Im Interview: Benedikt Erlingsson

Montag, 10.12.2018

Zum Kinostart von „Gegen den Strom“

Diskussion

Der isländische Filmemacher Benedikt Erlingsson machte 2013 mit seinem Regiedebüt „Von Menschen und Pferden“ von sich reden; sein aktueller Film „Gegen den Strom“ wurde jüngst mit dem „LUX“ Filmpreis des Europäischen Parlaments ausgezeichnet. Am 13. Dezember startet die Tragikomödie um eine widerständige Heldin, die gegen die Zerstörung der isländischen Natur zu Felde zieht. Ein Gespräch über Widerstand und starke Frauen, die Bedrohung der Welt und die Kunst, darüber nicht den Humor nicht zu verlieren.


Können Sie etwas über die isländische Filmszene erzählen? Wie lebendig ist sie, auch im Vergleich zur Größe des Landes?

Benedikt Erlingsson: In Island werden fünf bis sieben Spielfilme im Jahr gedreht; die zumeist davon werden von der isländischen Filmförderung unterstützt. Es entstehen auch Dokumentar- und Kurzfilme. Die Filmförderung ist allerdings unterfinanziert, es herrscht eine harte Konkurrenz unter den Filmemachern. Es gibt in Island viele gute audiovisuelle Geschichtenerzähler in meiner Generation. Ich habe deshalb die Hoffnung, dass die Regierung auf diese Tatsache reagieren wird. Davon abgesehen hängen wir auch von unseren europäischen Partnern ab. Alle Filme in Island entstehen in Co-Produktion mit nordeuropäischen Ländern, sonst würde das nicht funktionieren. Unter den Filmemachern gibt es aber eine große Hilfsbereitschaft; wir unterstützen uns gegenseitig. Man muss nur in die Credits meines neuen Films schauen. Dort finden sich die Namen einiger isländischer Filmemacher.

Gegen den Strom“ ist also eine internationale Co-Produktion?

Erlingsson: Ja. Dieser Film entstand zusammen mit Frankreich, der Ukraine und Island. Aus all diesen Ländern flossen Filmförder- und Fernsehgelder. Es gab aber auch private Investoren und sogar mitwirkende Künstler, die ihre Gehälter in den Film steckten. Obwohl es ein Low-Budget-Film ist, war er sehr schwer zu finanzieren, vor allem im Vergleich mit großen europäischen und US-amerikanischen Filmen.

Sie sind auch Produzent des Films…

Erlingsson: Ja, zusammen mit Marianne Slot. Wir sind Partner bei diesem Film. Sie ist Dänin, arbeitet aber hauptsächlich in Frankreich; ihre Firma heißt Slot Machine. Sie ist die Schlüsselfigur bei dieser Produktion.

Liebe zur isländischen Landschaft: In "Gegen den Strom" kämpft eine Heldin gegen die Zerstörung der Natur im Namen des Profits
Liebe zur isländischen Landschaft: In "Gegen den Strom" kämpft eine Heldin gegen die Zerstörung der Natur im Namen des Profits

Sie haben auch am Drehbuch mitgeschrieben. Wie kam es zur Idee für „Gegen den Strom?

Erlingsson: Die Idee geht auf das aktuelle Weltgeschehen zurück, auf den Klimawandel. Wenn man schon einen Actionfilm dreht, muss man auch die Welt retten. (lacht) Auch wenn wir skeptisch sind. Das Problem ist ja, dass die Welt in dieser Zeit gerettet werden muss. Warum also nicht einen Film darüber machen und ihn gleichzeitig mit ganz viel Musik anreichern?

Gibt es auch einen realen Hintergrund?

Erlingsson: Ja; seit den 1970er-Jahren hat die Industrialisierung in Island enorm zugenommen. Es existieren immer mehr internationale Firmen, die von der Aluminium-Produktion profitieren wollen und dabei gleichzeitig Steuern vermeiden. Um den dafür nötigen Strom zu erzeugen, werden Staudämme gebaut, die die Natur verändern. Ein großes Paradoxon, ein großes Dilemma. Das ist seit Jahren eines der Themen der isländischen Politik.

Gibt es zwischen Ihrem ersten Film „Von Menschen und Pferden“ und „Gegen den Strom“ eine Verbindung? In beiden geht es ja darum, die Natur zu zähmen.

