Interview mit Cosima Lutz

Donnerstag, 31.01.2019

Für ihre Kritik zu „Der Ornithologe“ von João Pedro Rodrigues wurde die Autorin mit dem Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik ausgezeichnet

Diskussion

Für ihre Kritik zu dem essayistischen Filmpoem „Der Ornithologe“ des portugiesischen Regisseurs João Pedro Rodrigues wurde die aus Wunsiedel stammende Autorin Cosima Lutz mit dem Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik ausgezeichnet. Deren „Bildmächtigkeit und poetische Sprachkraft“ bediene nicht nur das „Kino im Kopf“, sondern lese sich als „Plädoyer für ein wildes politisches Kino“, so die Jury. Ein Gespräch über die Kunst des Schreibens und wie man sich in einen Haubentaucher verwandelt.


Mit dem seit 2014 verliehenen Siegfried-Kracauer-Preis wollen die Initiatoren, der Verband der deutschen Filmkritik, die Filmstiftung NRW und MFG Baden-Württemberg, die Auseinandersetzung über journalistische Formen der Filmrezeption stärken. Die aus Wunsiedel stammende und in Berlin lebende Autorin Cosima Lutz ist die diesjährige Preisträgerin, deren in der „Welt“ erschienener Text zu „Der Ornithologe“ als beste Filmkritik 2018 ausgezeichnet wurde. Cosima Lutz war auch schon in den Jahren davor mit Kritiken zu „Havarie“ von Philip Scheffner und 1001 Nacht von Miguel Gomez für die Auszeichnung nominiert.


Die Kritik zu „Der Ornithologe“ endet mit dem schönen Satz über den Wald als Vorläufer des Kinos, „in dem die Zeichen hausten, die zu deuten waren oder zu glauben“. Was hat es damit auf sich?

Cosima Lutz: So habe ich die Zeichen im Kinosaal eben gedeutet! Aber klar: Um etwas Bestimmtes aus einem Werk herauszulesen, mich also mit ihm zu verbinden – auch wenn ich vielleicht vorher nicht vermutet habe, dass ich etwas mit einem schwulen Vogelkundler aus Portugal gemeinsam haben könnte, der sich in einen Heiligen verwandelt –, dazu muss schon auch in mir selbst etwas vorgeprägt sein.


Das wäre in diesem Fall?

Lutz: Vielleicht war es nicht die schlechteste Vorbereitung auf den Beruf der Kritikerin, mit meinen Eltern viel in die Natur zu gehen und merkwürdige Vögel und Insekten zu beobachten. Zum Beispiel fanden wir einmal die großen, samtigen Raupen des Weinschwärmers, eines rosa-olivfarbenen Falters. Zwei nahmen wir vorsichtig mit und richteten ihnen ein Terrarium ein, und irgendwann verpuppten sie sich. Zu beobachten, wie die scheintoten Wesen dalagen, fand ich unheimlich. Doch dann, im nächsten Frühjahr, dieses Wunder der Entfaltung. Welche Verwandlung da vor sich geht, ist ja schon für einen Erwachsenen kaum begreiflich, für ein Kind erst recht nicht. Es bleibt einem zunächst gar nichts anderes übrig als zu glauben, dass sich in dieser Puppe die Flüssigkeiten neu formiert und zu einem Schmetterling umstrukturiert haben müssen. Aber: Darüber mir dann Wissen anzueignen, hat das Staunen nicht gemindert.

"Der Ornithologe"
"Der Ornithologe"


Staunen, Dafürhalten, Glauben: Das sind geradezu religiöse Zuschreibungen…

Lutz: Ja, das ist vielleicht der Anfang oder jedenfalls ein Bestandteil des Religiösen. Aber ebenso des Intellektuellen, eines nichtdestruktiven Strebens nach Erkenntnis. Religion und Naturwissenschaften stören sich da noch nicht. Es ist der Beginn einer respektvollen Haltung gegenüber der Natur, wenn einem unmittelbar einleuchtet, dass die Raupe und ich, dass wir die gleiche rätselhafte Existenzberechtigung haben. Kunst- und Naturbetrachtung erfüllen da ähnliche Funktionen, die das Vereinzelte in Zusammenhänge stellt.


