Filmklassiker: Der Leopard

Luchinos Viscontis fulminanter Klassiker "Der Leopard" (1963) in einer vorzüglich restaurierten und in der ursprünglichen Form wiederhergestellten Fassung

Diskussion

Luchino Viscontis fulminante Adaption vonGiuseppe Tomasi di Lampedusas gleichnamigem Roman über einen sizilianischen Adligen zur Zeit der italienischen Befreiungskriege um 1860 ist ein Meilenstein des Historienfilms und ein Höhepunkt in Viscontis Filmschafen. Der lange Zeit nur in vielfach verstümmelten Fassungen greifbare Film liegt nun in einer vorzüglich restaurierten und wiederhergestellten ursprünglichen Form als DVD und Blu-ray vor – in bisher nie gesehener visueller 4K-Brillanz.


„Ich bin an Allerseelen, dem Fest der Toten, zur Welt gekommen“, äußerte sich Luchino Visconti (1906-1976) einmal selbstironisch über seine durchweg große Begeisterung für den Tod, die in allen seinen Filmen, aber auch in den Oper- und Theaterinszenierungen spürbar ist. Und die er nicht selten mit einer visuell überbordenden Grandezza paarte, die in der Kinogeschichte des 20. Jahrhunderts ihresgleichen sucht und den 1906 in Mailand geborenen Spross aus einem der ältesten italienischen Geschlechter weltbekannt machte. Schöner und in mehr Schönheit wurde im Kino seltener gestorben als bei Visconti.


Mit seiner Art des filmischen Erzählens gelangen dem ehemaligen Pferdezüchter und Lebemann nach seinen neorealistischen Anfängen mit „Ossessione“ (1942), „Die Erde bebt“ (1948) oder „Rocco und seine Brüder“ (1960) gerade mit seinen tableauartig inszenierten, nicht selten episch ausufernd erzählten Historien- und Sittengemälden wie etwa „Senso“ (1953/1954), „Die Verdammten“ (1968) oder „Ludwig II.“ (1972) einige der größten Filmkunstwerke überhaupt.


Ein 70mm-Juwel von unvergleichlicher Strahlkraft

Innerhalb dieses künstlerischen Kosmos nimmt Viscontis Opus magnum „Der Leopard“ aus dem Jahr 1963 eine Sonderrolle ein, da sich in diesem beinahe 200 Minuten dauernden Gesellschaftspanorama alle Ingredienzien von Viscontis Kino zu enormer Strahlkraft verdichten. Vor einer von Guiseppe Rotunno auf 70mm und in leuchtendem Technicolor gedrehten Sizilien-Kulisse, die mit detailversessener Ausstattung und sündhaft teurem Dekor glänzt, agieren einige der größten Schauspielstars ihrer Zeit (Burt Lancaster, Alain Delon und Claudia Cardinale) in einem vielschichtigen Historiengemälde, das zur Zeit des italienischen Einigungskrieges („Risorgimento“) um 1860 spielt und in dem neben dem Schicksal des Fürsten von Salina – dem titelgebenden „Leoparden“ –der Kampf des progressiv Neuen gegen das reaktionär Überkommene eine herausragende Rolle spielt.


„Kino bedeutet Geschichten erzählen. Es heißt nicht: Flüchtige Eindrücke zu vermitteln, sondern das Publikum in eine Geschichte zu involvieren und bis zum Ende dieser Geschichte mitzureißen“. So simpel wie präzise hat sich Visconti 1971 gegenüber Michel Ciment und Jean-Paul Török geäußert, wenn es um sein filmisches Credo als Regisseur ging. Dafür scheute er keine Kosten und Mühen: 20 Millionen US-Dollar hat die italienisch-französische Co-Produktion gekostet, was man von der ersten Einstellung an sieht.

Im Bestreben, auch in Maske und Kostüm höchste historische Präzision zu erreichen, ließ Visconti Claudia Cardinale für ihre Rolle als neureiche Bürgerliche Angelica Sedara beispielsweise in ein Originalkorsett aus dem 19. Jahrhundert einnähen, das den Taillenumfang der Schauspielerin von 68 auf 54 Zentimeter reduzierte, bis Cardinales Hüften schon nach den ersten Drehtagen blutig aufgescheuert waren; allein „der Authentizität wegen“.

In Kombination mit ebenso poetischen wie lyrischen Passagen aus dem weitgehend originalgetreu adaptierten Bestsellerroman, die als Dialogzeilen auch abseits des Films große Berühmtheit erfuhren („Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann muss sich alles ändern“) sowie Viscontis grandios ästhetischem Gestaltungswillen entstand ein wegweisender Historien- und Kostümfilm, der zusammen mit Stanley Kubricks „Barry Lyndon“ als Maß aller Dinge gilt.


