Herbert Achternbusch

Eine Würdigung des bayerischen Regie-Anarchisten zum 80. Geburtstag

Diskussion

Als Dramatiker, Romancier und Maler, vor allem aber als Regisseur von rund 30 Filmen hat Herbert Achternbusch der deutschen Kinolandschaft seinen höchst eigenen Stempel aufgedrückt. Immer wieder hat er sich auf polemische, aber auch poetisch-versponnene Art an Bayern, der Politik, der Kirche, der Geschichte und der Gegenwart abgearbeitet und künstlerische Kontroversen ausgelöst. Das störrische Gesamtwerk des Mannes, der heute seinen 80. Geburtstag feiert, fasziniert gerade in seinen Widersprüchen noch immer.


„Da sitzen die beiden jetzt in ihren kleinen Häusern, auf Teneriffa der eine, im Waldviertel in Österreich der andere. Und sind vergessen. Weg, fort aus der Welt. Kennt kein Mensch mehr. Eine dunkle Erinnerung aus einer Zeit, als noch Wut in der Welt war und in Deutschland. Verzweiflung auf den Bühnen. Skandale. Wut und Wirklichkeit. Herbert Achternbusch und Franz Xaver Kroetz. Vergessener kann man nicht sein.“ So schreibt Volker Weidermann in seiner lesenswerten, entschieden meinungsfreudigen Literaturgeschichte „Lichtjahre“ (2006). Und fährt fort, klammheimliche Schadenfreude nicht verhehlend: „Heute sitzt er (Achterbusch) in seinem blauen Haus im Waldviertel und kann die Miete nicht bezahlen. Die Stadt München könnte ihm doch mal ein Bild abkaufen, sagt er, der immer alle beschimpft hat. Achternbusch ist Maler, Dramatiker, Romancier und Filmemacher. Aber eigentlich wollte er immer nur genug Geld haben für seine Filme. Dreißig Filme hat er gedreht in seinem Leben, fünfzig Bücher geschrieben und zwanzig Theaterstücke. Es sind alles Werke direkt aus dem Leben. Ohne großen Umweg über die Kunst. Das ist herausgeschrien. Herausgejubelt. Gegen diese verzwungene Wirklichkeit. Für eine große, große Freiheit.“

Herbert Achternbusch in Andi Niessners Porträtfilm "Achternbusch"
Herbert Achternbusch in Andi Niessners Porträtfilm "Achternbusch"

„In Bayern möchte ich nicht einmal gestorben sein!“, heißt es gleich zu Beginn von Achternbuschs Film „Servus Bayern“ (1977). Und man glaubt es kaum: Es gab einmal eine Zeit, als solche Sätze für einen Skandal sorgten, als Politiker vom Schlage eines Gerold Tandler dieses poetische Manifest von Heimatekel für „schlicht und ergreifend eine Sauerei“ hielten und die Fernsehausstrahlung des Films in Bayern verhinderten – und damit selbstredend Achternbuschs vergänglichen Ruhm als anarchistischer Querulant vermehrten. Ein paar Jahre später dann, 1982/83, stilisierte der Skandal um die Verweigerung der Auszahlung der letzten Rate des Bundesfilmpreises für „Das letzte Loch“ Achternbusch geradezu zum Symbol der erklärten geistig-moralischen Wende der Kohl-Ära. Anlass war „Das Gespenst“. Das lässt man sich heute auf der Zunge zergehen: ein Achternbusch-Film mit der Power, das religiöse Empfinden „eines nach Millionen zählenden Teils der Bevölkerung“ zu verletzen, wie es seinerzeit schön bürokratisch hieß. Innenminister Friedrich Zimmermann, längst vergessen, stellte damals unmissverständlich fest, dass unter seiner Ägide die Stunde der Freiheit der Kunst geschlagen habe: „Ich lasse nicht zu, dass mit Steuergeldern gefördert wird, dass einem Christus am Kreuz eine Schweinszunge aus dem Mund hängt, dass Kröten gekreuzigt werden und dass besoffene Polizisten ihre Notdurft in ein Schnapsglas verrichten.“


Eine Verzweiflung, zu lebensecht für angenehmen Schauder

Was Zimmermann leider übersah: Achternbuschs wildwuchernde, völlig unausgewogene Mischung aus bitterer Poesie, Verzweiflung, autobiografischen Referenzen, sehnsüchtiger Suche nach Nähe bei gleichzeitigem Hang zu entschiedener Distanz und mangelnder Scheu vor derbem Klamauk zieht sich wie ein roter Faden durch seine frühen Filme. Das Duo Poli und Zisti ist nicht weit vom aggressiven Schabernack des „Scheinpolizisten“ Herbert in „Bierkampf“ (1976) entfernt, der die betrunkenen Massen auf dem Oktoberfest todesmutig provoziert, während im Hintergrund gerade das Lied von „Schmidtchen Schleicher“ mit den elastischen Beinen läuft. Frieda Grafe hat dazu angemerkt: „Dass einem die Akzente von Achternbuschs Verzweiflung Schauder durch Mark und Bein jagen, an denen nichts mehr zu genießen ist, wie sonst in Horror- und Gewaltfilmen, das liegt eben daran. Sie bleiben zu fest mit realen gefilmten Menschen verbunden.“