Erlingsson: Es ist keine bewusste Verbindung. Wenn es eine gibt, dann ist sie erst im Nachhinein entstanden. Erst nachdem ich den Film beendet hatte, habe ich darüber nachgedacht. Es geht in beiden Filmen um den Missbrauch der Natur. In „Von Menschen und Pferden“ (2013) steht die Beziehung zwischen Mensch und Tier im Vordergrund, in „Gegen den Strom“ die Landschaft. Alles, was nicht dazu gehört, passt nicht in diesen Vergleich. Das Verbindungsglied ist Juan Camillo, der den Fahrrad-Touristen spielt, quasi als Gast aus „Von Menschen und Pferden“. Vielleicht spielt er ja auch in meinem dritten Film mit…

Auf Englisch heißt der Film „Woman at War“, ein sehr starker Titel. Bei mir ist deswegen der Eindruck entstanden, dass Sie nicht nur diese eine Frau im Film meinen, sondern die Gleichberechtigung der Frauen.

Erlingsson: Der Titel soll in erster Linie den Konflikt verdeutlichen. Es geht auch um Action. Es ist in der Tat so, dass es machtvolle Frauen in bedeutenden Positionen gibt, überall auf der Welt. Manchmal erleiden sie Niederlagen, manchmal haben sie Erfolg. Der Kampf der Frauen ist ein leiser Kampf. Sie haben nicht so viel Feuerwerk um sich herum. Sie sind die unsichtbaren Helden der Gesellschaft. Ich weiß nicht, ob das immer so war. Wenn ich zurückblicke, hat es in der isländischen Gesellschaft immer sehr starke Frauen gegeben, die viel erreicht haben. Man kann in diesem Zusammenhang auch über Göttinnen sprechen, über Artemis, die mit Pfeil und Bogen die Tiere beschützte, aber auch über Astrid Lindgren, die „Pippi Langstrumpf“ schrieb. Das schwingt unterschwellig mit. Rosa Luxemburg fällt mir noch ein, aber viele Frauen wirken auch im Verborgenen.

Mir gefällt auch der deutsche Titel „Gegen den Strom“ sehr, wegen der Doppelbedeutung: anders sein und gegen eine falsch produzierte Energie agieren…

Erlingsson: Den Titel hätte ich auch im Isländischen benutzen können, weil er da sehr ähnlich klingt.


Mythische Anklänge: Die Heldin als archaische Kriegerin
Mythische Anklänge: Die Heldin als archaische Kriegerin

Wie würden Sie Halla beschreiben? Für mich hat sie etwas sehr Dickköpfiges und Zielstrebiges, sie ist aber auch sehr einsam…

Erlingsson: Ja, sie ist eine Frau, die ich genau zu kennen meine. Mein ganzes Leben lang war ich von solchen starken Frauen umgeben. Meine Mutter war beispielsweise die Direktorin eines Theaters, meine Großmutter die erste Yoga-Lehrerin in Island. Sie waren „Königinnen“. Für mich hat dieses Thema darum etwas Selbstverständliches.

Wie haben Sie die Hauptdarstellerin Halldora Geirhardsdottir gefunden?

Erlingsson: Das war ein langwieriger und schwieriger Prozess. Am Anfang stand ja die Idee der Zwillinge. Während des Schreibprozesses am Drehbuch wurde uns klar, dass Halldora alles hatte, um beide Rollen zu meistern. Halldora ist übrigens eine Freundin aus Kindertagen, darüber hinaus auch eine gute Kollegin. Uns verbindet eine lange professionelle Geschichte. Irgendwann war es einfach offensichtlich: Halldora ist diese Königin, diese Göttin, die ich brauchte. Sie hatte alles für diese Rolle. Sie ist auch eine berühmte Größe am isländischen Theater, mit einer sehr schillernden Karriere. Sie ist eine Komödiantin, aber auch eine gefragte Schauspielerin für ernsthafte Rollen. Weil wir uns schon so lange kennen, vertrauen wir uns auch sehr. Es war eine sehr fordernde Rolle, und dafür brauchte ich eine starke Frau, eine Heldin.

Sie sprachen bereits von einer „Göttin“. Halla hat auch diese mythische Ausstrahlung, weil sie mit Pfeil und Bogen kämpft.

Erlingsson: Ja, aber sie ist nicht gewalttätig. Das gehört mit zum Konzept. Sie sabotiert, aber sie gefährdet keine Leben. Sie ist von Nelson Mandela und Mahatma Gandhi auch inspiriert. Die Porträts von beiden hängen über dem Klavier in Hallas Wohnzimmer. Sie macht ein ökologisches Statement, ohne die Leute zu verletzen. Sie ist eine Radikale, sie überschreitet Grenzen. Genauso muss sie es machen.

Wie schwierig war es, jene Szene zu inszenieren, bei der sie mit Pfeil und Bogen die Drohne abschießt?