Was bedeutet Filmkritik für Sie?

Lutz: Filmkritik ist für mich Teil eines Gesprächs. Sie kann ein Gespräch initiieren, sie kann aber auch an ein bereits bestehendes anknüpfen. Für mich bewegt sie sich im Spannungsfeld zwischen ,close reading‘ und dem Diskurs vieler Stimmen. Entscheidend ist, dass ich wirklich beim jeweiligen Film bin. Das schließt aber nicht aus, dass ich andere Wahrnehmungen zur Kenntnis nehme und mitanalysiere. Ich lese sehr gerne Kritiken, auch bevor ich ins Kino gehe. Ich sehe den Film dann mit diesen Vertextungen im Hinterkopf und versuche trotzdem, dem Film gegenüber unvoreingenommen zu sein.


Stört Sie das Wissen nicht, wie ein Film wahrgenommen wurde?

Lutz: Mich stört Wissen nie, aber ich habe manchmal bei der Lektüre anderer Texte den Eindruck, dass sich da ein Vorwissen vor die Wahrnehmung geschoben hat. Das ist mir sicher auch schon passiert. Ich weiß gerne viel über ein Werk und beobachte trotzdem gerne so, als wüsste ich manches eben doch (noch) nicht.


Was meinen Sie exakt mit „close reading“? Wie gehen Sie dabei vor?

Lutz: Vorab sammle ich natürlich Informationen über den Film, den Regisseur, die Produktion und so weiter. Doch um im ornithologischen Sprachgebrauch zu bleiben: Um eine neue Art zu entdecken, ohne zu sagen: ,Kenn ich nicht, gibt’s nicht‘, kommt es entscheidend darauf an, in gewisser Weise das Gewusste auch wieder zu vergessen und auf Details zu achten. Und meine eigenen, aus Vorwissen gespeisten Erwartungen und Affekte wahrzunehmen, also zu erkennen, wo ich eigentlich stehe, wenn ich dies oder jenes zu erkennen glaube. Die Frage, worum es in einem Film geht, erschließt sich ja nicht nur durchs Narrative. Im Kern handelt es sich beim ,close reading‘ darum, seine Sinne zu schärfen. Deshalb sehe ich Filme fast immer auf der Leinwand, um das Gesamtkunstwerk in all seinen Schichten wahrzunehmen.

"Der Ornithologe"
"Der Ornithologe"


Haben Sie eine Technik, eine besondere Methode?

Lutz: Nichts Besonderes, ich schreibe im Kino ein wenig mit, in der Hoffnung, dass ich das im Dunkeln Hingekritzelte später noch lesen kann. Es gibt Aspekte, besonders über das Wie des Films – die „Handlung“ ist ja überall nachzulesen -, die ich im Nachhinein manchmal nicht mehr so genau weiß. Oft liegen ja mehrere Wochen zwischen dem Sichten und dem Schreiben, und dann frage ich mich: War dieses oder jenes Motiv nun links oben oder rechts im Vordergrund? Wie war der Schnitt, wie die Kadrierung? Und wie war nochmal der Sound? Es schadet einer Kritik übrigens nie, einen Film wiederholt zu sehen, noch einmal darin zu „blättern“, dann gerne auch im Stream am heimischen PC.


Sie sammeln also und setzen sich dann hin und schreiben drauf los? Ist das ein strukturierter Prozess, in dem Sinne, dass sie an einem Punkt beginnen und auf ein bestimmtes Ziel hinschreiben?

Lutz: Mit der Zeit hat sich herauskristallisiert, dass es immer um ein Bild, um ein Stichwort geht. Es ist zwar nicht so, dass sich Filme auf einen einzigen Begriff herunterbrechen lassen. Aber damit der Text in seiner Kürze – ich schreibe ja meistens für eine Tageszeitung, da hat man nur begrenzt Platz – eine Pointierung erfährt, ist es mir am liebsten, wenn ich ein Bild finde, das als Schlüssel für möglichst viele Ebenen fungiert. Das war beim „Ornithologen“ die Verwandlung. Und damit verbunden die Übereignung des Blicks vom Menschen zum Tier.


