Interview mit Marcelo Martinessi

Ein Gespräch zum Kinostart von „Die Erbinnen“

Diskussion

Der erste Spielfilm des 1973 geborenen Paraguayers Marcelo Martinessi war 2018 eine der herausragenden Entdeckungen des „Berlinale“-Wettbewerbs. Das vielschichtige Drama „Die Erbinnen“ (zur FILMDIENST-Kritik) porträtiert die ältere Chela, die sich durch die erzwungene Trennung von ihrer Partnerin neu im Leben orientieren muss. Ein Gespräch über einen Film, der unterschwellig die Klassenunterschiede einer Gesellschaft aufgreift, die sich auch nach dem Ende der Militärdiktatur (1954-1989) mit grundsätzlichen Veränderungen schwertut.


Es ist ziemlich ungewöhnlich für einen Film, männliche Charaktere so vollständig auszuschließen wie „Die Erbinnen“. Warum haben Sie entschieden, sich ganz auf weibliche Charaktere zu konzentrieren?

Marcello Martinessi: Ehrlich gesagt war das nicht beabsichtigt. Es wurde aber von dem Moment an zum beherrschenden Thema, in dem wir uns an den Film machten. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, die von Frauen geprägt wurde: Mutter, Schwestern, Großmütter, Tanten, Frauen aus der Nachbarschaft. Ich wollte mit meinem ersten Film in dieses weibliche Universum eintauchen, das mich noch mehr interessierte, nachdem ich angefangen hatte, die Filme von Fassbinder zu schauen. Ich glaube auch, dass es eines der ernsthaften Probleme von so machohaften Gesellschaften wie der von Paraguay ist, dass von einem Mann erwartet wird, alle Antworten zu kennen. Das ist frustrierend, weil es einem nicht viel Raum für die eigene Persönlichkeit lässt. Niemand bringt uns bei, dass es Vergnügen bereiten kann, Zweifel zu haben und Fragen zu stellen. Mir ging es bei diesem Film darum, mein Land zu hinterfragen, meine soziale Klasse und diesen spezifischen Moment in der Geschichte. Deshalb war es ganz natürlich, dass es ein frauenzentrierter Film wurde.

Ana Brun und Ana Ivanova in „Die Erbinnen“
Ana Brun und Ana Ivanova in „Die Erbinnen“

In Ihren vorherigen (kurzen) Filmen haben Sie sich auf direkte Weise mit der politischen Entwicklung in Paraguay auseinandergesetzt. Warum sind Sie in Ihrem Spielfilmdebüt davon abgekommen?

Martinessi: Ich hab die politischen Ansätze nicht aufgegeben, sie tauchen nur in einer anderen Gestalt auf. 2012 habe ich als Geschäftsführer des ersten öffentlichen Fernsehsenders in Paraguay gearbeitet. Im Jahr 2010 gegründet, verschwand er aber schon zwei Jahre später wieder, mit dem Staatsstreich, bei dem der Staatspräsident Lugo seines Amtes enthoben wurde. Dieser Moment rief eine Krise bei mir hervor. Ich war verzweifelt darüber, was in Paraguay geschah, und verärgert über das Kleinbürgertum, aus dem ich selbst stamme. Ich hatte das Gefühl, dass es den Staatsstreich unterstützte und damit den Bruch eines politischen Prozesses, der wichtig für mein Land war. Erst damals habe ich begriffen, dass meine vorherigen Arbeiten über Menschenrechte und politische Ungerechtigkeit sehr kämpferisch waren und aus diesem Grund von der herrschenden Klasse völlig ignoriert wurden. Gerade das waren aber die Menschen, mit denen ich in einen Dialog treten musste. Aufgrund all dessen entschied ich, die Kamera näher an meine Lebensrealität, aus der ich komme, heranzuführen. Auch wenn „Die Erbinnen“ nicht offen politisch ist, greift der Film die Mechanismen von Protektion und Unterdrückung in autoritären Regimen auf, wie es in Paraguay über Jahrzehnte bestand. Es geht um eine Frau, die von ihrer eigenen Partnerin gleichzeitig beschützt und kleingehalten wird, aber auch um ihre Reise in die Freiheit. Das ist viel metaphorischer als in meinen bisherigen Arbeiten, aber ich gehe davon aus, dass der Film das Potenzial hat, einen Dialog in einer Gesellschaft anzustoßen, die im Alltag kaum über die Auswirkungen politischer Regime nachdenkt.