Erlingsson: Das war eine vertrackte Angelegenheit. Da ist zum einen das Wetter. Davon abgesehen sind Drohnen nützliche Instrumente. Ich mag sie sehr. Man kann Filme mit ihnen drehen. Der Sound klingt wie das Summen einer Biene. Sie werden immer öfter eingesetzt. Halla ist hier eine Jägerin, die eine Drohne abschießt. Dies ist der erste Drohnen-Fänger-Film (lacht). Natürlich ist da noch die Referenz zu „2001: Odyssee im Weltraum“. Das ist für mich eine Metapher für die Menschen. In „2001“ wirft ein Affe einen Knochen in den Himmel, der sich durch den Schnitt in ein Raumschiff verwandelt. Die Geschichte der Menschheit wird hier in einem Augenblick erzählt. Dieses Raumschiff, der technologische Fortschritt, die moderne Zeit – all das ist jetzt zum Problem geworden. Es führt uns in die Steinzeit zurück. Das ist, was Halla tut: Sie reißt metaphorisch das Raumschiff herunter und tötet es mit einem Stein – wie jener Affe aus „2001“. Das wird natürlich nicht jeder Zuschauer so herauslesen. Es ist ein Angebot. Und ein Spaß für mich, um mit Bildern zu spielen.

Ihr Film berührt mehrere Genres. Er ist ein Drama, ein Thriller, ein Actionfilm, eine Komödie. Lieben Sie es, die Grenzen des Genres auszuloten?

Erlingsson: Ich bin, was Genres anbelangt, gar nicht so gebildet. Vielleicht mache ich es gerade deswegen (lacht). Ich respektiere Genres nicht und denke nicht über sie nach. Ich habe mein eigenes Genre. Das ist der Geschichtenerzähler, der mich ausmacht. Ich respektiere jede Form von Geschichtenerzählen. Man kann gemocht werden und lustig sein und trotzdem auch ernst und weise. Die meisten weisen Menschen, die ich kenne, haben auch einen großen Sinn für Humor. Das ist ein Paradox, das mir beim Erzählen sehr gefällt. Es öffnet Herzen. Ins Genre passe ich nicht so richtig hinein. Ich nenne den Film einen „Action-Arthouse-Thriller mit viel Musik“; andere sagen, dass es auch eine Komödie ist. Das gefällt mir. Das einzige Genre, dass ich akzeptiere, folgt dieser alten Definition: Tragikomödie. Das Wichtigste ist auch immer das Ende. Wenn in der Antike das Ende glücklich war, war es eine Komödie. Wenn das Ende unglücklich war, war es eine Tragödie. Es gab keine andere Unterscheidung. „Romeo und Julia“ ist eine Tragödie, weil beide am Ende sterben. Und trotzdem ist sie voller Witz und Humor. Es ist eine romantische Komödie – bis sie sterben. Das ist eine sehr freie Form. Wir sollten uns mehr befreien von Grenzen und Einordnungen. Das sind Schubladen, die für den Verleih nützlich sind. Vom kreativen Standpunkt aus müssen wir sie aber aufbrechen.


Kommentierendes Element: Der Chor
Kommentierendes Element: Der Chor

Sie erwähnten die Musik. In einigen Szenen stehen drei Musiker mitten in der Landschaft und machen Musik; es gibt auch einen bulgarischen Chor. Fungieren sie als griechischer Chor?

Erlingsson: Ja, ein griechischer Chor. Da ist aber noch etwas anderes. Vielleicht bin ich dieser dreiköpfigen Band auch zuerst in einem Traum begegnet. Es geht darum, woher unsere Kreativität stammt. Wenn wir über Künstler oder Kreative sprechen, ist das zunächst eine romantische Idee. Die Kreativität kommt aus dem Menschen selbst. Früher glaubte man, dass man mit seinen inneren Dämonen kämpfen müsse oder von Schutzengeln beeinflusst sei. Platon sagte, dass er einen guten Dämon habe, der ihm ins Ohr flüstere. Das ist sehr frei. Die Musiker sind ein bisschen inspiriert von dieser Idee. Die Musiker und Sängerinnen fungieren wie ein Chor und verdeutlichen den inneren Konflikt der Hauptfigur. Überdies sind sie auch eine „Verfremdung“ (Erlingsson sagt das Wort auf Deutsch): Mein Vater war ein Brechtianer. Er glaubte an das Theater, als sei es eine Kirche. Davon bin ich sehr beeinflusst.

Manchmal haben diese Szenen auch eine surreale Qualität, wenn der Pianist im Raum neben Halla sitzt, unsichtbar für sie.

