Konfetti 28: „Sunset Motel“

Ein genauer Blick auf das Low-Budget-Melodrama von Eckhart Schmidt

Diskussion

Laura (Joanna Canton) und Raoul (Sean Costello) sitzen nebeneinander auf Plastikstühlen neben dem Pool des Motels, in dem beide wohnen. Vor ihnen ein Plastiktisch. Bisher hatten sie nur Blicke gewechselt, jetzt wechseln sie zum ersten Mal Worte. Eben hatte sich das zögerliche Gespräch noch um Coppolas „The Godfather“ gedreht, den Laura nicht gesehen, aber zu einem, wenigstens irgendwie, italienischen Film erklärte. Noch während sie die Worte ausspricht, fängt sie an zu lachen, und Raoul fährt sich mit der Hand übers Gesicht. Vielleicht, um sein eigenes Gelächter zu unterdrücken, beziehungsweise um seine Mimik wieder glatt zu streichen. Im Anschluss entsteht eine kurze Gesprächspause, während der Laura ihre Hände gegeneinander reibt und ein weiteres Mal zu kichern beginnt.„You seem nervous“, meint Raoul zu ihr. „I’m very nervous, I don’t know why“, antwortet Laura.

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Die Szene stammt aus Eckhart Schmidts „Sunset Motel“ (2003), einem Low-Budget-Film, der auf der Erzählung „Selbstmörder“ von Cesare Pavese basiert. Eine Literaturverfilmung also, außerdem ein Film über die Verschränkung von Begehren und Tod. Diese Verschränkung prägt fast das gesamte Werk des Regisseurs (zumindest die Spielfilme), doch ähnlich rein und ablenkungsfrei wie hier ist sie kaum einmal ins Bild gesetzt. Das heißt nicht, dass die Ablenkungen der anderen Filme nicht auch ihren Reiz hätten, aber „Sunset Motel“ destilliert gewissermaßen die Essenz des Schmidt’schen Liebestodmotivs, legt den dunkelromantischen Kern seines stets von erotischen Obsessionen sprechenden Kinos frei, in wunderschönen, malerischen, geduldigen Low-Fi-Digitalbildern.


Kommunikative Überforderung mündet in Nonsens-Gespräche

Aber, und erst das macht „Sunset Motel“ zu dem Wunder, das der Film ist: Es gibt eben auch Szenen wie die auf den Plastikstühlen am Pool. Die überlebensgroße, alles verschlingende Liebe realisiert sich, wenn die beiden Liebenden erstmals direkten Kontakt miteinander aufnehmen, als kommunikative Überforderung, in stockenden Nonsens-Gesprächen über „The Godfather“ und Ravioli. Als eine Form von Nervosität, die sich dem Verstehen entzieht. Ein anrührend ungeschicktes Erstes-Date-Gespräch, das noch nicht einmal als ein misslungener Flirt durchgeht, weil keine Taktik, kein einander Austesten im Spiel ist; dass beide willig sind, daran besteht von Anfang an (für beide) kein Zweifel. Die Liebe ist schon da, nur wie geben wir ihr eine Form? Zunächst ist da nur eine totale Blockade: Hier sitzen wir und müssen ein Gespräch führen. Worüber nur?

Das erste Gespräch des Paars, das nach dem „I’m very nervous, I don’t know why“ noch ein wenig weiterläuft, ist in einer einzigen Einstellung gedreht, die Dialoge sind zumindest teilweise improvisiert. Das schafft einerseits einen Freiraum, andererseits setzt es die Situation unter Druck. Canton und Costello sind professionelle (und ausgezeichnete) Schauspieler, die in keinem Moment aus ihren Rollen fallen; und dennoch passt Lauras Eingeständnis ihrer eigenen Nervosität auch zur Drehsituation: Hier sitzen wir, die Kamera läuft, geduldig und unnachgiebig, und wir müssen uns zueinander verhalten, gewissermaßen hängt alles, der ganze Film, davon ab, dass diese erste längere Dialogszene funktioniert.


Der Sunset Boulevard dringt in die Liebesgeschichte ein

Die ganze Zeit über sieht man im Hintergrund Los Angeles. Gedreht wurde im Sahara Motor Hotel auf dem Sunset Boulevard (der Ort ist ein Fixpunkt in Schmidts Schaffen, hier entstand 2008 auch „Hollywood Fling“, eine Art düsterer Zwilling von „Sunset Motel“). Ein äußerst fotogener Schauplatz, der die beiden Hauptfiguren paradoxerweise gleichzeitig isoliert und direkt in die Großstadtwelt einschreibt. Die Intimität ist nicht ohne ihr Anderes, ohne die technisierte Anonymität der Metropole, zu haben. Die Liebesgeschichte wird geradezu mariniert in den Texturen LAs: In den späteren Sex- und Streitszenen dringt Straßenlärm durch die dünnen Wände der Motelzimmer; selbst wenn Laura unter der Dusche steht, kann man durchs mitgefilmte Badezimmerfenster auf die offene Straße hinausblicken. In den Innenszenen artikuliert sich eine urbane Form der Klaustrophobie, zwei Körper, in eine beständig sich verändernde Welt geworfen, und doch isoliert, stillgestellt: das kann auf Dauer nicht gutgehen.

Das sich noch nicht so beengend anfühlende Gespräch am Pool ist ebenfalls so fotografiert, dass man im Hintergrund, an der Rezeption vorbei, direkt auf den belebten Sunset Boulevard blickt. Wenn Laura den Satz über ihre Nervosität ausspricht, biegt von dort ein Fahrradfahrer in die Moteleinfahrt ein, dreht, direkt hinter den Sprechenden, einen Kreis und scheint neugierig in Richtung Kamera zu blicken. Genau im richtigen Moment, ein bloßer Zufall vermutlich, aber so etwas klappt eben nur in einem Film, dem auch sonst alles gelingt.


Foto: Raphaela Film

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