Blühende Schönheit & resignative Todestrunkenheit

Insbesondere in der exorbitanten, über 40-minütigen Ballszene am Ende des Epos schwingt sich Viscontis kongeniale Allianz zwischen blühender Schönheit und resignativer Todestrunkenheit in höchste cineastische Höhen auf. Nie in der Geschichte des Kinos haben Vitalität und Morbidität enger einen derart langen Walzer getanzt. Was der junge Tancredi (Alain Delon) über den zunehmend ergrauten Don Fabrizio sagt, „Er hofiert den Tod, als sei er eine schöne Frau“, gilt auch für den Film und dessen genialischen Schöpfer: Der Tod lebt und ist in Viscontis Werken höchst vital. In der fulminanten Szene, in der Claudia Cardinale in die Gesellschaft eingeführt wird, reflektiert Visconti, der sich fast sein ganzes Leben lang zum Marxismus bekannte, mit großem analytischen Impetus die Funktion seiner eigenen, damals ebenfalls schon überkommenen Klasse, ihre verbliebenen Aufgaben und den nahenden Untergang innerhalb der europäischen Kulturgeschichte seit 1860.


Auf der Bildebene zelebrierte Visconti Stammkameramann Guiseppe Rotunno einen bis dahin nie gesehenen Totentanz voller Abschiedsmetaphern (von Spiegelbildern über einzelne Gemälde bis hin zu unzähligen Flügeltüren und Nachttöpfen), die lange nachwirken.


„Ich gehöre einer abtretenden Klasse an“

„Ich gehöre einer abtretenden Klasse an, bin frei von Illusionen und besitze nicht die Fähigkeit zur Selbsttäuschung“, sagt Don Fabrizio an anderer Stelle, den Burt Lancaster in der Rolle seines Lebens mit einer Mixtur aus Stolz, Klugheit und Weltabgewandtheit verkörpert:„Es ist zu spät. Die Sizilianer, seit 2500 Jahren Kolonie, wollen Schlaf, Tod, Unbeweglichkeit. Wir waren Adler, Leoparden, an unsere Stelle treten Lämmer und Geier.“ Als Adelsvertreter des „langen 19. Jahrhunderts“ (Eric Hobsbawm) gibt es für ihn nach der Niederlage der Royalisten keine Zukunftsperspektive mehr: sein Schicksal ist besiegelt.


In markanter Weise manifestiert sich in diesen kaum enden wollenden Reigen aus Lebensbejahung und Untergangsszenario noch einmal der gesamte Visconti’sche Filmkosmos en miniature. Es geht hier um Kunst und deren Zerstörung, aber auch um den Niedergang europäischer Ideale und Ideen, um das letzte Aufbäumen von seltsam aus der Zeit gefallenen Menschen und ihren rückwärtsgewandten Mentalitäten sowie um den gesellschaftspolitischen Krieg zwischen den zukunftsträchtigen Kräften und den zu Ende gehenden Kulturen.


Nach der Premiere wurde der Film vielfach verstümmelt

Nach der Premiere in Cannes, wo „Der Leopard“ 1963 mit der „Goldenen Palme“ prämiert wurde, erfuhr dieser Ausnahmefilm in den Jahrzehnten danach allerdings eine filmgeschichtliche Verstümmelung nach der anderen. Über lange Zeit existierte „Der Leopard“ nur in vielen unterschiedlichen Verleihversionen, wobei Visconti die stark gekürzte US-amerikanische Kinofassung persönlich nie autorisierte.

Umso schöner und umfassender im Wortsinn ist es, dass dieser filmhistorische Meilenstein vorzüglich restauriert und in der ursprünglichen Version auf DVD und Blu-ray jetzt wieder erschienen ist – und dazu in bisher nie gesehener visueller 4K-Brillanz. Nach diesem Epos, das David Leans „Lawrence von Arabien“ oder „Doktor Schiwago“ im Rückblick alt aussehen lässt, war in der Kinogeschichte nichts mehr wie zuvor.



Der Leopard. Italien/Frankreich 1963. Regie: Luchino Visconti. Mit Burt Lancaster, Claudia Cardinale, Alain Delon, Rina Morelli, Paolo Stoppa. Länge: 178 Min. (DVD), 186 Min. (BD). Anbieter: Koch Media


Fotos: Koch Media

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