Erlingsson: Er ist ein Dämon, der sie verfolgt. Wir glauben in Island ans Übernatürliche; so sagen wir zum Beispiel, dass jemand einen Begleiter hat. Das ist sehr verbreitet. Es ist keine Elfe. Wenn etwas in diesem Raum kaputtginge, könnte ich sagen, dass mein Begleiter auch anwesend ist. Da ist ein Geist um einen herum, der Chaos anrichtet.

Es gibt noch eine kleine irritierende Szene, in der Halla in der Zeitung als Anders Behring Breivik, der norwegische Attentäter, verunglimpft wird. Ist das ein Kommentar auf die Medien?

Erlingsson: Genau – das ist der Dreh. Der Staat und das Establishment besitzen alle Mittel, einen Menschen als Feind und Terroristen zu verunglimpfen und alles gegen ihn zu wenden. Dies ist ein Kampf um die Wahrheit, und er dauert noch immer an. Nehmen Sie diesen Verrückten im Weißen Haus, der über Fake News faselt. Noam Chomskys größte Kritik an den gebildeten Schichten in Amerika ist folgende: Wieso glaubt jeder an diese Idee, dass Amerika der Ursprung für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte ist, wenn doch jeden Tag das Gegenteil bewiesen wird? Es ist schon erstaunlich, wie die US-amerikanischen Medien die Öffentlichkeit von dieser heiligen Sache überzeugt haben. Das zieht sich durch die ganze Geschichte. Es ist ein Kampf darum, wer was erzählt. Ich habe das schon sehr früh gelernt. Als junger Mann war ich ein Aktivist. Wir haben gestreikt, Häuser besetzt. Dabei lernte ich diese wichtige Lektion: Es kommt nicht darauf an, was wirklich passiert war. Es kommt darauf an, was in den Nachrichten verlesen wird, auf das Szenario, das Theater, die Narration. Unsere Politiker sind Spezialisten in diesen Dingen, aber nicht nur sie, sondern auch all jene, die ein spezielles Interesse daran haben. Es gibt viele Professionelle, die eine Narration kreieren.

Ich würde gern noch einmal auf dieses Bild der starken, unabhängigen Frau zurückkommen. Halla adoptiert sogar ein Kind. Für mich entstand daraus der Eindruck, dass sie nicht einmal einen Mann braucht.

Erlingsson: Ja. Männer werden manchmal überschätzt (lacht). Ich kenne Frauen wie diese. Sie sitzen sogar im Elternrat der Schule meiner Kinder. Das ist in Nordeuropa nicht mehr so ungewöhnlich. Mir gefiel aber auch die Idee, einen Film über eine Frau zu machen, ohne dass es eine Liebesgeschichte gibt. Keine Männer, kein Sex, nicht einmal der Traum davon. Immer gibt es diese Liebesbeziehungen im Kino. Im wirklichen Leben dreht sich aber nicht alles um die Liebe, auch wenn sie unterschwellig mitschwingt. Das ist ein billiges, abgenutztes Versatzstück, das muss im Film nicht immer sein. Der Bauer im Film sehnt sich natürlich nach einer Verbindung. Aber er ist eher in Hallas Schwester verliebt. Zu ihrem Freund Baldvin hat Halla eine enge Beziehung, doch sie ist nicht sexuell konnotiert, jedenfalls nicht von ihrer Seite.

Wir sprachen bereits über den südamerikanischen Touristen, der mehrmals verhaftet wird – nur, weil er anders ist. Ist das ein Kommentar über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit?

Erlingsson: Ja, genau. Er ist der Fremde, und es ist immer leicht, den Fremden zu beschuldigen. Das zieht sich durch die ganz Menschheitsgeschichte. Amerika wird auch die neue Welt genannt. Dort ist jeder ein Fremder. Darum sollten sie eigentlich nichts gegen Fremde haben. Wer ist kein Fremder in Amerika? Sogar die Eingeborenen, die Indianer, sind zu Fremden geworden. Das zeigt uns, wie eigenartig diese Idee des Fremden überhaupt ist.

Ich mochte die Szene sehr, in der Halla sich im Körper eines toten Schafes versteckt. Ein direkter Hinweis auf Ihren ersten Film „Von Menschen und Pferden“, wo sich jemand im Bauch eines toten Pferdes versteckt.

Erlingsson: Das ist ein alter Trick, der schon lange benutzt wird. Das geht auf die Odyssee von Homer zurück, in der Odysseus sich unter den Schafen vor dem Zyklopen versteckt.


Halldóra Geirharðsdóttir als Halla
Halldóra Geirharðsdóttir als Halla

Fotos: © Pandora


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