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Sie stellen eine Gesellschaft dar, die keinerlei Änderung an irgendetwas möchte, in der aber zumindest die Hauptfiguren Chela und Chiquita der drohenden Veränderung begegnen müssen. Hatten Sie ein reales Vorbild für Ihre Geschichte?

Martinessi: Viele der Figuren und Situationen sind nah dran an Erlebnissen von Menschen aus meinem Umfeld. Aber sie sind dadurch geprägt, wie ich diese Erlebnisse gesehen und empfunden habe. Ich glaube, dass sich jeder, unabhängig auch von der sexuellen Orientierung, mit einer Geschichte identifizieren kann, in der sich ein Paar an eine Lebensweise klammert, die es sich nicht mehr leisten kann. Der Statusverlust liefert die beiden Situationen aus, denen sie sich nie zuvor stellen mussten. Neben der Schande, eine Schuld nicht bezahlen zu können und deshalb ihre Besitztümer verkaufen zu müssen, taucht aber auch die Möglichkeit auf, sich neu zu erfinden, und in Chelas Fall auch die Wiederentdeckung der Sehnsucht.

Ana Brun als Chela in „Die Erbinnen“
Ana Brun als Chela in „Die Erbinnen“

Hinzu kommt die körperliche Veränderung durch das Altern. Wollten Sie, dass die Figuren sich bereits im fortgeschrittenen Alter befinden?

Martinessi: Ja, denn schon von den ersten Entwürfen an war das Thema „Zeit“ von großer Bedeutung für diese Erzählung. Die Falten in den Gesichtern von Chela und Chiquita gehörten zur Konstruktion ihrer Charaktere und dem Bewusstmachen ihrer Lebensgeschichten dazu.


Chela und Chiquita sind ein lesbisches Paar, das offenbar im Alltag nicht diskriminiert wird, die Beziehung aber auch nicht wirklich in aller Öffentlichkeit lebt. Wie wichtig war es Ihnen, mit Blick auf die gezeigte Gesellschaft, ein homosexuelles Paar ins Zentrum des Films zu rücken?

Martinessi: Das ergab sich erst im Laufe des Schreibens. Die dargestellte Generation von Frauen ist in den 1960er-/1970er-Jahren mit der Unterdrückung durch die Diktatur aufgewachsen. Ich wollte von diesen Frauen erzählen, die mit geborgten Identitäten groß wurden und nie völlig sie selbst sein konnten. Sie lebten nur Bruchstücke ihrer Persönlichkeit aus, weil sie als Teil ihrer täglichen Routine gezwungen waren, die Rolle von jemand anderem zu spielen. Es gibt im Film eine Szene, in der Chela und Chiquita von der Karaoke-Party heimkommen und sich über ein Mädchen unterhalten. Chiquita wendet auf sie den Satz an: „Ach, die eine, die wie ein Junge aussieht!“ Nur eine lesbische Frau mit einer bestimmten Form verinnerlichter Homophobie könnte so etwas sagen. Ich habe diesen Satz während des Schnittprozesses die ganze Zeit verteidigt, denn für mich ist das ein wichtiger Dialog, um die Figuren zu begreifen. Das ist kein Paar von militanten Frauen, die für ihre Rechte kämpfen und politische Reden halten. Sondern es sind Damen aus einer sehr unterdrückten Gesellschaft und diese Unterdrückung ist Teil ihrer innersten Struktur geworden.


