Interview mit Yorgos Lanthimos

Mittwoch, 23.01.2019

Der griechische Regisseur spricht über die Lust am Brechen von Regeln, über Netflix und die Idee, der englischen Königin lesbische Neigungen anzudichten

Diskussion

Mit seinem satirisch gefärbten Historienfilm „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ (zur FILMDIENST-Kritik), der in Venedig den „Großen Preis der Jury“ gewonnen hat und jetzt für zehn „Oscars“ nominiert ist, wagt sich der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos an den englischen Hof des 18. Jahrhunderts. Das Intrigenspiel zweier Hofdamen um die Gunst der Königin weist als Kommentar auf Unterdrückung, politische Willkür und Machtinteressen bis in die Gegenwart. Ein Gespräch über die Entdeckung moderner Strukturen in der Historie und sorgfältig berechnete Regelbrüche.


Wie kann man Ihre doch sehr unterschiedlichen Filme wie „Alpen“, „The Lobster“ oder „The Favourite“ auf einen Nenner bringen? Gibt es einen „roten Faden“ oder eine Verbindung?

Yorgos Lanthimos: Das muss das Publikum beurteilen. Ich kann nur sagen, dass ich nicht analysiere, sondern sehr instinktiv arbeite. Habe ich eine Idee, nähere ich mich ihr vorsichtig. Das Material kommt zu mir, ich entscheide dann über die adäquate Umsetzung des Themas. Der Ausgangspunkt ist manchmal eine Situation, die ich selbst erlebt habe, manchmal aber auch nur ein Fragment einer Geschichte, die sich noch konkretisieren muss. Wichtig ist mir, nicht auf der Stelle zu treten und mich nicht zu wiederholen. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass Filmemacher und Künstler an Dingen hängen.


Aber auch gerne Regeln brechen?

Lanthimos: Das gehört dazu.


Wenn man einige Ihrer Filme sieht, hat man den Eindruck, dass Sie Menschen lieben, die Regeln brechen und anschließend dafür in irgendeiner Weise bestraft werden.

Lanthimos: Das ist sicherlich ein Element meiner Filme. Wir finden dieses Element in der Struktur unserer Gesellschaft. Mich interessiert die Frage, was passiert, wenn Menschen sich nicht an Regeln und Strukturen halten. Kann es einen sinnvollen Grund dafür geben? Oder ist eine Strafe angebracht?


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Brechen Sie persönlich gerne Regeln?

Lanthimos: Das kommt drauf an. Wir Griechen sind geborene Skeptiker und halten uns selten an Regeln. Wenn sie mir zu rigide erscheinen oder wenn sie meiner Erfahrung widersprechen, setze ich mich darüber hinweg. Allerdings brauchen wir gesellschaftliche Regeln für ein Gleichgewicht zwischen divergierenden Interessen. Aber sie müssen von integren Persönlichkeiten entwickelt werden und den Menschen in den Vordergrund stellen. Was nicht heißt, dass man sich blind nach geschriebenen Buchstaben richten und sich daran festklammern soll. Es gibt nicht nur schwarz und weiß, sondern auch viele Grauzonen.

Enges Verhältnis: Die Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz) und Queen Anne (Olivia Colman).
Enges Verhältnis: Die Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz) und Queen Anne (Olivia Colman).

Arbeiten Sie mit einer festen Struktur?

Lanthimos: Beim Drehen stütze ich mich auf eine feste Struktur und versuche, mich daran zu halten. Aber bei den Proben testen wir einiges aus. Wenn wir merken, dass etwas nicht funktioniert, ändern wir es, bevor wir ans Set gehen. Dort haben wir keine Zeit mehr für Experimente. Kleine Korrekturen sind natürlich möglich; auch kann man eine Szene mal aus einem anderen Blickwinkel betrachten, aber das sind die Ausnahmen. Im Allgemeinen halten wir uns an das Drehbuch.


Was ist die besondere Herausforderung bei einem Historienfilm wie „The Favourite“?