Wie wird dann aus der einzelnen Beobachtung ein solcher „Schlüssel“ zum Verständnis des Films?

Lutz: Oft ist es verblüffend simpel, damit anzufangen, was ich beim Betrachten des Films selbst erlebt und empfunden habe. In diesem Fall: Ich bin in einer der ersten Sequenzen als Zuschauerin zunächst ja tatsächlich ein Haubentaucher. Das Subjekt ist nämlich nicht der Forscher, der durchs Wasser schwimmt und dann irgendwo den Vogel sieht. Der Filmemacher schickt mich stattdessen in die Subjektive des Tieres. Von dort aus nehme ich wahr, dass sich ein Mensch nähert. Schon in diesem Augenblick sind wir als Zuschauer verwandelt. Wenn ich von diesem Gedanken aus den Film durchgehe und überall Verwandlungen entdecke, wie die Verwandlung des Ornithologen in den Heiligen Antonius von Padua oder die des Regisseurs in seine Hauptfigur, dann könnte das der Schlüssel für den Text sein. Von dieser Parzelle aus schreibe ich den Text. Ich fange an einem bestimmten Punkt an und höre am Ende auf; es kommt in der Tat eher selten vor, dass ich etwas umbaue.

"Der Ornithologe"
"Der Ornithologe"


Ihre Kritiken zeichnen sich durch einen spezifischen Sound aus. Sie schreiben auch in der Ich- oder Wir-Perspektive. Lieben Sie das, sich als Kritikerin oder als Zuschauerin mit in die Reflexion einzubringen?

Lutz: Lieben, nun ja. Man sollte schon aufpassen, nicht in irgendwelche Marotten zu verfallen. Ich verwende ,Ich‘ und ,Wir‘ nur dann, wenn es mir notwendig erscheint. Bei einem Film wie „Havarie“ von Philip Scheffner kommt man gar nicht um das Ich und das Wir herum, weil auf der Leinwand ja nicht viel passiert. Man wird stattdessen auf sich selbst zurückgeworfen, wie man da so nebeneinander sitzt und glotzt, eine Zumutung im positiven Sinne. Es geht in „Havarie“ ums Hinschauen, was im politischen Diskurs ja durchweg positiv besetzt ist, Scheffner aber zeigt, wie wir alle ein Flüchtlingsboot wahrnehmen und untergehen lassen. Das wird im Film weder angeprangert noch gerechtfertigt, sondern schlicht im Kinosaal nachvollzogen, den dann übrigens viele verließen, als wäre er selbst ein marodes Boot. Bei anderen Filmen passt das ,Wir‘ oder das ,Ich‘ weniger. Man kann ja letztlich nur bei sich bleiben und seiner eigenen Wahrnehmung trauen. Ich stelle mich dabei nicht ins Zentrum. Es ist eher eine Reduktion, ich spreche für mich.


An wen richten sich dann Ihre Texte?

Lutz: Ich stelle mir, sehr grob gesagt, Menschen vor, die sich durch etwas Ungehöriges, Unerwartetes, Seltsames zum Lesen verlocken lassen, ohne darauf gleich mit Abwehr zu reagieren. Ich gehe da ganz optimistisch von mir selbst aus. Das Schreiben von Kritiken hat auch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schreiben von Briefen. Das ist natürlich Selbstreflexion, Selbstermächtigung, Selbstbespiegelung. Und trotzdem ist ein Adressat anwesend. Der ist auch notwendig, sonst würde man das ja gar nicht machen.

"Havarie"
"Havarie"

Welche Funktion schreiben Sie Ihren Texten zu, welche Funktionen kann Filmkritik ausfüllen?

