Berlinale 2019: „Grâce à Dieu“ von François Ozon (Wettbewerb)

Samstag, 09.02.2019

Das Drama um drei Missbrauchsopfer eines katholischen Priesters trägt wenig zur Erhellung der tieferen Gründe hinter dem kirchlichen wie staatlichen Systemversagen bei

Diskussion

Der Spielfilm von François Ozon über sexuellen Missbrauch durch katholische Priester ist ein Werk der allerbesten Absichten. Er stellt sich ganz auf die Seite der Opfer, bleibt in seiner Redlichkeit filmisch aber manches schuldig. Er trägt wenig zur Erhellung der tieferen Gründe hinter kirchlichem wie staatlichem Systemversagen bei.


Der Film hält sich nicht mit langen Vorreden auf. Fast unmittelbar setzt die Stimme von Alexandre ein. Der 40-jährige Banker aus Lyon ist glücklich verheiratet und hat fünf Kinder; er ist in der guten Gesellschaft der französischen Großstadt etabliert und trotz Zweifeln und Konflikten ein überzeugter Katholik. Doch sein Leben ist auch von einem lange verdrängten Geheimnis geprägt, über das er erst seit kurzer Zeit reden kann: Vor drei Jahrzehnten wurde er als Messdiener von einem Priester missbraucht. Da der Schuldige, Bernard Preynat, noch immer im Dienst der katholischen Kirche tätig ist, wendet Alexandre sich an den Bischof von Lyon, Kardinal Philippe Barbarin. Doch seine Anfragen beim Bischof und sogar beim Papst bleiben ergebnislos, obwohl er mittlerweile von weiteren Opfern berichten kann. So überwindet der gläubige Mann endlich seine Skrupel und zeigt die Taten bei der Polizei an, womit er eine Welle von Enthüllungen unter weiteren Opfern von Preynat lostritt.

"Grace a Dieu"
"Grâce à Dieu"

Zum ersten Mal in seiner filmischen Laufbahn greift der französische Regisseur François Ozon in seinem Spielfilm „Grâce à Dieu“ (Gelobt sei Gott) ein brandaktuelles Thema auf: die pädophilen Straftaten in der Diözese von Lyon und ihre Vertuschung durch Kirchenoberen. 2016 wurde Anklage gegen Bernard Preynat wegen erhoben, doch die Ermittlungen gegen den Priester sind immer noch nicht abgeschlossen. Im Januar 2019 fand ein Gerichtsverfahren gegen Kardinal Barbarin und sechs weiterer Mitglieder der katholischen Kirchenhierarchie wegen der Nichtanzeige der Fälle statt; das Urteil wird im März erwartet.


Auf der Seite der Opfer

Seitdem „Berlinale“-Chef Dieter Kosslick die Premiere von Ozons Film im Wettbewerb bekanntgegeben hatte, war „Grâce à Dieu“ deshalb mit besonderer Spannung erwartet worden, umso mehr als Kosslick den Film schon vorab mit Blick auf den Prozess als Beleg für die Aktualität des Kinos in Anspruch genommen hatte.

Aktuell ist „Grâce à Dieu“ zweifellos, und in der Aufarbeitung der Opferperspektive auch sehr akribisch. Ozon verzichtet auf die Provokationen, mit denen er einst als Regisseur bekannt wurde und die gelegentlich noch immer, wie jüngst in „Der andere Liebhaber“, in seinem Werk aufblitzen; er ordnet sich hier ganz der Chronologie der Ereignisse unter.

Um zu zeigen, dass Missbrauch nicht zwangsläufig bei allen Opfern die gleichen Auswirkungen hat, rückt Ozon stellvertretend drei Männer in den Fokus: Neben Alexandre (Melvil Poupaud), der trotz aller Rückschläge und der Abwehrhaltung der Kirche weiter an seinem Glauben und dem Vertrauen in die Institution festhält, sind François (Denis Ménochet), der sich schon lange von der Kirche abgewandt hat, und Emmanuel (Swann Arlaud), den es äußerlich und psychisch am schlimmsten von den dreien getroffen hat.

Filmdienst Plus

Ich habe noch kein Benutzerkonto
Kommentar verfassen

Kommentieren