Lanthimos: Das war für mich eine neue Erfahrung, ich musste aufpassen, dass jede Einstellung historisch korrekt war. Nicht nur innerhalb der Schlossmauern, sondern auch außerhalb. Mir liegt es allerdings fern, in Genrekategorien zu denken. Ich wechsle gerne zwischen Stimmungen. Zwischen Ausgeglichenheit und Emotionen. Man darf nicht alles genau festzurren, sonst geht die Originalität verloren. Als erstes haben wir die höfische Etikette rausgeworfen und der Geschichte einen zeitgemäßen Touch verpasst. Wenn man Kostüme, Ausstattung und Handlungsort einmal beiseitelässt, merkt man schnell, wie ähnlich sich die Menschen heute verhalten, wie immer noch Intrigen, Neid und Verrat triumphieren, wenn es um Macht und Einfluss geht.


Was reizte Sie an der Geschichte von Queen Anne?

Lanthimos: Sie ist eine spannende und sehr ambivalente Figur, eine sehr einsame und kranke Frau, die nie wusste, wem sie trauen konnte. Vor neun Jahren habe ich mit dem Drehbuch begonnen und zwischenzeitlich die beiden englischsprachigen Filme „The Lobster“ und „The Killing of a Sacred Deer“ gedreht. Es handelt sich also um einen langen Prozess, ich wusste zuerst gar nicht, ob ich das Projekt realisieren wollte. Mich interessierte primär die Konstellation zwischen den drei weiblichen Figuren und deren Komplexität, ihre Beziehung untereinander. Frauen in einer Position, in der sie über Krieg und Frieden entscheiden, sieht man nicht oft. Das hat mich neugierig gemacht. Und es ist ja nicht nur historisch, sondern sehr aktuell, wenn man betrachtet, wie wenige „Auserwählte“ das Leben der Mehrheit kontrollieren und über deren Zukunft bestimmen. In der Epoche von Queen Anne waren weitgehende Entscheidungen von Zufällen wie der morgendlichen Laune abhängig; in Kriegszeiten kostete das schon mal Tausende von Menschenleben. Diese Elemente bildeten den Ausgangspunkt. Dann begannen wir mit der Entwicklung des Drehbuchs und versuchten, den richtigen Ton zu treffen. Wir haben uns nicht sklavisch an Fakten gehalten, sondern einiges übernommen, anderes aber für die Zielsetzung des Films auch geändert.

Die junge Hofdame Abigail (Emma Stone) nimmt in „The Favourite“ eine Wartestellung ein.
Arbeitet am Aufstieg von der niederen Magd zur wichtigen Hofdame:  Abigail (Emma Stone).

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Queen Anne lesbische Neigungen anzudichten?

Lanthimos: Vieles war von der Realität inspiriert. Wir machen einen Spielfilm und erzählen eine Geschichte, nicht hundertprozentig die wahre Historie. Aber es gab diesbezüglich Gerüchte und versteckte Andeutungen.


So ganz leicht ist es nicht, sich den drei Protagonistinnen anzunähern.

Lanthimos: Die Charaktere müssen einen Spielraum haben. Ich halte nichts davon, sie zu intellektualisieren oder alles überpräzise zu zeichnen und glasklar zu definieren. Das langweilt und schränkt die Rezeption ein. Das Publikum ist keine homogene Masse, sondern interpretiert Szenen und Figuren sehr individuell. Ich finde es toll, wenn sich ein unbekannter Raum öffnet, wenn Dinge offen bleiben, nichts verboten ist und jeder sich seine eigene Meinung bilden kann. Für den einen mag „The Favourite“ eine heitere Komödie sein, für andere ein Drama. Vielleicht fühlt man sich manchmal unbehaglich oder bestens amüsiert, ist irritiert oder fasziniert. Ich wünsche mir einen aktiven Zuschauer, der nicht schlaff im Sessel hängt und konsumiert, sondern sich am Ende seine eigenen Gedanken macht.


Emma Stone als intrigante Abigail sagt in einer Szene, „Ich stehe immer auf meiner Seite“. Ist das eine pragmatische oder egoistische Haltung?

