Zum Tode von Jonas Mekas (24.12.1922-23.01.2019)

Der litauisch-amerikanische Filmemacher etablierte mit dem New American Cinema ein radikales und zugleich poetisches Avantgarde-Kino. Nun ist er im Alter von 96 Jahren in New York gestorben

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„Meine Filme kennen keine Kameraeinstellung, denn das bedeutet, eine Entscheidung zu treffen. Ich suche nicht eine bestimmte Einstellung, ich suche die direkte Konfrontation. Mein Kino ist direkt, von Angesicht zu Angesicht.“

Das Kino von Jonas Mekas kannte keine Kadrage, kein Travelling, keine Ausleuchtung, keine sauberen Bilder, keinen synchronen Ton, kein Atelier, natürlich auch kein Setting, ein Drehbuch sowieso nicht, kein Stativ. Was ist das für ein Kino? Jonas Mekas war der Mann mit der Kamera. Seit den 1960er-Jahren wanderte er im abgeschabten Cordanzug mit Hut und einer Einkaufstasche über der Schulter durch die Straßen, über die Plätze und durch die Parks von New York, besuchte Freunde in Lofts und Galerien und zog seine 16mm-Bolex aus der Tasche, wenn er etwas Interessantes sah.

Aus den Bildern, die dabei entstanden, wurden irgendwann Filme, Tagebuchfilme, die das Milieu der Emigranten aus Litauen zeigten, die Entdeckung einer künstlerischen Heimat in New York beschrieben oder Begegnungen mit neuen Freunden wie Andy Warhol, John Lennon, Yoko Ono, George Maciunas, Peter Kubelka, Hermann Nitsch, Ken Jacobs, Allen Ginsberg. Überall war seine Kamera dabei, bei Besuchen in Museen, im Central Park, auf Hochzeiten, beim gemeinsamen Musizieren, Essen, Trinken, Singen, Tanzen. Oft schaute er nicht einmal durch den Sucher, er richtete sein Objektiv auf das, was sich vor ihm tat. Seine Bilder wackelten, waren oft unter- oder überbelichtet, flogen schnell vorbei.

Diese Filmarbeit klang nach Amateurfilm, nach Home Movie. Das war sie auch, aber im besten Sinne. Jonas Mekas war nicht auf der Suche nach Attraktionen, nach schönen Bildern, er sammelte Augenblicke, Nebensächlichkeiten des Lebens; seine Filme wurden zu langen Gedichten, die die Poesie des Alltäglichen beschrieben. „Niemand nimmt mich ernst, wenn ich filme. Ich filme einfach, ich bin ein Teil davon, meine Kamera ist Teil dieses Lebens.“


Gefilmte Erinnerung ans verlorene Paradies

„Ich filme meine Kindheit“, sagte Jonas Mekas, „nicht New York.“ Seine Kindheit, das war Litauen, wo er 1922 geboren wurde, das verlorene Paradies, aus dem er 1944 von den Nazis vertrieben wurde. Mit seinem Bruder kam er in ein Zwangsarbeitslager in der Nähe von Hamburg. Zwei zerlumpte, naive litauische Jungs schlugen sich durch mehrere deutsche Flüchtlingslager für „Displaced Persons“. Hungrig nach Wissen und hungrig im Bauch, saß Mekas in der Mainzer Uni und hörte Literaturvorlesungen. Und er ging ins Kino und sah deutsche Nachkriegsfilme von Helmut Käutner, Josef von Baky, Wolfgang Liebeneiner, die er nicht weniger interessant fand als die Filme des italienischen Neorealismus. Die beiden Brüder emigrierten 1949 nach New York. Filmen wurde für Jonas Mekas zur Suche nach dem verlorenen Paradies. So kaufte er sich 1950 seine erste Kamera, eine 16mm-Bolex. Damit begann das Leben des Filmemachers Jonas Mekas, der von da an über mehr als 60 Jahre kontinuierlich filmte (und fotografierte, schrieb und aufzeichnete). Seine letzten filmischen Werke vollendete er als 90-Jähriger.

"As I was moving ahead occassionaly I saw brief glimses of beauty"
"As I was moving ahead occasionally I saw brief glimses of beauty"

Sein Opus Magnum, fast fünf Stunden lang, legte Mekas im Jahr 2000 vor. Der bezeichnende Titel: „As I was moving ahead occasionally I saw brief glimpses of beauty“. Ein ungewöhnlicher und mutiger Film, geht es in ihm doch ausschließlich um diese gelegentlichen kurzen Momente des Glücks und der Schönheit des Lebens, und das in einer Welt, die doch offenbar mehr Grauen als Glück produziert. Dieser Film ist eine Provokation und ein Trost, die Quintessenz eines langen Lebens; er ist auch politisch, nicht nur, weil dies ein Zwischentitel behauptet, sondern weil er zeigt, worauf es ankommt: die Schönheit in alltäglichen, kleinen, unsichtbaren Momenten wahrzunehmen.

