David Lynchs Traumwelten

Freitag, 30.11.2018

Neue Filmliteratur über Lynch, die italienische Stummfilm-Regisseurin Elvira Notari, Peter Voigt, Heinz Kersten und die Geschichte der Degeto

Diskussion

Das neue Buch von und über David Lynch ist eine echte Entdeckung, weil der scheinbar so unzugängliche Filmemacher darin überraschend freizügige Seiten offenbart. Außerdem: Neue Werke über die italienische Stummfilm-Regisseurin Elvira Notari, den Dokumenatristen Peter Voigt, den Filmkritiker Heinz Kersten und die Geschichte der Degeto.



„Traumwelten. Ein Leben“ von David Lynch und Kristine McKenna. Heyne Encore. München 2018, 768 S., 25,00 EUR.

David Lynch ist wahrlich kein unbeschriebenes Blatt. Das Geheimnisvolle, Selbstreferentielle und Hermetische seiner Filme inspiriert Filmkritik wie Filmwissenschaft zu Texten, die oft Buchlänge erreichen. So widmete sich "Lost in Lynchworld" von Dominik Orth seinem unzuverlässigen Erzählen, "Leben in gestörten Welten" von Irmbert Schenk und Hans-Jürgen Wulff untersuchte den „filmischen Raum“ des Lynch’schen Universums. Lynch als Ganzes nahmen Robert Fischer („David Lynch. Die dunkle Seite der Seele“) und Georg Seeßlen („David Lynch und seine Filme“) bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten in den Blick. Zu Reclam-Ehren kam der Regisseur mit „Twin Peaks“. Ein Entschlüsselungsbuch beschäftigt sich mit der Deutung von „Mulholland Drive“. Während in all diesen interpretativ-analytischen Publikationen dem Filmemacher nur passagenweise mit schillernd-vagen Selbstaussagen zu Leibe gerückt wird, stehen in „Lynch über Lynch“ und „David Lynch Talking“ seine eigenen Ansichten explizit im Mittelpunkt.

Doch Lynch ist auch ein Multitalent. Obwohl der Maler stark hinter dem Filmemacher zurücktritt, hat der Kunsthistoriker Werner Spies in „Dark Splendor“ auch dieser Facette in Lynchs Werk ein ganzes Buch gewidmet. Um das Spektrum abzurunden, darf man auch an Lynchs bizarres Büchlein „Catching the Big Fish“ erinnern, in dem er ausführlich und dezidiert subjektiv von seiner Beziehung zur Transzendentalen Meditation erzählt.

Das Frappierende bei allem dem aber ist, dass Lynch und sein Werk trotz aller (Selbst-)Darstellungen etwas Geheimnisvolles umgibt. Man glaubt, einem Mann gegenüber zu stehen, der ähnlich mysteriös und düster sein muss wie seine Filme. Ein Gefühl, das bei anderen Filmemachern kaum aufkommt.

Wie der Dokumentarfilm „David Lynch: The Art Life“ (2016) von Jon Nguyen bietet das Buch „Traumwelten“ nun abermals Gelegenheit, David Lynch besser kennenzulernen. Glaubt man den zahlreichen Zitaten von Wegbegleitern, die in dem voluminösen Band zu finden sind, ist Lynch alles andere als eine sinistre Persönlichkeit. Mel Brooks soll ihn den „Jimmy Stewart vom Mars“ genannt haben. Lynch selbst hat Stewarts Leistung in Hitchcocks „Vertigo“ sehr bewundert: seinen jungenhaften Charme, seine unschuldige Naivität, die oft an Lynchs filmisches Alter Ego Kyle MacLachlan erinnert. Brooks Anspielung hat also durchaus ihren Reiz, besonders wenn man den lapidaren Humor in Lynchs eigenen Aussagen in Büchern oder Nguyens Dokumentarfilm auf sich wirken lässt. Aber er steckt auch in seinen Filmen.

Der spezielle Reiz von „Traumwelten“ besteht darin, dass das Buch von zwei Autoren geschrieben ist. Die Filmjournalistin Kristine McKenna, die seit 1979 mit Lynch bekannt ist, übernimmt den eher traditionellen Part. Sie berichtet durchaus mit Begeisterung statt mit Distanz über Lynchs Leben und bringt dabei unzählige Aussagen langjähriger wie flüchtiger Wegbegleiter von Lynch unter. Nicht bei

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