Filmklassiker: Das Testament des Dr. Mabuse

Freitag, 08.02.2019

Den letzten Film vor seiner Emigration in die USA verstand Fritz Lang durchaus als Spitze gegen die Nazis

Diskussion

1933 geriet Deutschlands bekanntester Regisseur Fritz Lang in Konflikt mit der Nazi-Regierung. Sein Psychothriller „Das Testament des Dr. Mabuse“ über einen despotischen Verbrecher, der mit Manipulationen ein Terrorregime errichten will, war leicht als Zeitkritik zu verstehen. Langs letzter Film vor seiner Emigration war aber auch ein technisches Großunternehmen, wie in einer neuen DVD-Edition des Films zu erfahren ist.


„Im ‚Testament des Dr. Mabuse‘ wird gemordet, verfolgt, gebrandschatzt und geraubt – aus reinem Individual-Anarchismus“. Das ist keine schlechte Zusammenfassung des Geschehens, auch wenn sie aus dem Jahr 1933 stammt und der Leserschaft des „Montag Morgen“ den Umstand zu erklären versucht, warum dieser Film von Fritz Lang nur im europäischen Ausland, aber nicht in Deutschland zu sehen ist.

Dabei war Lang, der schon „Metropolis“, „Der müde Tod“ und „Die Nibelungen“ inszeniert und Anfang der 1920er-Jahre mit dem zweiteiligen Stummfilm „Dr. Mabuse, der Spieler“ die Figur des Meisterverbrechers erfolgreich beim Publikum eingeführt hatte, einer der prominentesten deutschen Regisseure seiner Zeit. Doch das Sequel um Mabuse, der aus einer Irrenanstalt heraus seine Netze spinnt, indem er etwa seinen Arzt unter Hypnose zum Handlanger macht, kollidierte mit den Zeitumständen. In wilden Worten machte die Kritik im „Montag Morgen“ – nachzulesen im Booklet der neuen DVD/BD-Mediabook-Ausgabe – dem Leser klar, dass man den Film, der von den soeben an die Macht gelangten Nationalsozialisten verboten worden war, besser weltweit verbieten würde, da er für das Verbrechen werbe.


Der Film als politische Waffe

Fritz Lang, für den „Das Testament des Dr. Mabuse“ der letzte Film war, den er vor seiner Emigration in die USA noch in Deutschland drehte, deutete später im Rückblick an, dass eine solche Verbindung durchaus intendiert gewesen sei: Die Verbrecherbande um den manipulativen Mabuse, der ein blankes Terror-Regime errichten will, lässt sich als Spiegel der sich um Hitler scharenden Nazis verstehen; er habe einem wahnsinnigen Verbrecher "Nazi-Slogans in den Mund“ gelegt und den Film durchaus als „politische Waffe“ verstanden.

Eine solche Lesart mag durchaus die Selbstinszenierung des Regisseurs gewesen sein. Tatsächlich ist der Film mit seiner Faszination für eine autoritäre Figur, die jenseits aller moralischen Schranken der pure Wille zur Macht antreibt, durchaus ambivalent. Was ihn als zeitloses Psychogramm aber umso interessanter macht.

„Das Testament des Dr. Mabuse“ balanciert als Psychothriller virtuos auf der Schwelle vom Expressionismus zum Realismus. Nicht umsonst ist die Psyche die besondere Stärke des Superschurken Mabuse (Rudolf Klein-Rogge): ein beinahe übermenschlicher „Mastermind“, der mit den Befindlichkeiten seiner Opfer spielt, sie wie Puppen manipuliert, um mit ihrer Hilfe nichts weniger als eine Weltherrschaft des Verbrechens zu planen.


Zeitgenössische Parallelen

Aus heutiger Perspektive denkt man an zeitgenössische Schurkenfiguren wie Moriarty aus der BBC-„Sherlock“-Serie. Oder an das Netzwerk in „Spectre“ bei „James Bond“, das ein Mabuse viele Jahre zuvor bereits weitaus perfider knüpfte. Mit dem Kriminalkommissar Lohmann (Otto Wernicke) hatte die Filmreihe zudem einen unkonventionellen und bei aller Akribie höchst emotional handelnden Cop zu bieten, der ebenso gut anno 2019 in Manhattan verortet sein könnte. Um sie herum: Menschen, die sich von Mabuses Spielen viel zu leicht einfangen und einschüchtern lassen, die Angst haben oder Dinge verbergen, mit denen man sie kleinhalten kann.

„Das Testament des Dr. Mabuse“ ist allerdings nicht nur ein Psychotrip, der dem inneren und äußeren Wahnsinn in Grimassen, exaltierten Monologen und ausgeklügelten Bildmontagen gerecht zu werden versucht, sondern auch ein ziemlich modernes Spektakel – ein „Sensationsfilm“, wie das einst hieß, was man heute als Blockbuster bezeichnen würde. Der Film lebt auch von der schieren Lust an dem, was filmisch möglich ist. Wie kann ein in einer Anstalt gefangener Wahnsinniger eine Verbrecherorganisation leiten die Anarchie predigen und als Exempel seiner Macht eine ganze Chemiefabrik in die Luft jagen? Fritz Lang zeigt es! Was heute Millionen verschlingen würde und schon damals nicht billig war, setzte der Regisseur in die Tat um. Im Booklet ist detailliert nachzulesen, wie Lang eine echte Fabrik fand und dieser effektvoll (und unter Lebensgefahr) in die Luft jagte, festgehalten auf Zelluloid.


Lob der Cinephilie

Die von Martin Koerber zusammengestellten Texte geben Einblicke in die technischen Herausforderungen der Dreharbeiten wie in die zeitgeschichtlichen Hintergründe. Solche cinephilen Ausführungen sind äußerst verdienstvoll. Allerdings geht das auch noch besser! Auf der US-amerikanischen „Criterion Collection“-Ausgabe des Films findet sich nicht nur ein wissenschaftlich fundierter Audiokommentar, sondern auch die von Lang parallel mit (abgesehen von Klein-Rogge) anderen Darstellern inszenierte französische Version „Le testament du Dr. Mabuse“.


Diskografische Angaben:

Das Testament des Dr. Mabuse. Deutschland 1933. Regie: Fritz Lang. Mit: Rudolf Klein-Rogge, Gustav Diessl, Otto Wernicke, Rudolf Schündler. 116 Min. FSK: ab 16. Anbieter: Atlas Film. Das Mediabook enthält den restaurierten Film im richtigen Bildformat als DVD und BD. Plus ein 24-seitiges Booklet mit zeitgenössischen und neuen Texte über den Film und die Rezeptionsgeschichte.


Fotos: Atlas Film

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