Jean-Luc Godards „Le Livre d’image“

Reflexionen über das neueste Film-Kunstwerk des 88-jährigen Regisseurs

Diskussion

Neue Filme von Jean-Luc Godard sind kaum noch im Kino zu sehen, die seltenen Vorführungen deshalb umso begehrter. Nach der Premiere seines jüngsten Werks „Livre d’image“ in Cannes lief das Werk bei der „Französischen Filmwoche“ in Berlin. Eine Reflexion über die Arbeit eines Regisseurs, der auch mit 88 Jahren noch grenzensprengendes Kino macht.


Jean-Luc Godard ist ein Phänomen. Erstaunlich, wie er mit seinen Filmen vor allem die Kritiker immer wieder von neuem in Aufregung versetzt, sie aus der Reserve lockt und anregt, voller Begeisterung für oder gegen ihn zu sein. Dieses Prinzip hat er seit seinem Debüt Außer Atem, einem Schlüsselwerk der Nouvelle Vague, im Jahre 1959 unbarmherzig kultiviert, in 60 Jahren immer mehr gesteigert und nun zu einem unvorstellbaren Höhepunkt geführt, einem Buch des Bildes.

„Le livre d’image“, der jüngste Film des inzwischen 88-jährigen Meisters der Siebten Kunst, wurde im Wettbewerb des diesjährigen Filmfestivals von Cannes jenem Publikum gezeigt, das am sehnsüchtigsten auf neue Herausforderungen des unerbittlichen Cinéasten vom Genfer See wartet: die internationale Filmkritik. Das normale Publikum ist längst nahezu abgeschnitten von den Vertriebswegen der Godard-Filme – kein Verleiher, keine Kinos, nur hier und da eine Projektion, in München, in Hamburg, und jetzt Ende November in Berlin, wo sich dann der Geheimbund der Godardisten trifft und über das Phänomen von Bildern und Tönen und ihre Interdependenz sinniert.


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Etwas aber ist schon vorher da. Die publizierten Bemerkungen der Privilegierten aus Cannes, die „Le livre d’image“ schon früher sehen durften. Sie waren auch zu erleben bei der Pressekonferenz des Filmfestivals, wo Godard anwesend war auf dem kleinen Bildschirm eines zugeschalteten Smartphones, um mit klugem Kopf und gebrochener Stimme den JournalistInnen aus Japan, Kanada, Spanien, Portugal, Deutschland, Russland, Italien, Brasilien, den USA und Frankreich, die hochachtungsvoll Fragen stellten, freundlich und mit lächelnder Nachsicht zu antworten.

„Le livre d’image“
„Le livre d’image“

In den internationalen Blättern herrschte später die pure Verzweiflung. „Er will es einem ums Verrecken nicht leicht machen mit dieser Reflexion über das Bild und die Lage der conditio humana... Ihm mit einer analytischen Brille trotzen zu wollen, ist aussichtslos... Ein veritabler Seh-und Hörsturm... flirrend, irritierend, wild delirierend, politisch ins Kraut schießend... Stimmen und Geräusche wie Flipperkugeln durch den Kinosaal jagend“,das war das Vokabular, mit dem „Le livre d’image“ beschrieben wurde. Dieser Mann macht in der Tat ein Kino, das alle Grenzen sprengt.


„Passt auf und macht euch Gedanken!“

Das erste Bild in „Le livre d’image“ zeigt einen erhobenen Zeigefinger. Achtung! könnte das heißen, passt auf, was jetzt kommt, und macht euch Gedanken. Die letzten Bilder zeigen ekstatisch tanzende Paare in einem Pariser Salon. Ein Herr im Zylinder bricht auf der Tanzfläche zusammen. Filmkenner freuen sich, wenn sie erkennen, dass es sich um eine Szene aus Max Ophüls’ Episodenfilm „Pläsir“ handelt. Doch darum geht es nicht.

Es geht nicht um die Geschichte des Kinos, obwohl Godard die meisten seiner Bilder aus der Filmgeschichte holt, ohne sie zu benennen. Filmausschnitte, assoziativ montiert mit Youtube-Clips, Online-Videos, Mobiltelefonaufnahmen, können Gedanken freisetzen, wenn man bereit ist, sich treiben zu lassen in dieser Bildercollage mit Fragmenten aus Literatur, Kunst und Film. Jean Vigo, Nicholas Ray, Max Ophüls, Charlie Chaplin, Buster Keaton, Dziga Vertov, Victor Hugo, Bertolt Brecht, Arthur Rimbaud, Johann Wolfgang von Goethe, Honoré de Balzac...

Godards Film kann man als Palimpsest begreifen. Wie das alte Pergamentschriftstück, von dem in der Antike der ursprüngliche Text abgeschabt wurde, um danach neu beschriftet zu werden, holt sein Film immerwährende Schichten von Ideen, Bildern, Gefühlen, die nicht gelöscht sind, aus dem Gedächtnis und stellt eine unendliche Kette von vielen Bedeutungen her. Es geht um alles in diesem Film: um die Umwelt und ihre fortschreitende Zerstörung, um Unrecht, Krieg, um Liebe und Freiheit, um unsere einseitige Sicht auf den Orient. Ironisch illustriert er Albert Cosserys Parabel vom machthungrigen Scheich Ben Kladen im Köngreich Dofa, dem einzigen Golfstaat, der kein Öl produziert. Für alles gibt es Bilder, die Godard mit zitternder Stimme kommentiert. Doch können Bilder die Welt zeigen? Welche Wahrheiten beinhalten sie? Skepsis ist angebracht.

„Le livre d’image“
„Le livre d’image“

Der Ton spielt eine ganz besondere Rolle in „Le livre d’image“. Godard will ihn nicht als bloßen Begleiter des Bildes hören, er gibt ihm einen eigenen Stellenwert. Der Mehrkanalton schießt stereophonische Effekte in den Raum, die sich vom Bild befreit haben. Nur Kinos mit einer Dolby 7.1 Anlage können das leisten.

„Die perfekte Projektion für mich wäre“, bemerkte Godard bei seinem Pressetelefonat in Cannes, „man sieht in einem Café den stummen Film, der Ton kommt von Lautsprechern links und rechts im Raum, und der Gast nimmt plötzlich wahr, dass beides zusammengehört.“

Trotz seines erhobenen Zeigefingers hat „Le livre d’image“ auch etwas Spielerisches. Mit sichtlichem Vergnügen montiert Godard zum Beispiel Szenen aus der Filmgeschichte, die mit Zügen zu tun haben, um am Ende dann doch wieder zu dem Zug zu kommen, der nach Auschwitz führt. Der Schrecken und das Vergnügen. Kein Happy End.


Fotos: Festival de Cannes

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