Aber auch die Klassenzugehörigkeit spielt eine Rolle. Wenn Chela im Film ihr Vermögen verliert, braucht sie das Geld, das sie für das Herumfahren reicher Damen erhält, wirklich. Es ist eindeutig, dass das für sie und auch für ihre Fahrgäste eine Form der Erniedrigung bedeutet; zugleich gelingt es Chela aber auf diesem Weg auch, sich zu emanzipieren. Braucht es die Erniedrigung, um den nicht-unabhängigen Frauen aus Chelas Klasse zur Befreiung zu verhelfen?

Martinessi: Das ist schwer zu sagen, aber ich glaube, dass viele Angehörige der privilegierten Klasse in einer Blase leben, fernab der Realität. Nur wenn sie es auf sich nehmen, in die wirkliche Welt hinauszugehen, können Empfindungen wie der Wunsch nach Emanzipation geweckt werden.

Chelas neue Klientel zwischen den Chauffeur-Diensten
Chelas neue Klientel zwischen den Chauffeur-Diensten

„Die Erbinnen“ ist ein Film über Gefängnisse. Chiquita wird tatsächlich eingesperrt, aber auch die anderen Figuren scheinen in Gefängnissen zu leben, was auch visuell betont wird, wenn sie zum Beispiel in Türrahmen gezeigt werden. Hilft die Gefängnismetapher dabei, die paraguayische Gesellschaft zu verstehen?

Martinessi: Das Gefühl, eingesperrt zu sein, war ein entscheidender Impuls für mich, diesen Film zu machen. Paraguay ist mein Heimatland. Dort bin ich aufgewachsen, habe ich studiert und den größten Teil meines Lebens verbracht. Die Menschen, die ich am meisten in der Welt liebe, leben dort. Und trotzdem hatte ich, seit ich denken kann, den Wunsch, zu entfliehen. Für mich ist Paraguay ein Gefängnisstaat. Sogar im Ausland kann ich mich nie ganz von dem unbehaglichen Gefühl losmachen, dass ich dazugehöre. Ich musste viel reisen, bevor ich begriff, dass in meiner eigenen Familie und Ausbildung ein System von „Werten“ existierte, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wurden, wie eine erbliche Krankheit. Der Film entspringt deshalb meinem Bedürfnis nach Heilung.


Der ganze Film ist aus der Perspektive von Chela erzählt. Das muss eine große Herausforderung für die Hauptdarstellerin Ana Brun gewesen sein, die nie zuvor in einem Film gespielt hat und auch keine professionelle Schauspielerin ist. Wie haben Sie sie gefunden und mit ihr gearbeitet?

Martinessi: In der Vorbereitung des Drehs war Ana Brun die erste Schauspielerin, die ich ausgewählt habe. Ich benötigte eine Frau, die ohne viele Dialoge spielen und Chelas Reise darstellen konnte. Erst als ich sie gefunden hatte, konnte ich die übrigen Rollen besetzen. Ich war überzeugt, dass sie die Figur verstehen würde, weil sie aus diesem spezifischen Teil meiner Gesellschaft kommt. Sie weiß, was durch die körperlichen Abstände zwischen ihr und den anderen ausgedrückt wird und welchen Unterschied es macht, ob sie mit einem Hausmädchen oder mit ihrer Partnerin spricht. Innerhalb des Prozesses musste Ana Brun trotzdem viele Grenzen überwinden, um in diesem Film spielen zu können. Sie ist im echten Leben Anwältin und wusste, dass ihre Figur vom überwiegenden Teil der konservativen paraguayischen Gesellschaft nicht geschätzt werden würde. Ich bin sehr glücklich, dass sie die Herausforderung schließlich auf sich genommen hat. Unsere Gesellschaft hat noch immer Schwierigkeiten damit, eine Geschichte über zwei Frauen zu akzeptieren, die seit Jahrzehnten als Paar zusammenleben und nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine Liebeskrise durchmachen. Bei homosexuellen Charakteren werden Karikaturen ohne weiteres akzeptiert, doch ein lesbisches Paar als Menschen mit den gleichen Problemen und Sorgen wie jedermann zu zeigen, scheint für einige immer noch einschüchternd zu sein.