Achternbusch in "Servus Bayern"
Achternbusch in "Servus Bayern"

Erkenne dich selbst! Achternbuschs Anleihen beim frühen Film, bei Chaplin, Karl Valentin und beim Slapstick sind dabei selbst schon formale Akte des Widerstands gegen die geleckte Fernsehspiel-Ästhetik. Heute unvorstellbar, aber die ersten Begegnungen mit Achternbusch fanden Mitte der 1970er-Jahre im Fernsehen weit vor Mitternacht statt. Wer könnte aktuell noch damit glänzen, Achternbuschs Filmografie nicht nachschlagen zu müssen? Wer wüsste aus dem Stand die Titel der vier(!) Filme, die Achternbusch 1984 gedreht hat?


Ein Leben im künstlerischen Widerstand

„Diese Gegend hat mich kaputt gemacht. Und ich bleibe solange, bis man es ihr anmerkt“, sagt der von Achternbusch gespielte Dichter und Wilddieb in „Servus Bayern“ einmal. Heute sieht es mitunter so aus, als sei „diese Gegend“ letztlich doch stärker gewesen. Aber Achternbusch hat lange Widerstand geleistet: als Filmemacher, als Buch- und Theaterautor und auch als Maler. In Filmen wie „Die Föhnforscher“ (1985) oder „Punch Drunk“ (1986) ist die Zerstörung der Gegend fast schmerzhaft umfassend; selbst Grönland wäre eine Bayern vorzuziehende Alternative. Eines seiner Bilder trägt den Titel „Es tut nicht mehr weh“, darauf kann man lesen: „Doch, doch, doch!“ Anders gesagt: „Eigentlich wollten wir in Paris sein, den Film „Rita Rita“ drehen, aber wieder einmal bekamen wir kein Geld. Deutschland ist ja so arm. Aber wenn wir keine Filme mehr machen, ist es noch viel ärmer.“ (aus: Kamera Kameraden, 1983)

Achternbusch. Das waren immer auch Erinnerungen an einzelne Sprüche und Szenen: „Du hast keine Chance, aber nutze sie“, aus „Atlantikschwimmer“ (1975) ; die bizarre Idee, für jeden der Millionen ermordeten Juden einen Schnaps zu trinken, um zu vergessen, in „Das letzte Loch“ (1981) ; das Bild des vom Kreuz herabgestiegenen Jesus, der auch mal gerne baden möchte, aber immer nur hilflos auf dem Wasser gehen muss, in „Das Gespenst“ (1982) ; die bis an die Grenze der Bewusstlosigkeit Betrunkenen, die in „Servus Bayern“ vom Stammtisch im Wirtshaus aufstehen und, erkennbar „betrunken“ spielend, an der Kamera vorbeitaumeln. Denken wir an den Mann, der mit einem Maßkrug im Schädel in „Der Depp“ (1982) durch München zieht oder an das Nilpferd am Schluss von „Der Neger Erwin“ (1980).

"Das letzte Loch"
"Das letzte Loch"

In Achternbusch-Filmen wird vieles spielerisch beim Wort genommen, aber auch minutenlang ausdruckslos ins Bier gestarrt; es wird viel geredet, aber selten miteinander oder zueinander, sondern in forcierten Monologen einfach vor sich hin. Vielfach ist es (verbale oder auch körperliche) Gewalt, die Beziehungen herstellt, so, als müsse man die Menschen direkt angehen, um sie aus ihrer Existenz als Monade für ein paar Sekunden herauszureißen. Achternbusch spricht davon, dass er es schätze, „wenn man Sätze hinstellt und nicht interpretiert.“ Fürs Interpretieren seien gefälligst die Zuschauer zuständig. Und dann gibt es ja immer noch die Utopie! Vorgeführt als verliebter Blick der Kamera in das Gesicht von Annamirl Bierbichler. Ihr natürliches Lächeln, ihre Ungekünsteltheit, ihr argloses Handeln ist immer ein Argument, den ganzen Dreck rundherum doch noch etwas länger auszuhalten.


Achternbuschs Werk: Versponnene politische Kommentare

Es ist jedenfalls immer schön, sich an Achternbuschs Filme zu erinnern. Häufig sogar viel schöner, als sie heute vielleicht noch einmal wiederzusehen. Andererseits hängt das sehr von den Umständen, von der Tagesform ab. Als beim Filmfest München im Sommer 2008 eine vollständige Achternbusch-Retrospektive gezeigt wurde, herrschte im Kinosaal zumeist ein fröhliches Kommen und dann ein erstaunlich rasches Gehen. Die brütende Langsamkeit von Filmen wie „Das Andechser Gefühl“ (1974) oder „Der Komantsche“ (1979) trieb die Zuschauer häufig innerhalb der ersten Viertelstunde wieder aus dem Kinosaal. War es schlicht Langeweile oder war es der Schrecken? Wer sitzen blieb, wurde mit den beiden letzten Filmen Achternbuschs belohnt: „Neue Freiheit – Keine Jobs“ (1997) und „Das Klatschen der einen Hand“ (2002). Abrechnungen mit der Kohl-Ära und dem gegenwärtigen Theater, das doch dem zusehends marginalisierten Filmemacher immer wieder ein Zubrot verschafft hatte.

