Mein Kinojahr 2018

Die Hamburger Kinomacherin Manja Malz blickt auf wichtige Ereignisse und Erfahrungen aus den letzten zwölf Monaten zurück

Diskussion

Wie man auf die vergangenen Monate zurückblickt, hat viel mit einem selbst zu tun und dem, was man für wichtig hält. Für die Hamburger Kinomacherin Manja Malz war 2018 trotz aller Herausforderungen eher ein experimentelles Jahr, das Mut macht und zuversichtlich stimmt. „Es lebe das Kino! Auch in 2019!“


Höhepunkte meines Kinojahres 2018 waren eine Reise ins verschneite Newcastle und ins spätsommerliche Venedig. Es waren nicht einzelnen Filme, die mich beeindruckt haben, sondern vielmehr das Gesamtpaket „Kino“, das für mich nach zehn Jahren Arbeit in der Branche immer noch eine Faszination ausübt und meine Zuneigung für die Menschen im Hintergrund wachsen lässt, die mit so viel Leidenschaft und Engagement Filme sichtbar machen.

Ich arbeite in Hamburg für zwei Kinos: das „Metropolis Kino“, ein Kommunales Kino in der Innenstadt, und das „B-Movie“ auf St. Pauli, ein ehrenamtlich organisiertes Kino. Beide Kinos bieten ein eigenwilliges Programm; sie lassen das aktuelle Angebot der Filmverleiher links liegen und widmen sich lieber Retrospektiven zu bestimmten Themen oder Personen. Das „B-Movie“ ist seit ein paar Jahren einem Netzwerk alternativer Kinos angeschlossen, die alle ähnlich strukturiert sind. Insgesamt haben sich so 39 Kinos aus 16 europäischen Ländern zusammengeschlossen, die über Email in regem Kontakt sehen, Programmideen austauschen und Filmschaffende mit ihren Filmen quer durch Europa auf Tournee schicken.

Anfang des Jahres erreichte uns ein Hilferuf aus Großbritannien. Das „Star and Shadow Cinema“ ist ein kollektiv geführtes Kino in Newcastle, Nordengland. Ein 20-köpfiges Team gestaltet seit über 15 Jahren ein Kinoprogramm für Cineasten und Nachtschwärmer. Vor drei Jahren musste das Kino seine Räume wegen eines Immobilienverkaufs räumen.

Ein neuer Ort für das Kino in Newcastle: eine ehemalige Lagerhalle
Ein neuer Ort für das Kino in Newcastle: eine ehemalige Lagerhalle

Die Stadt bot den Betreibern einen neuen Ort an: eine riesige ehemalige Lagerhalle für Möbel. Hier sollten zwei neue Kinosäle, Künstlerateliers, ein Tonstudio sowie ein Café eingebaut werden. Das Konzept für die Innenausstattung wurde mit professionellen Architekten, Bauleuten, Elektrikern und Lichtkünstlern geplant; die Eröffnung war für Mai 2018 terminiert.


„Baked Beans“, Bier und viele Filme

Doch Anfang des Jahres war die Halle noch eine einzige Baustelle. Um die Finanzierung des Kinoprojekts durch die Kommune nicht zu gefährden, musste der Eröffnungstermin unbedingt gewahrt werden. Zeit konnte man nicht gewinnen, aber menschliches Kapital. Deshalb habe ich die „Berlinale“ geschwänzt und bin mit einer „B-Movie“-Kollegin mit der Fähre über die Nordsee gefahren. Eine Woche lang kletterten wir mit Helmen und in Arbeitsmontur auf Baugerüsten durch die Hallen und brachten Farbe an Decken und Wände an, bastelten Lichtinstallationen, löteten Kabel oder setzten Projektionsfenster ein. Morgens gab es „baked beans“ mit Eiern von den Stadthühnern im Hinterhof; abends haben wir mit Helfern aus Liverpool, London und Bristol im Pub über englische Filme gestritten.

