Zum Tode von Dušan Makavejev (13.10.1932-25.1.2019)

Nachruf auf den serbischen Regisseur, der in Ost und West mit provokativen Filmen gleichermaßen aneckte

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International bekannt wurde Dušan Makavejev Anfang der 1970er-Jahre mit seinem Spielfilm „WR - Mysterien des Organismus“. Die Geschichte, in der, so Makavejev, „Joseph Wissarionowitsch Stalin den Wladimir Iljitsch Lenin gegessen hat“, sorgte durch ihre freizügigen Sexszenen für Furore. Frei nach Wilhelm Reich nahm Makavejev den lustfeindlichen Rationalismus der damaligen Wachstumsideologien aufs Korn, aber auch das Doktrinäre ihrer Gegner. Makavejevs Blick auf alle Arten von Dogmen war von Ironie und Spott geprägt; er setzte auf Lebenslust statt Alltagstrott und eckte damit im Kommunismus und wie im Kapitalismus an.

1932 in Belgrad geboren, begann Makavejev bereits während seines Psychologie-Studiums, sich für die konspirative und subversive Qualität des Kinos zu begeistern. In einem Interview mit dem Filmkritiker Otto Reiter, der 1993, während der Hochzeit der nationalistisch motivierten Zerfallskriege im ehemaligen Jugoslawien, die bemerkenswerte „Viennale“-Retrospektive „Abschied von Jugoslawien“ kuratierte, spricht er mit Faszination von einer Szene aus „Jenseits von Eden“ – wenn sich „Jimmy Dean in einem Kühllager versteckt und die Eisblöcke sein erfrierendes Herz widerspiegeln.“

Auch Makavejevs Filme erkunden den doppelten Boden der Realität und jene Emotionen, die in Ost und West unter den Teppich gekehrt wurden. In seinem Dokumentarfilm „Die Parade“ (1962) genügen Beobachtungen gelangweilter Passanten und Teilnehmer bei der Vorbereitung einer Parade am 1. Mai, um das hohle Pathos staatssozialistischer Selbstinszenierung bloßzustellen.

In seinem ersten Langspielfilm „Der Mensch ist kein Vogel“ (1966) kontrastiert er dokumentarisches Material von Arbeitern, die in einer Fabrikhalle Beethovens 9. Sinfonie hören müssen, mit einer turbulenten Kneipenszene – hier der hohle, weil verordnete Bildungsanspruch, dort das „echte Leben“. Das freilich zwar das lustvollere, nicht aber immer das bessere Leben ist: Makavejevs Liebesgeschichten enden meist tragisch, oft, wie in „Ein Liebesfall“ (1967), mit dem Tod, hier einem Mord aus Eifersucht.


„Glaubt nicht an Denkmäler“

Seinen allerersten Film, einen fünfminütigen Kurzfilm, betitelte der jugoslawische Regisseur mit „Glaubt nicht an Denkmäler“. Folglich rieb er sich an den Ikonen des Sozialismus, wie er in abgeschwächter Form auch im Titoimus existierten. Dem Rationalismus der Planwirtschaft setzte er die Ausschweifung entgegen, der Bigotterie der Dogmatiker seinen Spott. Anders als die Regie-Kollegen der jugoslawischen „Schwarzen Welle“ setzte er seine Systemkritik nicht mit konsequentem Negativismus um, sondern mit Lust. „Ich bin sicher, dass das, was uns quält, mir noch lange nicht das Recht gibt, das Publikum gleichermaßen zu quälen“, wird er im Vorwort zu der Dušan-Makavejev-Retrospektive zitiert, die bei den Grenzlandfilmtage Selb 1993 zu sehen war: „Die Hauptaufgabe der Filmkunst besteht darin, schwierige, komplizierte, verwirrende und hässliche Fragen der menschlichen Existenz in etwas zu verwandeln, das einem Lied oder einem fliegenden Teppich nahekommt.“

Das waren Haltungen, mit denen er bei der Zensur aneckte. „WR – Mysterien des Organismus“ schockierte durch seine Sexszenen 1971 das Publikum des Filmfestival in Cannes und blieb in seinem Produktionsland bis 1980 verboten. Zu Beginn der 1970er-Jahre wurde die künstlerische Freiheit, von der die jugoslawischen Filmemacher bis dato profitiert hatten, stark beschnitten. Makavejev wurde aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen und nahegelegt, das Land zu verlassen, am Ende sogar mit den gelockerten Schrauben am Vorderrad seines Fiat Topolino.


Spitzen gegen die Konsumgesellschaft

Er ging in den Westen, drehte den Skandalfilm „Sweet Movie“ (1973) und ein Jahr später unter dem Pseudonym Sam Rotterdam Szenen für den Episodenfilm „Wet Dreams“. Damit kam das vorläufige Ende einer Karriere, dessen zentrales künstlerisches Motiv – die sexuelle Selbstbefreiung – vom subversiven Instrument gesellschaftlicher Revolte zum „Instrument in der Konsumgesellschaft“ geworden war, wie Makavejev selbst feststellen musste.

Folgerichtig entstanden mit „Montenegro oder Perlen vor die Säue“ aka „Die Ballade der Lucy Jordan“ (1981) und „Coca Cola Kid“ (1985) zwei Spitzen gegen die Konsumgesellschaft, bevor er sich 1988 mit „Manifesto“ wieder den inneren Widersprüchen politischer Revolutionäre zuwandte. Im Zentrum steht eine Gruppe Anarchisten, die sich bei der Vorbereitung auf ein Attentat auf den König selbst im Weg stehen – hier die Parolen von Freiheit und Gleichheit, dort persönliche Interessen; am Ende sind die revolutionären Ideale nur noch Stoff für den Smalltalk im Elfenbeinturm.

1992 entstand mit „Gorilla bathes at Noon“ Makavejevs letzter Spielfilm, über einen Sowjetsoldaten, der beim Abzug seiner Armee nach der politischen „Wende“ vergessen wurde und nun im sich verändernden Berlin zurechtkommen muss. So wie diesem Victor Borisowitsch ging es damals vielen, die den falschen Pathos des Staatssozialismus hinter sich gelassen hatten und in der beginnenden Transformation schon die Ankunft einer neuen Lüge spürten. Ein pointiert inszenierter Abgesang, wenn auch weniger temporeich als Makavejevs frühe Arbeiten: ein kleiner Film, ironisch und intellektuell auf der Höhe seiner Zeit und darüber hinaus.

Dušan Makavejev starb am 25. Januar 2019 nach langer Krankheit. Er hinterlässt dem internationalen Kino ein Beispiel für die selten gewordene Gabe, Publikumsappeal mit Gesellschaftsreflexion zu versöhnen, eindeutige Lösungsvorschläge mit gebotener Distanz zu hinterfragen und die (Selbst-)Ironie zur intellektuellen Basis atemberaubend analytischer Unterhaltung zu machen.


Foto: Filmmuseum Österreich

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