Wolfgang Jacobsen

Samstag, 29.12.2018

Zum Jahresende verlässt der Publizist Wolfgang Jacobsen die Kinemathek. Eine Würdigung

Diskussion

Zum Jahresende verlässt der umtriebige Publizist die Deutsche Kinemathek und wechselt in den (Un-)Ruhestand. Seit 1980 hat Wolfgang Jacobsen als Redakteur maßgeblich die publizistische Linie des Hauses mitbestimmt, wichtige Filmbuch-Reihen ins Leben gerufen und über ein Jahrzehnt die Retrospektive der "Berlianle" geprägt. Eine Würdigung.


Er ist ein ruhiger, unglaublich fleißiger und gewissenhafter Arbeiter; im persönlichen Umgang freundlich und verbindlich, aber auch von einer höflichen, geradezu hanseatischen Distanziertheit. Brennt in ihm ein Feuer, flackert oder glüht es beständig? Es kann nicht anders sein, sonst würde er das, was er tut, nicht schon so lange und so erfolgreich machen.

Aber man merkt das Feuer kaum; ob unter Termindruck oder beim Entwickeln eines neuen Projektes, stets pflegt er eine Haltung entspannter Gelassenheit. Die hat er sich durch Krisen und durchs Parieren persönlicher Angriffe hart erarbeitet. In seinem Urteil ist er entschieden und unbeirrbar. Ungenaue, wolkige Formulierungen sind ihm ein Gräuel, der „dernier cri“ an Wortschöpfungen jagt ihm ungläubiges Entsetzen ins Gesicht. Das Flanieren der Gedanken bis hin zur Arabeske liegt ihm näher. Die Details im großen Entwurf entdecken, zwischen und in den Bildern lesen, Nuancen pointiert herausarbeiten, die Schwächen tolerieren, nicht bewerten, schon gar nicht abwerten – das ist seine Haltung gegenüber den Menschen und den Themen, deren er sich annimmt.

Wolfgang Jacobsen begann 1980 in der Deutschen Kinemathek als Redakteur für den Band „Preußen im Film“. Es folgten die langen Jahre der Zuarbeit für den Datenteil der Reihe Film im Hanser Verlag, eine Aufgabe, die er von Hans Helmut Prinzler übernommen hatte. Mit den Alt- und Jungmeistern der deutschen Filmkritik, mit den Herausgebern Peter W. Jansen und Wolfram Schütte, sah er tagelang das Gesamtwerk der Regisseure (es waren fast nur Männer), hörte die Diskussionen und schwieg meist, verstört und eingeschüchtert durch so viel Kennerschaft.


Takt, Geschick & kluges Schweigen

Das Schweigen hat er beibehalten, nunmehr eingesetzt als diplomatisches Geschick und auch aus dem, was altmodisch als Takt bezeichnet wird. Aus dieser Zeit rührte eine lebenslange Freundschaft zu Peter W. Jansen, dem er mit einem seiner jüngsten Bände der Reihe „Film+Text“ ein Buch widmete. Aber das ist weit vorgegriffen.

Jacobsen gab ebenfalls in der Prinzler-Nachfolge bis 2002 die jährlichen Publikationen zur Retrospektive der "Berlinale" heraus; er kuratierte Ausstellungen, publizierte Audio-CDs, arbeitete an Dokumentarfilmen, war Herausgeber der Zeitschrift „Film-Exil“, Mitherausgeber der „Geschichte des deutschen Films“. Seine hauptsächliche Konzentration aber galt ab 1991 der inhaltlichen Ausrichtung der „Berlinale“-Retrospektiven. Die Bände zu den Retrospektiven sind Klassiker auf ihrem Gebiet.

Dass er zu den wenigen gehörte, die sich mit dem Festivalleiter Moritz de Hadeln mehr als eine Saison lang verstanden, hat ihn ausgezeichnet. 2000, ein Jahr vor de Hadelns Abschied, erhielt Jacobsen die „Berlinale“-Kamera.
Im Jahr 2003 kam die große Zäsur. Mit Dieter Kosslick gab es einen großen Streit, Jacobsen gab die Retrospektive auf. Fortan sah man ihn nicht mehr auf der „Berlinale“ und auch nicht bei Veranstaltungen der Kinemathek. Mit einem immer kleiner werdenden Etat entwickelte Jacobsen ein eigenes Programm, produzierte zwischen drei bis fünf Publikationen pro Jahr, trat immer mehr als Autor zurück und wurde Herausgeber, Anreger und Förderer von Autoren.


Eine Geschichte der deutschen Filmkritik

Mit seinem Freund und Kollegen Rolf Aurich installierte er im Verbrecher Verlag die Reihe Filit (Film und Literatur), schrieb über Theo Lingen und Konrad Wolf, edierte ein Drehbuch von Elfriede Jelinek, publizierte in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ kleine Bücher von großer Dichte und startete, immer wieder mit Rolf Aurich, im Verlag edition text+kritik die Reihe Film und Kritik mit Texten über und von Filmkritikern. Inzwischen hat es die Reihe auf 21 Bände gebracht, der 22. und hoffentlich nicht letzte Band erscheint erst 2019, ist aber schon fertig redigiert.

Der Filmkritik hat Wolfgang Jacobsen ihre eigene Geschichte geschenkt; dass sie dieses Geschenk fast nicht wahrnimmt, ist ihm fast egal. Das liegt auch an einem weiteren Charakterzug, seiner unglaublichen und betonharten Sturheit. Keiner dieser Bände hat ein Register, er will es nicht, obgleich es doch so hilfreich wäre. Nein, nein, das kommt nicht in Frage. Die Bände sollen gelesen, nicht als Nachschlagwerke gehortet werden. Und so versucht man in den Büchern immer wieder das zu finden, was man gerade sucht, verliert sich ans Lesen, findet vielleicht nicht, was man suchte, ist verärgert und versöhnt zugleich. Denn man findet doch immer mehr und anderes.

Habe ich in der Aufzählung seiner Tätigkeiten etwas vergessen? Bestimmt, aber es tritt zurück hinter dem, was Jacobsens andere große Leistung ist. Wer jemals einen Text geschrieben und mit seinen Anmerkungen zurückbekommen hat, der weiß, dass Jacobsen es ernst meint mit dem Schreiben, weil er den Leser ernst nimmt. Jacobsen besteht und verführt geradezu zur Seriosität des Schreibens über Film.


Was wird aus den Reihen & Publikationen?

Was wird nun aus den Reihen, was aus diesen besonderen Publikationen, die trotz mancher Dissonanzen immer auch mit der Kinemathek verbunden waren, wenn Jacobsen Ende des Jahres die Kinemathek verlässt? Wird seine Stelle neu besetzt? Zu seinem Abschied keine Zeile, nur die papierene Mitteilung auf der Internetseite: „Derzeit sind keine Stellen vakant.“ Ach, eine rätselhafte, eine bürokratische, fast möchte man sagen, eine ungehörige Auskunft.

Wird Jacobsen denn weiter publizieren? Darauf möchte ich wetten.


Foto: Berlinale

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