Interview mit Marcelo Martinessi

Donnerstag, 29.11.2018

Ein Gespräch zum Kinostart von „Die Erbinnen“

Diskussion

Der erste Spielfilm des 1973 geborenen Paraguayers Marcelo Martinessi war 2018 eine der herausragenden Entdeckungen des „Berlinale“-Wettbewerbs. Das vielschichtige Drama „Die Erbinnen“ (zur FILMDIENST-Kritik) porträtiert die ältere Chela, die sich durch die erzwungene Trennung von ihrer Partnerin neu im Leben orientieren muss. Ein Gespräch über einen Film, der unterschwellig die Klassenunterschiede einer Gesellschaft aufgreift, die sich auch nach dem Ende der Militärdiktatur (1954-1989) mit grundsätzlichen Veränderungen schwertut.


Es ist ziemlich ungewöhnlich für einen Film, männliche Charaktere so vollständig auszuschließen wie „Die Erbinnen“. Warum haben Sie entschieden, sich ganz auf weibliche Charaktere zu konzentrieren?

Marcello Martinessi: Ehrlich gesagt war das nicht beabsichtigt. Es wurde aber von dem Moment an zum beherrschenden Thema, in dem wir uns an den Film machten. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, die von Frauen geprägt wurde: Mutter, Schwestern, Großmütter, Tanten, Frauen aus der Nachbarschaft. Ich wollte mit meinem ersten Film in dieses weibliche Universum eintauchen, das mich noch mehr interessierte, nachdem ich angefangen hatte, die Filme von Fassbinder zu schauen. Ich glaube auch, dass es eines der ernsthaften Probleme von so machohaften Gesellschaften wie der von Paraguay ist, dass von einem Mann erwartet wird, alle Antworten zu kennen. Das ist frustrierend, weil es einem nicht viel Raum für die eigene Persönlichkeit lässt. Niemand bringt uns bei, dass es Vergnügen bereiten kann, Zweifel zu haben und Fragen zu stellen. Mir ging es bei diesem Film darum, mein Land zu hinterfragen, meine soziale Klasse und diesen spezifischen Moment in der Geschichte. Deshalb war es ganz natürlich, dass es ein frauenzentrierter Film wurde.

Ana Brun und Ana Ivanova in „Die Erbinnen“
Ana Brun und Ana Ivanova in „Die Erbinnen“

In Ihren vorherigen (kurzen) Filmen haben Sie sich auf direkte Weise mit der politischen Entwicklung in Paraguay auseinandergesetzt. Warum sind Sie in Ihrem Spielfilmdebüt davon abgekommen?

Martinessi: Ich hab die politischen Ansätze nicht aufgegeben, sie tauchen nur in einer anderen Gestalt auf. 2012 habe ich als Geschäftsführer des ersten öffentlichen Fernsehsenders in Paraguay gearbeitet. Im Jahr 2010 gegründet, verschwand er aber schon zwei Jahre später wieder, mit dem Staatsstreich, bei dem der Staatspräsident Lugo seines Amtes enthoben wurde. Dieser Moment rief eine Krise bei mir hervor. Ich war verzweifelt darüber, was in Paraguay geschah, und verärgert über das Kleinbürgertum, aus dem ich selbst stamme. Ich hatte das Gefühl, dass es den Staatsstreich unterstützte und damit den Bruch eines politischen Prozesses, der wichtig für mein Land war. Erst damals habe ich begriffen, dass meine vorherigen Arbeiten über Menschenrecht

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