Auch die meisten anderen Schauspielerinnen geben ihr Filmdebüt. Warum haben Sie sich für die Arbeit mit Filmdebütantinnen und in einigen Fällen Laiendarstellerinnen entschieden?

Martinessi: Für Ana Brun war es ihr erster Film, allerdings hat sie früher Theater gespielt. Sie ist in etwa sieben Stücken aufgetreten, das letzte Mal vor 15 Jahren. Margarita Irún, die Chiquita spielt, ist eine großartige paraguayische Bühnendarstellerin mit einer Karriere von über 50 Jahren. Es ist ihr zweites Mal auf der großen Leinwand, aber sie hat auch einiges für das Fernsehen gedreht. Ana Ivanova, die als Angy Gefühlsverwirrungen bei Chela auslöst, ist eine bekannte Darstellerin in der Theaterszene von Asunción. Sie hat viele Theaterstücke, Kurzfilme und Kunstinstallationen gemacht, so dass ich sie über die Jahre habe wachsen sehen, wir sind im selben Alter. Während des Castings spürte ich, dass diese drei an einem besonderen Punkt ihres Lebens standen, an dem sie nach einer Herausforderung suchten. Das sind für ein Drama großartige Voraussetzungen. Für die restlichen Rollen haben wir einige Laiinnen besetzt – meine Nachbarin, echte Hausangestellte, Ana Bruns beste Freundin María Martins, die Pituca spielt – und einige Schauspielerinnen mit Fernseh- und Theatererfahrung. Da es in dieser Generation von Frauen nicht wirklich kinoerfahrene Schauspielerinnen gibt, habe ich mich für Menschen entschieden, mit denen ich gerne arbeiten wollte.

Die Einstellungen setzen die Gefangenschaft der Figuren im Bild um
Die Einstellungen setzen die Gefangenschaft der Figuren im Bild um

Es gibt in „Die Erbinnen“ keine Filmmusik, allerdings wird in einer Schlüsselszene wirkungsvoll Tschaikowskis „1812-Ouvertüre“ eingesetzt.

Martinessi: Ich kam mir wie ein Filmstudent vor, diesen besonderen Effekt mit Tschaikowski zu erzeugen. Aber mein Editor Fernando Epstein meinte: Warum nicht? Und wir haben diese Musik nicht nur für den zentralen dramatischen Moment von Chelas erstem Heraustreten aus der Deckung genutzt, sondern auch um Maria Martíns in ihrer ersten Kinorolle einzuführen.


Sie haben in London die Filmhochschule besucht. Haben Sie sich für Ihr Debüt von einem europäischen Vorbild beeinflussen lassen?

Martinessi: Nicht unbedingt speziell von Europa, aber die Zeit im Ausland war wesentlich für mich. Dadurch konnte ich Abstand von meiner Gesellschaft gewinnen und zu einem neuen Blickwinkel gelangen. Wenn ich Filme nenne, die mich sicher beim Schreiben beeinflusst haben, sind das immer „Grey Gardens“, „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“, „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Ich liebe Filme mit starken Frauen als Hauptfiguren. Auch alle Fassbinder-Filme, besonders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Diese Filme konnte ich erst entdecken, als ich als junger Mann nach New York und andere Orte gereist bin. In Paraguay hatten wir während der Diktatur nur sehr begrenzten Zugang zu Büchern oder dem Kino. Meine Entdeckungsreise begann deshalb erst in meinen Zwanzigern und nicht wie in anderen Kulturen mit 10 oder 11 Jahren. Vielleicht am meisten bewegt und beeinflusst hat mich aber der paraguayische Schriftsteller Gabriel Casaccia. Sein erster Roman erschien in den 1950er-Jahren, als unsere Literatur nur von Helden handelte. Er nahm den paraguayischen Figuren ihre Großspurigkeit und machte sie zu echten Menschen.


Fotos: Berlinale, Grandfilm

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