Lutz: Die Funktion von Filmkritik besteht für mich darin, etwas freizulegen, nicht willkürlich Dinge hineinzuinterpretieren, sondern etwas zu finden. Filmkritik kann mit solchen Funden Positionen aufbrechen helfen, die verkrustet sind, die vor lauter Zielgruppendenken oder Verschlagwortung neu in Verbindung gebracht werden müssen. Viele bewohnen ja nur zu bereitwillig die Schubladen, die das Marketing anbietet. Filmkritik kann diese Schubladen lüften und dazu einladen, doch auch mal in andere zu schauen oder wie sie miteinander zusammenhängen. Die Kunst der Betrachtung ist eine Schulung der Differenzierung. Das brauchen wir dringend, in allen Bereichen. Zu versuchen, ein Filmkunstwerk möglichst genau aufzuschließen, ist eine Einübung in ein gesellschaftlich wirklich wichtiges Können. Wenn der Text es dann schafft, dem Leser oder der Leserin einen Schlüssel in die Hand zu drücken, nicht den Schlüssel, aber einen, mit dem sie sich dann selbst etwas aufschließen können, etwas, worauf ich vielleicht gar nicht gekommen bin und das nur sie allein erkennen können, dann hat die Filmkritik ihren Job gemacht.


Wie sind Sie denn zu diesem Job gekommen?

Lutz: Ich habe bei der „Welt“ volontiert, war aber schon vor und während des Studiums als Feuilleton-Generalistin unterwegs. Nach dem Abitur habe ich ein Jahr lang bei der Tageszeitung „Frankenpost“ hospitiert, wo man ganz froh war, dass ich mich gerne in allen Kulturnischen bewegte, und wo man mir viel Freiraum gab. Ich habe mit Musikkritik begonnen, aber bald über alle Sujets geschrieben; bei der „Welt“ kamen dann auch die Filme dazu. Ich bin aber ganz froh, nicht ausschließlich Filmkritikerin zu sein, sondern auch mal über ein Popkonzert zu schreiben, über Ausstellungen, Literatur oder Theater. Das finde ich wichtig, denn es stärkt das Beobachtungssensorium.


Gibt es Vorbilder, Einflüsse, andere Filmkritiker, die für Ihren Werdegang wichtig waren?

Lutz: Vorbilder würde ich es nicht nennen, eher Anregungen, zumal die Autoren, die ich am liebsten lese, oft ganz anders schreiben als ich. Während des Studiums in den 1990er-Jahren haben mich die Filmkritiker und -kritikerinnen der großen Tageszeitungen geprägt. In meiner WG gab es „taz“, „Süddeutsche“, „FAZ“ und „Welt“. Das war die Feuilletonblütezeit, und die Streitgespräche am WG-Küchentisch wurden leidenschaftlich geführt. Die Blogs, die ich heute ebenfalls gerne lese, gab es damals ja noch nicht. Geprägt hat mich auch der Schriftsteller Jean Paul, über den ich promoviert habe. Da fällt mir ein: Jean Paul hat das Wort „Doppelgänger“ erfunden, und das Motiv spielt im „Ornithologen“ eine zentrale Rolle. Jean Paul geht es immer um die Überwindung des Körper-Geist-Dualismus, er ist in seinem Denken extrem heutig, gilt stilistisch aber als zu sperrig für den heutigen Geschmack.

"Havarie"
"Havarie"

Sie finden es aber nicht erstrebenswert, sperrig zu schreiben?

Lutz: Natürlich nicht. Bei Jean Paul bewundere ich vor allem den Humor und den Witz. Auch, dass es für ihn und viele andere Schriftsteller um 1800 ganz selbstverständlich war, Naturwissenschaften und Kunst zusammenzudenken. Das passt dann ja auch wieder zu Rodrigues’ „Ornithologen“, wo die Verwandlung all das zugleich sein darf: Wunder, Scherz, heiliges Ritual und biologischer Fakt. Für mich ist das eigentlich das Wesentliche am Blick auf die Welt und auf die Kunst: sich nicht damit zu begnügen, Gegensätze aufzumachen. Und dass man nichts ins Esoterische verschieben muss, denn die Evolution an sich ist ja schon zum Staunen, und die Beschäftigung mit der Natur offenbart genügend Rätsel. Davon hat sich die Kunst um 1800 beleben lassen. Das finde ich nach wie vor hochaktuell.


Foto: Privat/Christine Fiedler

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