Lanthimos: Das hört sich egoistisch an, aber man sollte sie nicht nach diesem einen Satz beurteilen. Abigail erlebt in diesem Film eine wahre Reise mit vielen Widersprüchen und Spannungen. In diesem Moment glaubt sie, was sie sagt, sie muss tun, was sie tun muss. Sie ist eine Überlebenskünstlerin und weder die durchtriebene Böse noch das arme Opfer. Die Grenzen zwischen Gut und Schlecht verschieben sich im Verlauf der Handlung und zwischen den drei Frauen.

Auch als Staatsoberhaupt kämpft Queen Anne um ihre Position.
Auch als Staatsoberhaupt kämpft Queen Anne um ihre Position.

Würden Sie gerne mal eine Serie für Netflix oder eine andere Plattform drehen?

Lanthimos: Es wurden Projekte diskutiert, aber bisher fehlt es an einer Konkretisierung. Ich lese viel Material, und wenn mich ein Thema anspringt und meine innere Stimme sagt, dass es das richtige Projekt ist, bin ich dabei. Mir scheint es reizvoll, mal in einem anderen Format zu arbeiten. Das machen ja schon eine Reihe meiner Kollegen.


Gehen da nicht renommierte Regisseure fürs Kino verloren?

Lanthimos: Vielleicht. Aber wenn man gefragt wird, und es die einzige Option ist, dann sagt man zu. Als Regisseur will man Filme kreieren und nicht endlose Runden in der Warteschleife drehen. Kein Filmemacher würde zögern, wenn es einen Verleih mit einer Startzusage fürs Kino gibt. Aber wenn das nicht der Fall ist oder unsicher, stellt Netflix sicherlich eine Option dar.


Könnten Sie sich vorstellen, wieder in Ihrer Heimat Griechenland Filme zu realisieren?

Lanthimos: Wenn es bei einem Projekt Sinn machen würde, in Griechenland zu produzieren und zu drehen, würde ich sagen: Warum nicht? Ich habe drei Filme dort gedreht, und es war jedes Mal nicht leicht, das Geld aufzutreiben, obgleich die Produktionskosten niedrig waren und viele Freunde kostenlos mitgearbeitet haben. Das genügte mir aber nicht. Als ich im Ausland bekannt wurde, habe ich die Gelegenheit ergriffen, dort Filme mit besserer Unterstützung und Finanzierung auf die Beine zu stellen. Im Moment halte ich es für effektiver, englischsprachige Filme zu realisieren. Ich arbeite auch gerne in Englisch.

Intrigenspiel am Hof der Königin.
Intrigenspiel am Hof der Königin.

Wie ist die Situation in Griechenland für Filmemacher?

Lanthimos: Ich habe vor sieben Jahren das Land verlassen und bin nicht mehr ganz auf dem Stand der Dinge. Die Situation hat sich wohl leicht gebessert; die junge Generation arbeitet vielleicht etwas strukturierter als wir damals. Es gibt das griechische Filmzentrum und Co-Produktionen mit Frankreich, das entspannt die Lage. Die Möglichkeiten sind jedoch ziemlich limitiert. Es dauert, bis das Land sich wieder stabilisiert hat. Ich bin kein Experte, aber dass die Zeit der Kredite vorbei ist, heißt nicht, dass eine gesunde Atmosphäre herrscht.


Müssen Sie nach Ihren Erfolgen noch um Projekte kämpfen?

Lanthimos: Kein Film ist leicht zu finanzieren, aber bei „The Favourite“ war es relativ einfach. Es kam einiges zusammen: Fox Searchlight mochte das Drehbuch und meine vorherigen Filme, die formidable Besetzung mit Olivia Colman, Rachel Weisz und Emma Stone spielte eine Rolle, und für einen Historienfilm war das Budget moderat. Alles ist relativ. Es kommt auf die Kosten an, die Einschätzung des Verleihers auf den Erfolg an der Kinokasse und natürlich darauf, wie der vorherige Film gelaufen ist. Ein Vabanquespiel.


Fotos: Twentieth Century Fox

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