von vielen anderen, die einfach nicht mehr an das System glauben, denn sie wirft alles hin und geht einfach. Sie trifft eine Entscheidung, die der Zuschauer vielleicht nicht treffen würde, weil sie ihm zu gefährlich erscheint.


Fotos aus „Reise nach Jerusalem“: Filmperlen

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