Deutscher Menschenrechts-Filmpreis 2018

Dienstag, 11.12.2018

Mit einer feierlichen Gala wurde in Nürnberg zum 11. Mal der „Deutsche Menschenrechts-Filmpreis“ verliehen

Diskussion

In Erinnerung an die Verabschiedung der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vor 70 Jahren wurde in Nürnberg zum 11. Mal der „Deutsche Menschenrechts-Filmpreis“ verliehen. Die Preisgala fand im gebotenen Ernst statt, kündete aber genau wie die prämierten Filme davon, dass hehre Absichten und gewichtige Themen durchaus unterhaltsam vermittelt werden können.


Am Ende der 11. Verleihung des „Deutschen Menschenrechts-Filmpreises“ in Nürnberg hieß es nicht nur auf der Bühne „The Times They Are a-Changin’“. Jene legendären Zeilen, die Bob Dylan kurz vor der Ermordung John F. Kennedys dichtete und Wolfgang Niedecken an diesem Abend ebenso innig wie lustvoll sang, gelten auch für die Zukunft dieses einmaligen Filmpreises, der inzwischen von 21 unterschiedlichen Trägern aus der Menschenrechts-, Bildungs-, Kultur- und Medienarbeit sowie den Kirchen getragen und seit 1998 im Zweijahresturnus verliehen wird. Zwölf Jahre lang hat Marko Junghänel als Gesamtkoordinator und engagierter Pressereferent die Organisation des „Deutschen Menschenrechts-Filmpreises“ verantwortet; künftig wird er sich „neuen Aufgaben“ widmen, wie er am Ende der unprätentiösen Preisgala erklärte. Es war der Schlussakkord einer Verleihung, die eine gelungene Mischung aus Ernsthaftigkeit und Entertainment bot, den Blick nach vorne richtete und den Mut der Filmemacherinnen und Filmemacher hochleben ließ.

Deren Arbeiten, die in sechs Kategorien (Langfilm, Kurzfilm, Magazinbeitrag, Hochschule, Amateure, Bildung) prämiert wurden, machten klar, dass sich zivilgesellschaftliches Engagement, aufklärerischer Impetus, hartnäckige Recherche und hehre Filmkunst keineswegs ausschließen. Vielmehr untermauern die sechs Gewinner mit ihren Werken, dass es sich in einer zunehmend komplexeren Welt erst recht lohnt, das von Schirmherr Joachim Gauck beschworene „hohe Gut der Menschenrechte und den darin enthaltenen Universalismus“ künstlerisch-kreativ zu verteidigen.


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Speziell in „Styx“, dem Siegerfilm in der Kategorie Langfilm, lässt sich das fast schon aus der Mode gekommene „Kino der moralischen Unruhe“ (Krzysztof Kieślowski) besonders eindringlich erfahren. Denn das Hochseedrama von Wolfgang Fischer um eine Kölner Notärztin, die bei einem Segeltörn im Atlantik unerwartet auf ein in Seenot geratenes Flüchtlingsboot stößt, evoziert beim Zuschauer beständig die Frage: „Was würde ich hier tun?“ Umso mehr als der extrem packende Film eine weitere Zuspitzung enthält, wenn sich die Ärztin über Funk um Hilfe für die verzweifelten Menschen bemüht und die Stimme am anderen Ende plötzlich verstummt.

"Styx" zwingt den Zuschauer in eine Entscheidungssituation
"Styx" zwingt den Zuschauer in eine Entscheidungssituation

Was in „Styx“ erzählt wird, ist die aktuelle Essenz dessen, was ein gesellschaftlich aufrüttelnder Spielfilm, der einem nicht die Möglichkeit des Entrinnens lässt, sein kann – und muss. In ihrer Laudatio nannte Iris Berben als Präsidentin der Deutschen Filmakademie „Styx“ einen Film, „der uns zwingt, Stellung zu beziehen. Manchmal ist die Welt dann doch in ein einfaches „Ja“ oder „Nein“ zu fassen. Ja zur Seenotrettung – oder in Kauf nehmen, dass Menschen ertrinken.“ Verdiente Worte der Anerkennung, in denen auch die Hoffnung mitschwingt, dass die Auszeichnung dem Gewissensdrama hilft, weitere Zuschauer zu finden, etwa in einer Fernsehausstrahlung zur besten Sendezeit.


Die besten Filme aus fast 400 Einreichungen

Aus den insgesamt 382 Produktionen, die zwischen April und August eingereicht worden waren und sich in unterschiedlicher Weise mit Menschenrechten, Bildung und Solidarität auseinandersetzen, sticht ein weiterer Beitrag heraus: „Thinking like a Mountain“ von Alexander Hick (Preisträger in der Kategorie Hochschule).

"Thinking like a Mountain" von Alexander Hick
"Thinking like a Mountain" von Alexander Hick

Für den wunderbar entschleunigten und grandios beobachteten Abschlussfilm hat sich der staatlich geprüfte Bergführer und Skilehrer zusammen mit seinem Bruder und Kameramann Immanuel Hick in die atemberaubende Naturlandschaft des Sierra Nevada de Santa Marta in Kolumbien aufgemacht. Auf dem höchsten Berg fand Hick unter widrigsten Bedingungen Zugang zu einem der letzten weißen Flecken des Planeten: dem traditionellen Lebensraum der Arhuacos, die eingepfercht zwischen Bürgerkrieg und Klimawandel sich nicht an die westlichen Standards anpassen wollen.

