Zum Tode von Nicolas Roeg (1928-2018)

Ein Nachruf auf den britischen Regisseur und Kameramann

Diskussion

Rätsel, Vexierspiele, Mosaiken, Labyrinthe. Begriffe wie diese wurden auf die Regiearbeiten des Briten Nicolas Roeg weit öfter angewandt als gewöhnliche Genre-Bezeichnungen – der Ausdruck einer Verlegenheit angesichts von Werken, die in ihren zersplitterten Erzähl- und Bilderfolgen irritierten, wenn sie nicht den Betrachter ohnehin völlig vor den Kopf stießen. Nicht zufällig erlebten Roegs Filme in den 1970er- und 1980er-Jahren immer wieder ein ähnliches Muster der Ablehnung: Von den eigenen Produzenten diskreditiert – „Ein kranker Film von kranken Menschen für kranke Menschen“ befand beispielsweise die Rank Organisation über „Blackout“ (1979) –, vom Publikum links liegen gelassen, von der Kritik bei der Erstaufführung zerrissen – wobei zumindest letztere mit zunehmendem Abstand ihr Urteil oft revidierte.

Diesen Abstand brauchte es vielleicht auch, weil Nicolas Roeg tatsächlich keine Rücksicht auf Empfindlichkeiten nahm. Ein nachhaltiger Schock, der dem Zuschauer jeden Gedanken an einen sicheren Ausgang raubte, lauerte mitunter schon am Anfang von Roegs filmischen Irrgärten: Etwa in „Walkabout“ (1971), in dem ein Vater seine zwei Kinder angeblich für ein Picknick in die australische Wüste hinausfährt, um unversehens Schüsse auf sie abzufeuern und sich dann selbst zu töten. Oder auch in der Einstiegssequenz in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ (1973), bei der zahlreiche in sich harmlose Bild- und Tonsignale durch die Montage auf den kommenden Schrecken einstimmen, der schließlich im Schmerzensschrei von John Baxter (Donald Sutherland) über seine ertrunkene Tochter kulminiert.

"Blackout" © Koch Films/Graham Attwood
"Blackout" © Koch Films/Graham Attwood

Hintergründig verweist der Originaltitel dieses Films, „Don’t Look Now“, auf eine der grundsätzlichen Auswirkungen vieler Werke von Nicolas Roeg: Als Zuschauer eigentlich nicht hinsehen zu wollen, um auf diese Weise all die präsentierte Brutalität, Rohheit und Kälte auszublenden, und dennoch den Blick nicht abwenden zu können. Genauso wenig, wie John Baxter es unterlassen kann, den Spuren zu folgen, die ihm nahelegen, dass seine Tochter noch lebt, und dadurch trotz seiner seherischen Visionen in sein Verderben läuft. Dem düsteren Anfang entspricht ein ebensolches Ende, dazwischen liegen Szenen in einem so morbide gezeichneten Venedig, dass Vertreter der Stadt einen bleibenden Imageschaden fürchteten. Roeg selbst lehnte trotzdem für seine Werke eine Einordnung als Horrorfilme oder Thriller ebenso ab wie jede Klassifizierung. Ihre Bildmontagen betrachtete er als Ausdrücke des unvorhersehbaren Daseins: „Das Leben und Geburten und Sex und Liebe kommen nicht notwendigerweise alle gemeinsam.“

In einem solchen Glaubenssatz mag sich auch die eigene Karriere widergespielt haben. Nicolas Roeg kam durch Zufall zum Film und arbeitete sich autodidaktisch voran, wurde vom Hilfsarbeiter zum Kamera-Assistenten und schließlich zum Kameramann. Als solcher beteiligte er sich in den 1960er-Jahren am sich neu ausrichtenden britischen Kino und holte sich wichtige Anregungen für seine späteren eigenen Regiearbeiten: Von Richard Lester („Petulia“) übernahm er die formale Experimentierfreude, von Clive Donners Harold-Pinter-Adaption „Der Hausmeister“ die Bereitschaft zu Ellipsen und fehlenden Auflösungen, von der nach kurzer Zeit scheiternden Arbeit für David Lean bei den Wüstenszenen von „Lawrence von Arabien“ das halluzinatorische Element.

"Wenn die Gondeln Trauer tragen" © ARD Degeto
"Wenn die Gondeln Trauer tragen" © ARD Degeto


Derart ausgerüstet übernahm Nicolas Roeg 1968 neben der Kamera erstmals auch die (Co-)Regie bei einem Film: Gemeinsam mit Donald Cammell inszenierte er „Performance“, eine wild zwischen Handlungsebenen wechselnde, mit Sex und Gewalt garnierte Gesellschaftssatire, in der ein rücksichtsloser Gangster (James Fox) bei einem Popstar (Mick Jagger) untertaucht. Die entsetzten Produzenten, die sich von Jaggers erstem Kinoauftritt eher etwas wie Richard Lesters erfolgreiche Beatles-Filme versprochen hatten, hielten „Performance“ zwei Jahre zurück, bevor er doch noch (erfolglos) herausgebracht wurde. Trotzdem wechselte Roeg dauerhaft ins Regiefach, bei dem Survival-Film „Walkabout“ übernahm er letztmals zugleich auch die Kamera. Seine scharfen bildgestalterischen Fähigkeiten prägten seine Filme jedoch weiterhin, sodass ansonsten eher für solides Handwerk bekannte Kameraleute wie Anthony B. Richmond, Peter Hannan oder Harvey Harrison bei Roeg zu Meisterleistungen im Stande waren.

Selbst ein Außenseiter im Filmgeschäft, war es naheliegend, dass es Nicolas Roeg immer wieder zu solchen Figuren hinzog: Bei seinem Ausflug in die Science-Fiction in „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1975) ist es ein Alien (David Bowie), das sich auf der Erde den skrupellosen Methoden der Menschen anzupassen versucht und daran zugrunde geht. In „Blackout“ verfallen zwei Amerikaner (Art Garfunkel, Theresa Russell) in Wien einer exzessiven Beziehung, die an ihrer Unvereinbarkeit scheitert. In „Eureka“ (1983) schließlich wird ein Goldgräber (Gene Hackman) zum reichen Mann, ohne dadurch glücklich werden zu können.

Im assoziativen Bilderregen von „Eureka“ deutete sich allerdings auch an, dass Nicolas Roegs Stil sich nicht endlos produktiv ausschöpfen ließ. Die nächsten Arbeiten geraten konventioneller wie die Theaterverfilmung „Insignificance“ (1985), die Marilyn Monroe, Albert Einstein, Joe DiMaggio und Joseph McCarthy in einem Hotelzimmer zusammenführt und deren visuelle Einfälle eher abgeschmackt ausfallen, oder verlieren sich in oberflächlicher Ästhetik wie „Castaway – Die Insel“ (1987) über zwei Möchtegern-Aussteiger. Aufmerksamkeit gewinnt Roeg noch einmal durch die Roald-Dahl-Adaption „Hexen hexen“ (1990), die mit ihrer suggestiven Atmosphäre an „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ erinnert und mit teilweise drastischen Effekten die Grenzen des in einem Kinderfilm Zeigbaren auslotet. In den 1990er-Jahren drehte der Regisseur noch das obskure Mystik-Drama „Cold Heaven“, das in Rumänien spielende Drama „Two Deaths“ und einige Fernseharbeiten, 2007 meldete er sich mit dem feministisch angehauchten Thriller „Puffball“ ein letztes Mal im Kino zurück. Knapp drei Monate nach seinem 90. Geburtstag starb Nicolas Roeg nun in London.


Foto Nicolas Roeg: MGM

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