Meine Ersatz-„Berlinale“war mehr als gelungen. Am 18. Mai fand die Eröffnung statt; seitdem laufen mehrmals in der Woche Filmscreenings mit wechselndem Rahmenprogramm und Ausstellungen, Konzerten und Filmgesprächen. Das Publikum darf das Programm mitgestalten. Das Konzept des neuen, unabhängigen Künstler- und Filmhauses für den Stadtteil ist aufgegangen. Dennoch habe ich die Überdosis an Filmen und die Gespräche auf der „Berlinale“ vermisst.


Badelatschen, Shorts und Emma Stone

Für den Sommer suchte ich mir ein Filmfestival aus, auf dem ich noch nicht war, und habe mich für die Filmfestspiele in Venedig akkreditiert. Eine Woche lang pendelte ich fasziniert zwischen Strand, Kinosaal, Cappuccino-Tresen und campierenden Fans vor dem Sala Grande. Wie wunderbar! Das Premierenkino ist nur ein paar Meter vom Strand entfernt; zwischen dem Roten Teppich und dem Meer läuft eine Straße entlang, die auch während des Festivals eher einer Promenade ähnelt, auf der Strandurlauber in Shorts und Badelatschen vermeintlich unbeeindruckt von dem ganzen Rummel vorbeiflanierten. Die Fotografen stapeln sich hingegen und übertrumpfen sich mit Rufen an die Prominenz.

Da ich in Berlin die Nähe des Roten Teppichs eher meide, habe ich das Leid der Pressefotografen hier zum ersten Mal miterlebt: Bei 28 Grad im Schatten im schwarzen Anzug schwitzen, sich nach Emma Stone die Seele aus dem Leib schreien, während die dann doch dem Nachbarn in die Linse lächelt. Italienische Groupies campierten schon morgens an der niedrigen Mauer der Straße, um ganz vorne in der ersten Reihe zu stehen, wenn die Stars auf dem Teppich erscheinen. Seltsam schüchtern wirkte dabei Olivia Colman, die Königin aus Giorgos Lanthimos’ „The Favourite“. Meine ganz persönliche „Oscar“-Kandidatin! Was für eine Leinwandpräsenz! Und so furios!

Eigentlich meide ich Kostümfilme. Aber im schmalen Programmheft des Festivals waren nur Filmtitel, Regie und Produktionsland angegeben. Einen zehn Kilo schweren Katalog zu kaufen, kam nicht in Frage, und mein Handy ist nicht app-tauglich. Ich spielte daher die ganze Woche über Filmlotterie und fand mich dann überraschend in einem Western, einem Verfolgungsgemetzel und eben jenem Kostümfilm wieder. Und alle Filme waren großartig!


Frederick Wiseman winkte mir zu

Ich habe dann auch vehement sämtliche Angebote abgelehnt, in einen Katalog zu schauen. Ich wollte weiter überrascht werden und meine Abneigungen gegenüber bestimmten Genres über den Haufen werfen. Bei einigen Regisseuren wusste ich natürlich, was mich erwartet. Den US-amerikanischen Dokumentarfilmer Frederick Wiseman bei der Premiere von „Monrovia, Indiana“ aus der 20. Reihe im Sala Grande dem Publikum zuwinken zu sehen, war für mich allein schon das lange Anstehen wert. Im Sommer hatte ich Wiseman eine zweimonatige Retrospektive im Metropolis Kino gewidmet. Aufgrund seines hohen Alters muss er seine Reisen sorgfältig planen. Dass er sich nicht für Hamburg, sondern für Venedig entschieden hat, habe ich ihm verziehen. Immerhin hat er mir zugewunken!