Mit großem dokumentarischen Verständnis für die kulturelle Existenzbedrohung der Arhuacos und einer behutsamen Herangehensweise an die starke Naturverbundenheit der Indios gelingt Hick ein gewichtiger Diskursfilm zur postkolonialen Geschichte, aber auch zur schwierigen Lage in Kolumbien, dessen mächtige Bildsprache lange nachwirkt. Zusammen mit den anderen Preisträger-Filmen tourt „Thinking like a Mountain“ in den nächsten Wochen durch Berlin, München, Bonn, Berlin, Stuttgart und Bamberg und wird auch im Rahmen des Festivals „Max Ophüls Preis“ im Januar 2019 zu sehen sein.


Brisante Themen voller Humor und jugendlichem Elan

Heimlicher Sieger des Abends war aber der Gewinnerfilm in der Kategorie Amateure, „Just a normal Girl“. Vanessa Ugiagbe und Yasemin Markstein unterstreichen mit ihrem frech-forschen Film, wie zeitgeistig-jugendlich und dabei ungeschönt brisante Themenbereiche wie Beschneidung und Zwangsheirat in Nigeria filmisch ins Auge gefasst werden können. Mit vielen Rap-Einlagen und großem zwischenmenschlichen Elan gelingt den jungen Filmemacherinnen ein vielschichtiger Kommentar zum brennenden Thema unserer Zeit – zu Flucht und Ankunft in einer neuen Heimat, in diesem Fall Deutschland. „Just a normal Girl“ legt inhaltlich den Finger in die Wunde – und unterhält durch seine warmherzige Machart.

Überhaupt spielte der nicht zwangsläufig einfache Umgang mit Humor und Ironie in gesellschaftspolitisch relevanten Film- und Magazinbeiträgen eine tragende Rolle bei der diesjährigen Preisträger-Auswahl, was sich auch in der spitzzüngigen Moderation von Christoph Süß widerspiegelte; schließlich werden inzwischen nicht nur im Bayerischen Rundfunk (BR) regelmäßig Sendeminuten eingespart und filmästhetisch sperrige und vermeintlich „anstrengende Inhalte“ zunehmend an den Rand des Programms gedrängt.

Genau in dieses Muster passten die Preisträger der Kategorien Magazinbeitrag („Erst integrieren, dann abschieben: Deutschlands absurde Asylpolitik“ von Naima El Moussaoui und Ralph Hötte) und Bildung („Der Tatortreiniger – Sind Sie sicher?“ von Arne Feldhusen und Mizzi Meyer) sowie der Sieger im Bereich Kurzfilm („Joe Boots“ von Florian Baron), der in hochstilisierten Bildern und packenden O-Tönen vom gleichnamigen Protagonisten und seinen seelischen Verwundungen als junger US-Army-Veteran erzählt: „Was, Sie haben nur eine Explosion im Irakkrieg erlebt? Und davon sind Sie schon traumatisiert?“

Preisträger der Kategorie Bildung: "Der Tatortreiniger - Sind sie sicher?"
Preisträger der Kategorie Bildung: "Der Tatortreiniger - Sind sie sicher?"

Alle Geehrten des „Deutschen Menschenrechts-Filmpreises 2018“ machten deutlich, dass es nicht immer nur todernst zugehen muss, um eine humane Botschaft zu transportieren. Oder um es mit den Worten von Charles Chaplin auszudrücken, den Iris Berben in ihrer Laudatio zitierte: „Filmemacher sollten bedenken, dass man ihnen am Tag des Jüngsten Gerichts all ihre Filme wieder vorspielen wird.“ Worüber sich die Preisträger keine Sorgen machen müssen. Ihre Beiträge versprühen allesamt menschenrechtliche Relevanz, Mut zum Hinsehen wie zum formal-ästhetischen Experiment – und eben auch Humor. Das ist nicht die schlechteste künstlerisch-kreative Waffe in politisch weitgehend humorlosen Zeiten.


Die Preisträger des 11. Menschenrechts-Filmpreises 2018:

Kategorie Profi/Langfilm: „Styx“ von Wolfgang Fischer

Kategorie Profi/Kurzfilm: „Joe Boots“ von Florian Baron

Kategorie Magazinbeitrag: „Erst integrieren, dann abschieben: Deutschlands absurde Asylpolitik“ von Naima El Moussaoui und Ralph Hötte

Kategorie Hochschule: „Thinking like a Mountain“ von Alexander Hick

Kategorie Amateure: „Just a normal Girl“ von Vanessa Ugiagbe und Yasemin Markstein

Kategorie Bildung: „Der Tatortreiniger – Sind Sie sicher?“ von Arne Feldhusen und Mizzi Meyer


Weitere Informationen zur Festivaltour mit den Siegerfilmen und alle Jurybegründungen: https://www.menschenrechts-filmpreis.de

#DMFP18

#StandUp4HumanRights


Fotos:  "Just a normal Girl" (oben); Quelle: Deutscher Menschenrechts-Filmpreis

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