Es ist übrigens ganz erstaunlich, wie die Filme – am Stück gesehen – miteinander kommunizieren, Motive variieren, rote Fäden spinnen und dabei bei aller Experimentierfreude ein Werk bilden, das sich an Bayern, der Politik, der Kirche, der Geschichte und ihrer Gegenwart mit disziplinierter Beharrlichkeit abarbeitet. Man sollte sich von der scheinbaren Einfachheit der Filme nicht täuschen lassen, hat schon der Filmemacher selbst gewarnt: „Da kann keiner sagen, dass meine Filme schlampig gemacht sind. Sie sind eigenwillig, man kann sie ablehnen, aber es kann keiner sagen, sie seien gehudelt oder die Anschlüsse stimmen nicht. In sich sind sie perfekt. Die Themen mögen disparater geworden sein, das hängt mit der Entwicklung oder Nichtentwicklung des deutschen Films zusammen. Aber die Technik beherrschen wir schon. Im Gegensatz zu vielen anderen.“

"Servus Bayern"
"Servus Bayern"

Achternbuschs in diesem Sinne „eigenwillige“ Filme sind auf eine ungewöhnlich private und versponnene Art sehr politisch, allerdings anders als beispielsweise die Filme von Schlöndorff, von Trotta oder Hauff es waren. In einem rabiaten Rundumschlag hat Achternbusch bereits 1979 mit seinen „Filmbrüdern“ abrechnet und ihnen vorgeworfen, sie hätten sich „mit Mühlsteinen an den Hälsen vom Leben wegtrainiert“, und ausgerufen: „Steht nicht geschrieben: Gebt eure Gerede- und Getuefilme auf? Film ist Traum, Sprache ist Architektur.“ Hellsichtig hat Frieda Grafe festgestellt: „Politisch, wenn das Wort nicht so verludert wäre und man es reinigen könnte von dem Mist, den Selbstpromotoren und Reformer der letzten Jahre auf ihm abgelagert haben, dann wäre es gerade recht, um alles zusammen zu fassen, worum es in diesem Film (d.i. „Bierkampf“) geht. Was sucht der junge Eiferer auf dieser gottverlassenen Erde, wo noch die letzten Überlebenden mit Selbstbespiegelung, Selbstbefriedigung, Selbstaufgabe beschäftigt sind? Verbindungen, Gemeinsames. Er versucht ganz einfach, ganz borniert die Position neu zu besetzen, die Religion in früheren Gesellschaftsformen innehatte als Bindeglied. Um zu vermitteln zwischen Individuum und Gemeinschaft, die Gesetze sublimierend. In neueren Gesellschaften, sagt man, fällt diese Funktion allein der Kunst zu.“

Andererseits ist der Impuls nicht zu übersehen, sich nicht widerstandslos vereinnahmen zu lassen, keine verbindlichen Allianzen über längere Zeiträume einzugehen. In Andi Niessners gelungenem Porträt „Achternbusch“ (2008) wird nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, dass dem deutschen Film mit Achternbuschs Filmen etwas Störrisches, Widerstreitendes verloren gegangen ist. Es gibt darin eine wunderschöne Szene, in der Achternbusch auf einen wie immer schwerst unternehmungslustigen Alexander Kluge trifft. Nach gegenseitigen Respektsbezeugungen beginnt Kluge sofort eine künftige Kooperation auszumalen, während Achternbusch zuhörend, zunehmend misstrauischer wird und schließlich konstatiert: „Es reicht ja, wenn man sich aus der Ferne gegenseitig stärkt.“

"Bierkampf"
"Bierkampf"

Epilog

„Achternbuschs Kino ist auch ein Hinweis darauf, was der Neue Deutsche Film in den letzten Jahren, seit er um Weltgeltung kämpft, an subversiven Kräften verloren hat. In den späten 1960er-Jahren sprach man so gerne vom Untergrundfilm. Heute ist der Untergrund entvölkert, Achternbusch der einzige Maulwurf.“ Das hat Benjamin Henrichs in „Die Zeit“ zu Protokoll gegeben. Allerdings bereits 1977, als gerade „Bierkampf“ in den Kinos angelaufen war.


Der Text erschien erstmals unter dem Titel „Wenn ich doch nur wüsste, wie es mir geht!“ in der FILMDIENST-Ausgabe 26/2008.


Fotos: „Hick’s Last Stand“/Filmwelt, „Achternbusch“/Tellux Film, „Servus Bayern“/Filmverlag der Autoren, „Das letzte Loch“/Filmwelt, „Bierkampf“/Edition Filmmuseum

Kommentar verfassen

Kommentieren