Aufgeschlossen sein für Experimente, sich überraschen lassen, den Festivalmachern und den Programmkuratoren vertrauen: das war auch ein Thema des jährlichen Bundeskongresses der Kommunalen Kinos. In Hannover beschäftigten sich Anfang Dezember die Branche sowie Vertreter der Wissenschaft mit der Wahrnehmungsgeschichte des Kinos. Unter dem Titel „Cinema and beyond. Kino heute“ wurde die Einzigartigkeit der Institution Kino und ihre Funktion im digitalen Zeitalter diskutiert, nämlich ein Ort der Vermittlung und der geistigen Heimat von Filmen zu sein. FürHilmar Hoffmann, den im Juni 2018 verstorbenen Vordenker und Initiator der kommunalen Kinoidee, war die Kinoförderung immer eine gesellschaftspolitische Aufgabe; für ihn stand außer Zweifel, dass das Kino als Kulturort anzuerkennen und zu unterstützen ist.

Das von der Regierungskoalition geplante „Zukunftsprogramm Kino“ kommt dafür gerade zur richtigen Zeit. Es ist eine Chance für die Kinobranche, der Öffentlichkeit bewusst zu machen, dass Filme und ihr originärer Aufführungsort auch nach über 120 Jahren Filmgeschichte immer noch zusammengehören. Das Kino ist kein Ort, der durch permanente „Eventisierung“ und Sektempfänge überleben kann. Das Kino ist vielmehr ein sinnlicher Ort: die Atmosphäre der konzentrierten Stille in der Dunkelheit des Saals ist ein Ereignis an sich. Das Kino braucht allerdings mehr Öffentlichkeit, mehr Selbstbewusstsein und mehr Anerkennung – all das, was andere etablierte Kultureinrichtungen wie Museen, Theater, Konzerthäuser und Bibliotheken längst haben.


Das Kino ist ein sozialer Ort

Das Kino ist auch ein sozialer Ort, hier kommen Menschen aus allen Altersschichten zusammen und tauschen sich über Filmerlebnisse aus. Für die Zuschauer im „Metropolis“ oder im „B-Movie“ sind die beiden Kinos ihr zweites und drittes Wohnzimmer. Sie haben einen Stammplatz im Saal und im Kinocafé. Sie kommen schon beim Verlassen des Kinosaals ins Gespräch und googeln eine Schauspielerin, weil die ihnen auch aus einem anderen Film bekannt vorkommt, oder führen hitzige Debatten über die zeitgenössische Rezeption des Films. Manchmal mosern sie über falsch angekündigte Sprachfassungen oder geänderte Vorführformate.

Aufgeschlossen für Experimente: "B-Movie" in Hamburg (Foto: Mark Broyer)
Aufgeschlossen für Experimente: "B-Movie" in Hamburg (Foto: Mark Broyer)

Unser informiertes Publikum weiß ganz genau Bescheid über die gängigen Filmformate. Wenn eine 35mm-Filmkopie angekündigt ist und kurzfristig gegen eine Blu-ray getauscht wurde, weil das Filmmaterial geschrumpft, zerkratzt oder aus anderen Gründen nicht vorführbar war, ist die Enttäuschung erst einmal groß. Das Verständnis kommt aber mit der Aufklärung und vor allem mit dem aufrichtigen Ernst, mit dem wir das Publikum wahrnehmen. Unsere treuen Kinogäste, die oft täglich kommen und sich viel Unbekanntes anschauen, was wir ins Programm aufnehmen, geben uns das Gefühl, das Richtige zu machen – ebenso wie das Festival in Venedig oder das „Star and Shadow Cinema“ in Newcastle, das mit einer unglaublichen Energie sein innovatives Kinoprojekt mit Hilfe kommunaler wie auch privater Unterstützung verwirklicht hat. Der Film hat noch ein Zuhause. Es lebe das Kino! Auch in 2019!


Die Autorin Manja Malz ist Programmgestalterin im Metropolis Kino, Kinemathek Hamburg e.V., und Mitglied des Vorstands im Bundesverband kommunale Filmarbeit e.V.


Foto oben: Ausschnitt aus dem Filmplakat zu "The Favourite"

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