Jonas Mekas, dieser sanfte, schüchterne Mann mit dem freundlichen Lächeln, kämpfte seit den 1950er-Jahren unerbittlich für ein neues amerikanisches Kino, kein neues Hollywood wie es Sidney Lumet, Arthur Penn, Robert Aldrich oder Stanley Kubrick produzierten. Ihm ging es um eine radikal neue Filmsprache, um einen radikal neuen Blick auf die Wirklichkeit, der nichts mit dem etablierten erzählenden Kino zu tun hatte. Kompromisslosigkeit, formale Radikalität, eine poetische Sprache, das forderte das New American Cinema. Vorbild war die französische Avantgarde der 1920er-Jahre, Regisseure wie Jean Epstein, Louis Delluc, Abel Gance, René Clair, Jean Renoir.


Spontaneität und Unschuld gegen das kommerzielle Kino

Das New American Cinema wollte das Kino vom Zwang der Story befreien und zu einem visuellen Ereignis machen. Seine Protagonisten waren Kenneth Anger („Scorpio Rising“), Shirley Clarke („The Connection“), Maya Deren („Meshes of the Afternoon“), Andy Warhol, Gregory Markopoulos, Stan Brakhage, Robert Frank. Und John Cassavetes. Er war die große Hoffnung. Doch als Cassavetes seinen großartigen Debütfilm „Shadows“ auf Druck der Verleiher teilweise neu drehte und umschnitt, um ihn für die kommerziellen Theater brauchbar zu machen, war Jonas Mekas tief enttäuscht. Für ihn war das nun ein „bastardierter, hybrider Streifen, der weder die Spontaneität noch die Unschuld, noch die Frische der ersten Version besitzt.“

Mekas versuchte sich 1961 ebenfalls an einem inszenierten Film („Guns of the Trees“) und dokumentierte mit drei geliehenen Auricon-Kameras in jeweils zehnminütigen Takes eine Aufführung des Living Theatre mit dem Stück „The Brig“, das in einem Militärgefängnis spielt. Der Film gewann 1964 bei den Filmfestspielen in Venedig einen Preis. Dennoch wusste Jonas Mekas, dass das nicht sein Kino war. Er verstand sich nicht als Filmemacher, sondern als Filmer, er sah sich auch nicht als Regisseur, weil er nichts inszenierte. Er war kein Autor, der Drehbücher schrieb.

Dafür hätte er auch gar keine Zeit gehabt. Er hatte in New York seit den 1950er-Jahren so viel zu tun, dass seine Filmarbeit nur einen kleinen Teil seines Lebens ausmachte. 1954 gründete er eine Filmzeitschrift („Film Culture“), um einem neuen, avantgardistischen amerikanischen Kino eine Plattform zu bieten; 1962 organisierte er die „Filmmakers Cooperative“, um die Arbeiten experimenteller Filmemacher zu verleihen; 1964 baute er die Filmmakers Cinémathèque auf, um Filme zu zeigen und zu diskutieren, und 1970 schuf er sein berühmtes Anthology Film Archive, das heute als weltweit wichtigste Sammlung von Avantgarde-Filmen gilt. So wurde Mekas zum „Godfather“ des US-amerikanischen Underground-Films.

Jonas Mekas, der "Godfather" des US-amerikanischen Underground-Films
Jonas Mekas, "Godfather" des US-amerikanischen Underground-Films

Im Gegensatz zu den neuen Wellen des europäischen Kinos ist das New American Cinema immer im Underground geblieben, hat nie die Leinwände kommerzieller Kinos bespielt. Dass dieses experimentelle, avantgardistische Kino trotzdem wahrgenommen wurde und seinen Platz in der Filmgeschichte gefunden hat, das verdankt es diesem schüchtern-freundlichen Mann aus Litauen.


Foto oben aus „Im Spiegel der Maya Deren“ (Verleih: Real Fiction)


Die Würdigung von Jonas Mekas erschien unter dem Titel „Der Mann mit der Kamera“ erstmals in der FILMDIENST-Ausgabe fd 2/2009.

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